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Klassentreffen – eine Zeitreise

Klassentreffen werden im Alter besser, denn die Menschen sind echter.

Ein knackiger Sechziger kommt nach 30 Jahren Auslandsaufenthalt zu einem Klassentreffen. Im Restaurant nimmt er neben seiner ehemaligen Banknachbarin Sophia Platz und stellt sich vor: «Rüdisüli, Peter.» «Wir kennen uns doch», lächelt die Nachbarin. Peter ist verunsichert und fragt vorsichtig: «Welches Fach haben Sie unterrichtet?»

Mit dem Alter ist es so eine Sache. Der Zahn der Zeit nagt vor allem am Gesicht der anderen. Man selbst fühlt sich natürlich viel jünger. Vielleicht sind Klassentreffen auch deshalb so beliebt, weil die meisten Teilnehmer dieser Selbsttäuschung gegenüber dem Rest der ehemaligen Klasse erliegen. Das hebt.

Wer in der Bekanntschaft herumfragt, hört somit von erstaunlich vielen, dass sie ihre Klassentreffen regelmässig wahrnehmen, wobei der Rhythmus variiert und mit steigendem Alter immer kürzer wird aus Sorge darüber, dass der eine oder andere inzwischen wegsterben könnte.

Sogar der Gottschalk

Und weil das Phänomen «ehemalige Schulklasse trifft sich zum Erinnerungsaustausch» so verbreitet ist, hat sich unlängst sogar der Unterhaltungskünstler Thomas Gottschalk in RTL mit einer Spielshow unter dem Titel «Back to School» versucht, in der jeweils zwei prominente Kandidaten mit ihren früheren Schulkameraden gegeneinander antraten – wobei die durchschnittliche Einschaltquote der vier Episoden allerdings nur bei 3,7 Prozent lag. Aber wer schaut schon RTL?

Natürlich ist das Thema auch wiederholt verfilmt worden. Dem Schweizer Publikum ist wohl am ehesten der böse Film «Klassezämekunft» mit Anne-Marie Blanc und der ganzen Schweizer Schauspielerprominenz der achtziger Jahre in Erinnerung, bei dem sich die Gastgeberin fünfzig Jahre nach Schulabschluss für den Mord an ihrer Jugendliebe rächt.

 

 

 

Auf Zeitreise

So dramatisch geht es an den allseits beliebten Klassentreffen aber wohl kaum je zu. Im Internet befragt mich regelmässig ein aufdringliches Menü namens «StayFriends» , wo ich zur Schule gegangen sei und möchte mir Kontakte vermitteln. Nicht nötig. Ich habe mich gerade wieder einmal an einem Klassentreffen in meiner Heimatstadt Berlin sehen lassen.

Ein solcher Kurztrip in meine alte Heimatstadt ist jeweils eine Zeitreise. Sie führt paradoxerweise zugleich in die Zukunft wie auch in die Vergangenheit. Immer mehr Hochhäuser schiessen empor und spiegeln die Silhouette der Stadt in ihren modernen Glasfassaden. Auf den Strassen drängen sich Menschen aller Hautfarben. Man hört alle Sprachen. Die Rolltreppen der Bahnhöfe, die Züge sind vollgestopft. In den beinah vierzig Jahren meines Lebens in der Schweiz hat sich die Zusammensetzung der Berliner Bevölkerung stark gewandelt.  Gleichzeitig stehen noch die alten Kulissen, sogar der Wochenmarkt auf meinem alten Schulweg findet noch statt. Unsere alte Waldschule unweit der Heerstrasse (Charlottenburg) hat sich zwar modernisiert. Statt in einzelnen Holzbaracken drücken die Kinder die Schulbank heute in mehreren soliden Gebäuden aus Stein. Aber diese stehen noch immer verteilt im Wald unter den vertrauten hohen Kiefern, deren Nadeln und Stämme bei Sonne ein so schönes dunkelgrün-rötliches Licht reflektieren.

Alles in dieser Stadt ist vertraut und unvertraut zugleich. Man kennt die Strassen, aber die Gesichter der Menschen, die aus den bekannten Gebäuden kommen, haben gewechselt. Ich bin zur Touristin in jener Stadt geworden, in der ich in jungen Jahren selbst Fremde aus aller Welt begleitet habe.

Und dann im «Alten Dorfkrug» plötzlich doch vertraute Stimmen, die alten Mitschüler! Nicht alle. Der ewige Pechvogel zum Beispiel fehlt. Er ist nicht der Einzige.

Leben in den Gesichtern

Wir sind inzwischen 76/77 Jahre alt. Unsere Gesichter sind faltig. Hier und da plagt ein Zipperlein oder auch Schlimmeres, über das man nicht spricht. Niemand ist auf der lange Strecke wohl ganz ungeschoren davongekommen. Aber «bange machen gilt nicht», sagen die Berliner. Die Einschränkungen, man trägt sie mit Humor. «Im Rücken hat’s die Omama, beim Opa ist’s die Prostata», witzelte seinerzeit ein alter Kollege. Sein Spruch fällt mir wieder ein, als die Herren während des «Znacht» öfter mal raus müssen. Aber ehrlich gesagt: Die Gesichter gefallen mir heute besser. Während sie zur Zeit unserer Matura noch skizzenhaft wirkten, steht heute in ihnen ein ganzes Leben geschrieben. Keiner hat es mehr nötig, eine Show abzuziehen. Sie haben ihre Fassaden abgeschüttelt, sie sind echt geworden, die alten Klassenkameraden.

 

Was mich immer wieder erstaunt ist, wie sehr die Charaktere dieser Mitschüler bereits in der Schulzeit erkennbar waren und in Kombination mit ihrem familiären Umfeld die Lebensläufe geprägt haben. Der ruhige, zuverlässige Beamtentyp hat eine entsprechend konstante Laufbahn eingeschlagen. Nach seiner Pensionierung beschäftigt er sich mit Namensforschung und hat dabei entfernte Verwandte im Toggenburg entdeckt. Der junge Pechvogel ist auch im Leben vom Pech verfolgt worden, wie er uns schon früher berichtete. Der Klassenbeste wurde Physiker und hat in der Autobranche mit Neuentwicklungen brilliert. Die klugen Lehrerkinder wurden Lehrerinnen und Lehrer, die pflichtbewussten Kinder sozial engagierter Ärztinnen schlugen die Medizinerlaufbahn ein. (In jener Nachkriegszeit vor 1956 waren Väter in der Minderzahl.) Auch die beiden Lausbuben, die sich mehr für Fussball als für Sprachen, Mathematik oder Chemie interessierten und denen ich zu jener Zeit keine grosse Karriere prognostiziert hätte, haben nicht nur die Kurve gekriegt, sondern waren in ihrem Leben so erfolgreich, dass sie einmal mit grossen Autos vorfuhren und die ganze Klasse zum Abendessen in den teuersten Klub der Stadt einluden. Natürlich engagieren sie sich als  Alte Herren immer noch für den Fussball.

«Weisst du noch…?

Über was reden alte Klassenkameraden wie die meinen in Berlin miteinander? «Weißt du noch…?» Die Frage wird natürlich immer wieder gestellt. Einer unserer Fussballer hatte seinerzeit – wohl eher aus Versehen – dem Schulrektor einen Schneeball an den Kopf geworfen. Wir erstarrten, als wir die unvermeidliche Frage hörten: «Wer war das?» Worauf der Bub hervortrat und schlicht sagte: «Ich». Wegen seines Muts ging er straflos aus. Kein Wunder hat er im späteren Leben reüssiert.

Die ernsthafteren Gesprächsthemen kreisen natürlich immer noch um die Berufssphäre. Die pensionierten Lehrerinnen diskutieren das Herumexperimentieren mit dem Schulsystem und beklagen das sinkende Leistungsniveau. Frühpensionierte berichten, warum sie vor dem Pensionsalter ausscheiden mussten, oder sie freuen sich über das Glück, ohne finanzielle Einbussen pensioniert worden zu sein. Man diskutiert die fehlende berufliche Sicherheit für die eigenen Kinder und berichtet vom Enkeleinsatz. Die Betuchteren berichten von ihren Bildungsreisen in ferne Länder. Auch die steigenden Einbrüche in Berlin kommen zur Sprache. Meiner ältesten Schulfreundin wurde unlängst ein ganzes Rad von ihrem Peugeot abmontiert.

La Suisse n’existe pas

Politisch hatte ich mich im Vorfeld gewappnet, um allfällige Fragen über das Schweizer Abstimmungsergebnis zur Begrenzung der Zuwanderung beantworten zu können. Aber das war nicht nötig. Man hatte den Abstimmungsausgang allenfalls als Nebensache zur Kenntnis genommen. Genaueres darüber war weder bekannt noch von Interesse. Aber man bedauerte, dass die Deutschen in der Schweiz nicht beliebt seien. Als Beispiel berichtete eine ehemalige Gymnasiallehrerin von einer Wüstenreise mit Schweizern, bei der sie als Deutsche ausgegrenzt worden sei, indem selbst wichtige Informationen über das Programm des nächsten Tages konsequent im Dialekt durchgegeben wurden.

Als Emigrantin (jeweils fünfzig Prozent des Lebens in dem einen und dem anderen Land) steht man bei solchen Berichten etwas hilfslos zwischen den Fronten. Generell habe ich den Eindruck, dass die Schweizer Bevölkerung viel aufmerksamer verfolgt, was sich politisch im «grossen Kanton» tut, als von dort in Richtung Alpen geschaut wird.

 

 

 

 

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