FrontKolumnenMax Waibel - Schweizer Friedensstifter

Max Waibel – Schweizer Friedensstifter

Zwei Begegnungen: das erste Mal vor 50 Jahren und jetzt in der Toskana.

Er ist mir 1964 in der Kaserne Allmend in Luzern als Waffenchef der Infanterie zum ersten Mal begegnet, asketisch schlank, streng in seinem Ausdruck, in tadelloser Uniform eines Divisionärs: Max Waibel. Wir hatten geradezustehen, unsere ganze Ausrüstung war vor uns ausgebreitet. Unsere Vorgesetzten waren nervös, angespannt. Dem Inspekteur ging ein besonderer Ruf voraus, gar etwas Mystisches, so genau konnte ich es damals nicht erfassen, unsere Vorgesetzten wohl auch nicht. Man wusste etwas über seine Rolle als Geheimdienstler im Zweiten Weltkrieg, wusste, dass er auch kurzfristig verhaftet worden war, weil er 1940 den Aufruf erlies, auch ohne bundesrätlichen Befehl die Schweiz gegen Deutschland zu verteidigen, aber auch, dass seine Rolle in der privaten Friedensmission für Norditalien umstritten war, Historiker seine Friedensrolle in Frage stellten.

Divisionär Max Waibel war an der Materialinspektion nicht besonders interessiert, hatte ich den Eindruck. Das Material war schnell gesichtet, nervende Einzelkontrolle der berühmten Nadeln im Mannsputzzeug gab es nicht, die Inspektion war schnell erledigt. Er interessierte sich weit mehr, ob wir die Waffen handhaben, ob wir etwas vom Gefecht verstehen würden, ob wir uns für sicherheitspolitische Fragen interessierten, ob wir den Wehrdienst sinnvoll fanden. Ich war in der Sommer-Rekrutenschule der Infanterie 1964 in Luzern als Rekrut.

1971 las ich, dass sich Max Waibel das Leben genommen hatte; er war als Verwaltungsratspräsident der Privatbank Ernst Brunner in den Skandal um den Luzerner Bankier involviert. Der 54-jährige Ernst Brunner, ein Mann, der nicht im Mittelpunkt stand, sondern der Mittelpunkt war, wie es in Luzern hiess, hatte sich das Leben genommen und eine marode, insolvente Bank hinterlassen. Dieser Skandal passt nicht in das Leben Waibels; er war als strenger Militär, als Nachrichtenoffizier, als Mann, der im Nachrichtendienst der Schweizer Armee im Zweiten Weltkrieg die Nachrichtensammelstelle „Rigi“ in Luzern als Major leitete, streng mit sich, anspruchsvoll an sich, in dieser für ihn fremden Welt der Banken schlicht überfordert, wohl als Gallionsfigur missbraucht worden.

Jetzt, im Juli 2014, sitze ich über dem Fluss Pesa im Vignale Lucarelli. Unten im Tal schlängelt sich die Straße, die Strada Chianti 222, von Siena nach Florenz über die hügelige Landschaft im Herzen der Toskana. Ich halte das Buch „1945 – Kapitulation in Norditalien, Originalbericht des Vermittlers“ in den Händen, lese gespannt die Geschichte, die Major Max Waibel 1946 aufgeschrieben hat. Wie er, animiert vom italienischen Baron Luigi Parilli mit seinem Landsmann, dem Luzerner Pädagogen Dr. Max Husmann, eine Friedensinitiative startete mit einem Ziel, den Krieg in Italien zwischen den Alliierten, der deutschen Wehrmacht, Italiens Mussolini und den Partisanen, von Kommunisten durchzogen, zu beenden. Wie es ihm in mühsamen und hartnäckigen Verhandlungen gelang, den deutschen Statthalter in Italien, den SS-Obergruppenführer Karl Wolff, „Höchster SS- und Polizeiführer“ und Bevollmächtigter General der deutschen Wehrmacht in Italien, mehrmals in die Schweiz zu lotsen, mit dem US-Geheimdienstler und späteren Chef der CIA, Allan Dulles, der in Bern residierte sowie zwei US-Generälen, in Kontakt zu bringen und dabei zu überzeugen, Hitlers Befehl, beim Rückzug nur „verbrannte Erde“ zu hinterlassen, nicht umzusetzen. Mehr noch: Es gelang den Schweizer „privaten“ Friedensstiftern gar, dass die deutsche Wehrmacht, die Heeresgruppe C, die zwar entkräftet, aber noch intakt war, am 29. April 1945 vorzeitig eine Kapitulations-Vereinbarung mit den US-Streitkräften unterschrieb.

Unten im Tal waren die amerikanischen GI‘s vorgerückt, badeten unter dem Entsetzen der schwarz und mit Kopftuch bekleideten Frauen nackt, erholten sich von den Strapazen des Feldzuges Richtung Norden. Hier im Podere Vignale Lucarelli lebten die Frauen und versorgten von hier aus „ihre“ Partisanen in den weiten Wäldern zwischen Greve, Radda und Castelina in Chianti.

Der Bundesrat hat 1946 Max Waibel geraten, seinen Bericht nicht zu veröffentlichen. Zu sehr war Waibel über seine Kompetenzen hinausgegangen, zu sehr war seine private Initiative mit der praktizierten Neutralität nicht zu vereinbaren gewesen. Waibel und seine Getreuen hatten bewusst darauf verzichtet, die Schweizer Behörden, den Bundesrat, über ihre Aktivitäten zu informieren. Sie hatten nur ein Ziel: das Ende des Krieges. Tausende Soldaten auf beiden Seite, und auch bei den Partisanen, sollten überleben, nicht im letzten sinnlosen Aufbäumen der deutschen Wehrmacht ihr Leben verlieren, Italiens Kulturgüter, die wirtschaftliche Infrastruktur, die Hafenanlagen wie in Genua, sollten verschont, der Nachwelt erhalten bleiben. Der deutsche SS-General Karl Wolff hat mitgespielt, hat sich von der Notwendigkeit einer Kapitulation überzeugen lassen; er hatte schon 1944 Rom verschont, auch Rom hat er nicht, wie von Berlin gefordert, als „verbrannte Erde“ hinterlassen.

Eduard Preiswerk, der Sohn des Mit-Herausgebers Hauptmann Eduard Preiswerk, der im Basler Bataillon 99 unter Major Waibel 1941-43 eine Kompanie führte, hat mir das Buch, den Originalbericht Waibels, das 1981 erschien, mitgebracht. Ich habe es in einem Zug an diesem historischen Ort gelesen. Auch wenn Historiker immer wieder die Friedensmission Waibels in Zweifel ziehen, Tatsache ist, dass viel Leid unterblieb, dass Rom, Florenz, Pisa, Mailand, im Gegensatz zu den deutschen Städten, nicht in Schutt und Aschen versanken.

Und ich werde künftig weit nachdenklicher am “Florence American Cemetery and Memorial“ in Val di Pesa, wo die Greve fliesst, knapp vor der Stadt an der „Autostrada“ zwischen Florenz und Siena, vorbeifahren, wohl auch anhalten und wieder mal einen Augenschein vornehmen. Dort zeugen 4402 weisse Kreuze im satten Grün von den US-Amerikanischen Soldaten und Frauen, die in der Toskana im Befreiungskampf der Alliierten von den Nazi-Herrschaft gefallen sind und Europa den Frieden brachten. Ohne Waibels Initiative wären es mehr.

Und heute: Wo sind die Friedensstifter in der Ukraine, im Nahen Osten, im Sudan, in Mali? Mutige Frauen, mutige Männer, die selbstlos einem Ziel dienen: dem Frieden. Und sich nicht fragen, wie Historiker künftig ihre Taten bewerten werden.

Panoramablick über den Soldatenfriedhof bei Florenz

 

Bild: wikipedia/commons/6/62/Florence American Cemetery and Memorial

 

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