FrontGesellschaftAus Galizien in den Aargau

Aus Galizien in den Aargau

Ein Film gegen das Vergessen. Er fordert heute mehr denn je Aufmerksamkeit, denn der Antisemitismus ist keineswegs besiegt.

Ein hochqualifizierter Wissenschaftler, der im Aargau eine neue Heimat gefunden hat, erinnert sich gegen Ende seines Lebens an die Stationen seines Lebens und reist noch einmal an den Ort seiner Kindheit.

Der Dokumentarfilm des Schweizer Filmer-Ehepaars Susanne und Peter Scheiner führt uns an der Seite von Jerzy Czarnecki vom Aargau zurück an seinen Geburtsort, das galizische Mosty Wielkie. Der Ort liegt nördlich von Lwiw, dem früheren Lemberg, bis 1918 Hauptstadt des österreichischen Galiziens. Damals waren die Juden dort nur eines unter vielen Völkern. Nach dem 1. Weltkrieg kam dieser Teil Galiziens zu Polen, wurde 1939 von den Sowjets besetzt, dann von Nazideutschland okkupiert und gehört heute zur Ukraine.

Geboren als Isaak Steger, wuchs Jerzy Czarnecki zwischen den Weltkriegen auf. Der Verschleppung durch die Nazis konnte er, 18-jährig, entgehen. Er fand hilfsbereite Polen, die ihm zu neuen Papieren und einem neuen Namen verhalfen, ihm ermöglichten, nach Warschau zu fliehen und ihn dort versteckten, bis er doch von den Nazis verhaftet wurde – als «Pole», nicht als Jude, was ihm viel bessere Überlebenschancen gab. Er kam als Zwangsarbeiter nach Deutschland, wurde kurze Zeit bis Kriegsende eingekerkert.

Jerzy Czarnecki wusste, dass es keinen Sinn hatte, in seine Heimat zurückzukehren. Er studierte in Warschau, wurde Elektroingenieur und Hochschullehrer mit Spezialgebiet Sicherheit von Atomreaktoren. Doch es kam ein weiterer Bruch in seinem Leben: Ende der 60er Jahre erlebte das damals kommunistisch regierte Polen eine Welle von Antisemitismus. Der angesehene Professor musste seinen Lehrstuhl räumen und sah sich gezwungen auszuwandern. Czarnecki kam in die Schweiz, wo er noch einmal Glück hatte: Als ausgewiesener Experte fand er in der gerade neu geschaffenen Sicherheitsbehörde für Atomanlagen eine angemessene Tätigkeit.

Erst Anfang des neuen Jahrtausends entschliesst sich Czarnecki, nun selbst Schweizer Bürger, in Gesprächen mit dem Filmemacher Peter Scheiner, den Ort seiner Kindheit noch einmal zu besuchen.

Susanne und Peter Scheiner haben einen Dokumentarfilm ohne packende Handlung gedreht. Umso mehr bewegt er die Zuschauenden durch die klare, nüchterne Dokumentation dessen, was Czarnecki auf seiner Reise erlebt. Aus zahlreichen Dokumentaraufnahmen erschliesst sich, was während der Nazi-Besetzung und später während der antisemitischen Welle in Polen geschehen ist. Der Aussagekraft dieser Fakten kann sich niemand entziehen.

Zu denken gibt die Tatsache, dass junge Menschen in der Ukraine und wohl auch anderswo gar nicht mehr genau wissen, was der 2. Weltkrieg mit sich gebracht hat, welches Unrecht in jenen Jahren geschehen ist. Nicht nur das Wissen über die geschichtlichen Ereignissen scheint verloren zu gehen, sondern auch der Sinn für den historischen Boden, auf dem die heutige Gesellschaft aufbaut. Was daraus werden kann, zeigt der Epilog.

Der Film stellt die Ereignisse dar, wie sie Jerzy Czarnecki erlebt hat. Wir erfahren, dass seine gesamte Familie ermordet wurde. Wir sehen die Ruinen der Synagoge von Mosty Wielkie. Jerzy Czarnecki hat allem Schrecken und Unheil widerstanden und nie Willen und Kraft verloren, sein Leben lebenswert zu gestalten. Er klagt nicht und versinkt nicht in Selbstmitleid. Seine innere Ruhe, seine Besonnenheit beeindrucken. Wie nebenbei sagt er an einigen Stellen, dass ihm diese Reise Überwindung gekostet hat, dass es ihm nicht leicht fällt, seine Vergangenheit noch einmal anzuschauen.

Seine Lebenseinstellung findet Widerhall in seinen Begegnungen. Im Haus seiner Familie trifft er einen ukrainischen Unternehmer der jüngeren Generation, Mitglied der Stadtregierung. Der neue Besitzer und seine Familie nehmen ihn freundschaftlich auf, laden ihn in ihre Familie ein, denn sie fühlen sich nicht verunsichert von früheren Besitzrechten, die Czarnecki wohl moralisch besässe, aber gar nie in Betracht zieht.

Das bewegt ihn wohl auch, noch zweimal dorthin zu reisen. Er veranlasst, dass der Platz um die Ruine der Synagoge gereinigt und eine Gedenktafel angebracht wird mit den Namen der jüdischen Opfer in Mosty Wielkie.

Aus erschreckendem Anlass haben Scheiners ihrem Film einen Epilog angefügt:
Kurze Zeit nach Fertigstellung des Films «Aus Galizien in den Aargau» stiftete Czarnecki seinem Heimatort ein Denkmal. Dieses wurde in einem Wald der Umgebung aufgestellt, wo seinerzeit rund 1400 jüdische Menschen erschossen und in einer Grube verscharrt worden waren. Im Jahr 2011 (Czarnecki war 2007 verstorben) wurde das Denkmal schwer beschädigt und mit Nazisymbolen und judenfeindlichen Sprüchen beschmiert; die Täter sind nach wie vor unbekannt. Der Epilog fängt die gegenwärtige Stimmung in dem Städtchen ein und dokumentiert, wie die Menschen auf die Zerstörung des Denkmals reagieren.

Das Denkmal, als Zeichen der Versöhnung gestiftet

Susanne und Peter Scheiner drehen seit mehr als 30 Jahren vorwiegend Schulungs- und Dokumentarfilme, für die sie mehrere wichtige Preise erhielten. Susanne Scheiner hat Romanistik studiert. Bei ihren Filmarbeiten an der Seite ihres Mannes obliegt ihr neben Regiearbeiten das Drehbuchschreiben. Peter Scheiner, geboren in der Slowakei, musste 1968 als Student fliehen, als die Hoffnungen der Dubček-Reformer durch den russischen Einmarsch brüsk zerschlagen wurden. Er widmet sich seit jenen Zeiten dem Filmen.

Jeder in dieser Branche weiss, welch dornigen Pfad er betritt, wenn er ein Filmprojekt realisieren will. Enthusiasmus und Durchhaltevermögen sind zwar Vorbedingung, genügen aber durchaus nicht! Für Dokumentarfilme, die meist zu Unrecht im Schatten der Spielfilme stehen, ist es fast unmöglich, das notwendige Geld aufzutreiben. So erstaunt es nicht, von den beiden zu hören, dass sie noch viele Ideen für weitere Filme im Kopf haben, ohne zu wissen, ob sie diese je verwirklichen können.

Der Film wird im Kino Stüssihof am 19. Oktober 2014/11.30 gezeigt. Anschliessend findet ein Gespräch mit den Filmemachern statt. Reservation hier.
Aus Galizien in den Aargau
. Wege eines jüdischen Europäers im 20. Jahrhundert
AVA Scheiner AG; Dokumentarfilm 45 Minuten DVD (Fr. 35.-) Bestellung bei www.artfilm.ch

Alle Fotos: © AVA Scheiner

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