FrontKulturSpektakel um gerechten Mord

Spektakel um gerechten Mord

Sebastian Baumgarten zeigt in der Zürcher Schiffbau-Halle eine spielerisch grandios umgesetzte Inszenierung von Dostojewskis „Schuld und Sühne“.

Kann man das perfekte Verbrechen begehen? Gibt es so etwas wie einen «gerechten Mord», der zwar eine Person das Leben kostet, dafür aber vielen anderen Menschen nützt? Lässt sich das menschliche Gewissen durch rationale Überlegungen zum Schweigen bringen? Diesen Fragen spürt Fjodor M. Dostojewski in seinem Roman „Schuld und Sühne“ nach.

Das hierzulande bekannteste und beliebteste Werk des russischen Autors schildert in einer meisterlich aufgebauten Kriminalgeschichte den Mord des Studenten Raskolnikow an einer alten Pfandleiherin und deren Schwester und die anschließenden Gewissensqualen des Mörders. Raskolnikow hält sich für eine Art Übermenschen, er vergleicht sich mit Napoleon und sucht seine Tat mit rationalen Argumenten zu rechtfertigen. Doch nach dem Mord schlittert er in eine langsame, nagende Verzweiflung, die sein schlechtes Gewissen verursacht. Die tugendhafte Prostituierte Sonja kann ihn schließlich dazu überreden, seine Schuld einzugestehen und ein neues Leben zu beginnen.

Vierstündiges Multimediaspektakel

Regisseur Sebastian Baumgarten macht aus dem Roman ein temporeiches vierstündiges Multimediaspektakel. Einem Actionkino gleich werden die Handlung und die zeitlose Essenz des Romans im Russland Ende des 19. Jahrhunderts mit zahlreichen elektronischen Spezialeffekten durchgespielt. Da donnert immer wieder in rotierenden Lichtkegeln Helikopterlärm über die Köpfe der Zuschauer hinweg, werden Schritte und andere Geräusche der Schauspieler effektvoll verstärkt, das Mordgeschehen und andere Gegebenheiten des Verlaufs sowie ergänzende Textteile auf mehreren grossen Projektionsflächen ausgebreitet. Schräge Holzverschläge und andere karge Behausungen sowie billiges Mobiliar markieren das Unterschichtenmilieu, in dem Raskolinow und seine Mitstreiter sich abmühen (Bühnenbild: Barbara Ehnes).

Henrike Johanne Jörissen Awdotja und Markus Scheumann als Raskolnikow. (Bilder: Tanja Dorendorf / T+T Fotografie)

Die Zuschauer sitzen im Schiffbau auf drei Seiten im Halbrund bis weit hinauf zur Hallendecke. Die Darsteller agieren teils inmitten der Zuschauer, rennen unermüdlich die steilen Tribünentreppen auf und ab. Die Zuschauer finden sich mitten im Geschehen, müssen unablässig den Kopf drehen, um dem Treiben zu folgen. Und gespielt wird äusserst intensiv: mit viel Getöse und akrobatischen Einlagen wird die unheilvolle Verbindung von Armut und Überlegenheitsideologie mit fatalem Ausgang zelebriert, ideologisches Geplapper um den gerechten Mord betrieben. Dabei wird viel Wodka getrunken, um die Welt und deren Abgründe glasklarer zu sehen, und werden etliche Selbstmorde begangen.

Auch Bezüge zur Gegenwart fehlen nicht, indem Videos mit russischen Hilfskonvois in der Ostukraine und ein in einem Tribünenteil eingelassener Militärjeep drohende Kriegsgefahr signalisieren. Und bedrohlich wird es tatsächlich am Schluss, indem Baumgarten die ganze Truppe zusammen mit dem aus der sibirischen Gefangenschaft heimgekehrten Raskolnikow zu faschistoidem Laibach-Sound in Militäruniform im Gleichschritt und mit wehender roter Fahne stampfen lässt.

Meisterliche Schauspielkunst

Die Schauspieler mühen sich redlich, dem wilden Treiben gerecht zu werden. Markus Scheumann spielt mit viel Körpereinsatz den Studenten, Mörder und Helden Raskolinow mit überragendem Sendungsbewusstsein sehr differenziert, mal arrogant und rechthaberisch, dann wieder zögernd und zweifelnd. Lisa Bitter gibt eine gebrechliche und schwärmerische Prostituierte Sonja, die mit ihrem spiritistischen Hoffen auf göttliche Erlösung Raskolinow zur Selbstanzeige umzustimmen vermag. Zum Kabinettstück gerät die Überführung von Raskolinow durch den Bonbons lutschenden Untersuchungsrichter Porfiri, meisterlich dargestellt von Norbert Stöss. Meisterlich auch die Verwandlungskünste von Lukas Holzhausen, der gleich mehrere Rollen als trunkener Titularrat Mameladow, als schwadronierender Hofrat Luschin und als neureicher Gutsbesitzer Swidrigallow mit Bravour meistert. Grossartig auch Susanne-Marie Wrage, Anne Ratte-Polle und Henrike Johanna Jörissen, die ebenfalls in mehreren Rollen als humpelnde Pfandleiherin, als Raskolinows beherzte Mutter, als resolute Vermieterin, als Raskolnikows kokettierende Schwester Awdotja glänzen.

Baumgartens Versuch, die Frage nach Verbrechen und Strafe anderthalb Jahrhunderte nach Dostojewski in einen ganz neuen, bombastisch gestalteten Hintergrund mit aktuellen Bezügen zu stellen, ist durchaus sehenswert und anregend. Das Premierenpublikum fand Gefallen daran und bedankte sich mit lang anhaltendem Applaus.

Weitere Spieldaten: 22., 23., 25. September, 1., 2., 4., 7., 8., 10., 11., 20., 21., 24., 25., 26. Oktober, je 19.30 Uhr; 28. September und 27. Oktober, je 18.30 Uhr.

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