FrontAllgemeinWie die Krippe den Weg in die Stube fand

Wie die Krippe den Weg in die Stube fand

Ausstellung «Weihnachten und Krippen» im Landesmuseum Zürich: 23 Krippen mit vorwiegend kunsthandwerklichen Figuren aus der Schweiz und aus Nachbarländern.

Die Schneelandschaft, die wir in der Ausstellung „Weihnachten und Krippen“ im Landesmuseum Zürich antreffen, funkelt. Schnee zu Weihnachtskrippen ist historisch kaum belegt, scheint aber weltweit zu den Vorstellungen von Weihnachten in Europa zu gehören.

Das Landesmuseum zeigt Krippen im Alpenraum, und den Kindern scheint die Schneelandschaft zu gefallen. Die Ausstellung wendet sich denn auch besonders an Kinder und an ihre Begleiter und lädt mit 23 Krippen und einem Mitmachprogramm zum Entdecken und Spielen ein.

Krippen ab 1784 aus öffentlichen Räumen verbannt

Bilder von Krippen gab es bereits im Frühchristentum, erste Darstellungen um 500 in Mosaiken in Ravenna und Rom, wie Wikipedia belegt. Die szenischen Bilder von Weihnachten wurden durch katholische Orden weiterentwickelt und fanden ihren Höhepunkt um 1600 in Tschechien, in Österreich und in Süddeutschland. Nach der Reformation verboten Kaiserin Maria Theresia und Joseph II, und 1784 der Salzburger Fürsterzbischof Hieronymus Franz Josef Colloredo von Waldsee, die Weihnachtskrippen in öffentlichen Gebäuden und Kirchen. Sie seien zu üppig und zu luxuriös. Das Volk aber liess sich seine Weihnachtskrippe nicht nehmen und führte den Brauch im privaten Bereich weiter.

Weise aus dem Morgenland, Kloster St. Anna Luzern. Spätes 17.-18.Jh., diverse Materialien. Schweizerisches Nationalmuseum.

Krippen ab dem 18. Jahrhundert

Hier setzt die Ausstellung ein. Das Landesmuseum zeigt 23 Krippen ab dem 18. Jahrhundert. Die Vielfalt bezaubert. Diese Weihnachtskrippen sind Spiegelbild ihrer Zeit und des Lebens, sie wurden aus verschiedensten Materialien hergestellt und mit unterschiedlicher Technik auch kunsthandwerklich weiterentwickelt.

In der Ausstellung fällt der erste Blick auf das lebensgrosse Jesuskind in einer Futterkrippe, ein Christkind mit einem lieblichen Gesicht, das den Betrachter mit weit ausgestreckten Armen empfängt. Man muss es gleich liebhaben und möchte es streicheln, was zwar nicht offiziell erlaubt ist aber wohl auch nicht verhindert werden kann. Dessen ist sich das Benediktinerkloster Einsiedeln als Leihgeberin bewusst.

Die weiteren Weihnachtskrippen sind in sieben Iglus und in Schaukästen geborgen und wohlweislich hinter Glas geschützt. Die ältesten Darstellungen stammen aus dem 17. – 19. Jahrhundert. Sie wurden in Klöstern hergestellt, zwei davon im Kloster St. Anna in Luzern, die Figuren mit Wachsgesichtern, ausgestattet mit Kleidern aus kostbaren Stoffen. Eine Weihnachtskrippe aus Appenzell Innerrhoden bezaubert durch die liebevollen Details, die Figuren aus gefärbtem Wachs, der Josef mit Hut und Säge, Maria mit einer Tasche mit Schriftrollen.

Figurengruppe mit der Heiligen Familie, Zürcher Porzellanmanufaktur Schooren. (1, v.r.) Um 1780, Weichporzellan, bemalt. (2) Um 1780, Gips. (3) Um 1900, Ton, ungebrannt. Schweizerisches Nationalmuseum.

Weihnachtskrippe um 1780 aus der Porzellanmanufaktur Schooren

Die älteste Weihnachtskrippe für den häuslichen Bereich, eine Figurengruppe der Heiligen Familie, stammt aus der Zürcher Porzellanmanufaktur Schooren. Im Schaukasten wird der Werdegang gezeigt, von den Modellformen aus Gips über das Zusammensetzen der Figur und die spätere Ausformung bis zur vollständigen Krippe mit Rundbogen und Engel. Für diese Porzellanfiguren braucht es insgesamt 36 Formen.

Der Einsiedler Modelleur Franz Sales Fuchs brannte seine Figuren um 1836 aus Ton. Jean Jules Cambos goss Maria und das Christkind um 1916 aus Gips, den er fein polierte und damit weissen Marmor imitierte. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurden die meisten Krippenfiguren aus Ton geformt, auch die Santons, die in Südfrankreich um 1970/1990 gebrannt und bemalt wurden.

Um 1985, Holz, geschnitzt, bemalt. Josef (Sepp) Zurfluh, Engelberg. Leihgabe Sarnen/Meggen.

Die Tradition der Holzbildhauer

Drei Krippen stammen aus Brienz, Engelberg und Lungern aus den Jahren 1925, 1950 und 1985. In Brienz kann seit 1884 in der einzigen Schnitzlerschule der Schweiz das Holzbildhauerhandwerk erlernt werden. Die Holzbildhauer schnitzen das ganze Jahr hindurch Weihnachtsfiguren, die bei Touristen sehr beliebt sind. Das Migros-Magazin hat am 8.12.2014 ein Gespräch mit dem dienstältesten Holzbildhauer der Schweiz veröffentlicht.

Das Holzschnitzen ist auch im Erzgebirge eine wichtige Erwerbsquelle. Eine gedrechselte und bemalte Krippe stammt aus Dresden. Eine Weihnachtspyramide mit beweglichen Tellern und Flügelrad für die Warmluft gehört in Sachsen zum Symbol für ein Weihnachtsfest.

1999, Salzteig, bemalt, Bruna Musto, ehemals Vicosoprano, Leihgabe Lenzburg.

Figuren aus Papier, Textilien, Stroh und Salzteig

Verschiedene Weihnachtskrippen aus den letzten 40 Jahren verschaffen den Grossmüttern heute Aha-Erinnerungen: Die Krippe aus Stroh von Anny Hoppler aus dem Freiamt, die Figuren aus Salzteig von Bruna Musto aus Vicosoprano, die Krippen aus Textilien der Schwestern Maria und Carolina Muoth aus Brigels und von Hanny Roduner aus Zürich. Haben wir in den 80er Jahren vor Weihnachten nicht alle mit unseren Kindern mit Stroh, Salzteig und Stoffen gebastelt und Kurse besucht, die wir dem Vorbild dieser Künstlerinnen verdanken? Einige Frauen mögen sich auch noch erinnern an die Krippenfiguren aus Knetmasse, die man 1992 mit dem Kauf einer Büchse Ovomaltine geschenkt bekam. Auch sie sind im Landesmuseum ausgestellt wie auch die Krippenfiguren aus Karton, die seit dem 17. Jahrhundert in Tschechien als günstiger Ersatz für Holzfiguren in getrocknetes Moos gesteckt werden.

Um 1910/1920, Papier, bemalt. Karel Jankele, Vater (1838-1919) und Karel Jankele, Sohn (1872-1919) aus Ceska Trebova. Leihgabe der Enkelin und Urenkelin der Künstler, Meggen.

Ein weihnachtlicher Rundgang, der berührt und der mit einer Führung noch nachhaltiger wirkt. Die Kinder überlässt man am besten den Fachfrauen im Spielbereich (mit vorheriger Anmeldung).

Ausstellung „Weihnachten und Krippen“ im Landesmuseum

bis 4. Januar 2015
Öffnungszeiten Di-So 10-17 Uhr / Do 10-19 Uhr
Feiertage: 24.12.14: 10 –14 Uhr
25.12./26.12./31.12.14/01.01/02.01.15 jeweils 10-17 Uhr

Anmeldung für alle Führungen und Bastelangebote:
Telefon +41 (0)58 466 66 00
reservationen@snm.admin.ch

Teilnehmerzahl beschränkt

Landesmuseum Zürich
Museumsstrasse 2
8001 Zürich

Weitere Krippenausstellungen in der Schweiz in
«Gloria», Zeitschrift der Schweizerischen Vereinigung der Krippenfreunde
31. Jg., 2014/2 (ab Seite 48)

Bildlegenden Landesmuseum Zürich:
Titelbild und Bild 1: Die Nonnen aus dem Kloster St. Anna in Luzern haben die grossen, mit prachtvollen Stoffen bekleideten Figuren für die Krippe in ihrer Klosterkirche geschaffen. Dies geschah in einer Zeit, als Krippen einzig in den Kirchen die Heilsgeschichte veranschaulichten. Das Ensemble wurde im Lauf der Zeit immer wieder mit neuen Figuren ergänzt oder die Kleider der neusten Mode angepasst. Spätes 17.-19. Jh., diverse Materialien. © Schweizerisches Nationalmuseum.

Bild 2: Die in der Zürcher Porzellanmanufaktur Schooren entstandene Figurengruppe mit der Heiligen Familie ist die älteste bekannte Krippe aus dem häuslichen Bereich (1). Für jedes Figurenteil wurde eine Modellform aus Gips (2) hergestellt. Insgesamt brauchte es hierfür 36 Formen. Der Bossierer setzte die Teile zu einer Figur zusammen und glättete die Ansatzstellen. Eine spätere Ausformung (3) zeigt die vollständige Krippe mit einem Rundbogen und Engel, der ein Spruchband hält.
(1) Um 1780, Weichporzellan, bemalt. (2) Um 1780, Gips. (3) Um 1900, Ton, ungebrannt. Schweizerisches Nationalmuseum. © Schweizerisches Nationalmuseum.

Bild 3:Josef (Sepp) Zurfluh (1943-2011) hat bereits als Knabe seinem Vater, einem Figurenschnitzer, über die Schulter geschaut und zum Schnitzlermesser gegriffen. Sein erstes Werk war dann eine Weihnachtskrippe. Nach dem Besuch der Kunstgewerbeschule in Luzern liess er sich in Engelberg nieder, wo er als Holzbildhauer, Skilehrer und Bergführer seinen Wirkungskreis gefunden hatte. Seine Krippenfiguren waren bei den Touristen gefragte Erinnerungsstücke.
Um 1985, Holz, geschnitzt, bemalt. Josef (Sepp) Zurfluh, Engelberg. Leihgabe Sarnen/Meggen. © Schweizerisches Nationalmuseum.

Bild 4:Im Heimatwerkladen von Soglio (Bergell) stellte Bruna Musto Hirten und Schafe aus Salzteig aus. Auf Bestellung schuf die Gattin des Pfarrers von Vicosoprano diese vollständige Krippe. Das Material muss bei der Verarbeitung sehr geschmeidig sein und stellt hohe Anforderungen an die Gestalterin. Durch gekonntes Modellieren ist es Bruna Musto gelungen, dreidimensionale Figuren zu schaffen. Inspiriert haben sie die Natur des Bergell und die weihnachtlichen Traditionen im Tal.
1999, Salzteig, bemalt. Bruna Musto, ehemals Vicosoprano, Leihgabe Lenzburg. © Schweizerisches Nationalmuseum.

Bild 5: In Tschechien war es ein alter Brauch, an der Weihnachtsfeier im Familienkreise auf Karton gemalte Krippenfiguren aufzustellen. Seit dem 17. Jahrhundert bildeten sie einen günstigen Ersatz für die plastischen Holzfiguren. Typisch für die Tschechische Papierkrippe ist ihre dicht gestaffelte Aufstellung mit Dutzenden von Figuren. Beim Aufbau werden die Figuren von hinten nach vorne ins getrocknete Moos eingesteckt. Die Krippe erhält damit die gewünschte Tiefe.
Um 1910/1920, Papier, bemalt, Karel Jankele, Vater (1838 – 1919) und Karel Jankele, Sohn (1872 – 1919) aus Ceska Trebova. Leihgabe der Enkelin und Urenkelin der Künstler, Meggen. © Schweizerisches Nationalmuseum.

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