FrontGesellschaftAltern? Mit dem grössten Vergnügen!

Altern? Mit dem grössten Vergnügen!

Böse Bilder zeigt die Ausstellung „Das Alter in der Karikatur“ in der Bibliothek Pro Senectute Schweiz. Die Altersidylle wackelt, erklärt Kuratorin Dr. Franziska Polanski.

Neunzig Karikaturen von vierzig Karikaturisten zum Thema Alter sind in der Bibliothek Pro Senectute Schweiz an der Bederstrasse in Zürich zu sehen. Es sind Bilder, die den schönen Schein enttarnen, der heute auf dem wohlorganisierten Umgang mit dem hohen Alter liegt.

Lustig sollen die Bilder wirken. Einige verstören und verunsichern. Lachen kann man, sofern man nicht zu dieser Gruppe gehört, über die eitlen Männer, die sich bis zum Lebensende ihrer sexuellen Anziehungskraft rühmen. Und über die Frauen, die sich als jugendliche Statue erhalten wollen. Doch beim Zivildienstleister, der dem Computer mit „enter“ befiehlt, dem Alten den Arsch abzuwischen, bleibt das Lachen im Hals stecken. Wo bleibt die „political correctness“?

Zum Teufel mit der „political correctness“

„Political correctness“ werde heute statt von gegenseitiger Achtung von der Angst vor politisch unkorrektem Denken überschattet. Diese Angst lasse Diskussionen über brisante Themen im Keim ersticken, schreibt Dr. Gottfried Schatz in der NZZ vom 24.2.2015. Rationales und leidenschaftsloses „politisch unkorrektes“ Denken aber sollte nicht nur geduldet sondern nach Kräften gefördert werden.

Kuratorin Franziska Polanski beruft sich in ihrer Einführung auf den Artikel von Gottfried Schatz. Die Karikaturisten sind die „enfants terribles“ der Kunstgeschichte. Mit der Satire hebeln sie die „political correctness“ aus. Die Satire stellt eine Gegenwelt dar. Sie sticht in die Blase unbewusster Ängste, die bei jedem Menschen anders gelagert sind. Das Lachen lässt die Blase platzen und fördert damit ureigenste Gefühle unkontrolliert zutage. Diese Öffnung verunsichert, sie ist unbequem und unerwünscht, weil sie sich der rationalen Kontrolle entzieht. Doch der Humor führt zu einer „emotionalen Reinigung“ und ermöglicht eine ehrliche Diskussion über Themen, die durch Meinungsdiktaturen zu oft in Hinterstuben gedrängt werden.»

«Lastenverteilung» Gerhard Haderer, 2007

Darf man über das Alter lachen?

Die Karikaturisten wünschen, dass über ihre Werke gelacht wird. Die Bilder wollen lustig sein. Nichts sei für den Hochkomiker schlimmer als ein Lob für „Tiefsinn im heiteren Gewande“, sagen die FAZ-Karikaturisten Greser und Lenz, und ergänzen „Jeder Krieg hat seine Opfer, das Gleiche gilt für den guten Witz.“

Lustig sein, sei der ureigenste, erste und wichtigste Sinn von Ausstellung und Begleitbuch, bestätigt Franziska Polanski. Und so nebenbei dürfen die Karikaturen auch zum Nachdenken über das Alter anregen.

Ausstellung zum ersten Mal in der Schweiz

Dr. Franziska Polanszki, Kuratorin der Ausstellung und Leiterin des Forschungsprojektes «Altersbilder in Karikaturen deutscher Zeitschriften» am Marsilius-Kolleg der Universität Heidelberg

Die Ausstellung basiert auf einem Forschungsprojekt über Altersbilder in Karikaturen an der Universität Heidelberg. Harm-Peer Zimmermann, der im letzten Jahr in der Pro Senectute Bibliothek über eine Kultur des guten Lebens im Alter sprach, hat Kuratorin Franziska Polanski mit den Bildern in die Schweiz eingeladen. Nach drei Monaten wandert die Ausstellung weiter nach Frankfurt.

Ausgestellt werden Kunstdrucke von Bildern hochkarätiger Karikaturisten, hergestellt in verschiedenen Techniken. Ausgewählt und beurteilt wurden sie durch Fachleute aus den neun auflagestärksten deutschen Zeitschriften im Zeitraum von 1960 bis 2007, ohne politische Karikaturen, keine Auftragswerke, keine Serien und keine Illustrationen von Texten. Mit nur 2 % der Karikaturen ist das Alter in der Presse unterrepräsentiert. Zudem betreffen 90 % dieser Bilder das sogenannte junge Alter von 60 bis 80 Jahren.

Da die Karikaturen ohne Text blitzartig verstanden werden sollen, greifen die Zeichner auf eine für das Alter allgemein bekannte Bildsprache zurück: Haare, Brille, Falten, Stock. Der reale Wandel der letzten Jahre spiegelt sich noch nicht in der Karikatur. Franziska Polanski wünscht sich für die Frauen noch weitere Projektionsflächen als nur den Jugendlichkeitswahn. Neue Themen sind im Kommen, bei Franziska Becker in „Kinderspiel“ mit der Oma am Computer und in „Ruhestand“ mit der Oma im Fischerboot, die sich eine Auszeit vom Enkelhüten nimmt.

Karikaturen sind elitär geworden

Die Karikaturen sind heute am Verschwinden. Die Zeitschriften verfügen über zu wenig Geld. Die Künstler werden schlecht bezahlt. Einzelnen fehlt die Motivation, weil sie kein Risiko eingehen möchten. Im Gegenzug zu gedruckten Bildern werden junge Künstler im Internet aktiv und verbuchen dort 100‘000 und mehr Klicks.

Ausstellung „Das Alter in der Karikatur“
Pro Senectute Bibliothek
Bederstrasse 33, CH-8002 Zürich

Das Buch (gilt als Ausstellungskatalog)
„Das Alter in der Karikatur“
Franziska Polanski Heidelberg
Taschenbuch, 97 Bilder, 123 S., CHF 25.90
ISBN 978-3-00046-511-6
2014 Implizit-Verlag

Bilder:
«Botox-Boom“, Gerhard Haderer, 2010 (Lead)
«Lastenverteilung», Gerhard Haderer, 2007
Fotos Brigitte Poltera

Cool sein im hohen Alter
Harm-Peer Zimmermann fordert eine Kultur des guten Lebens im Alter

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