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Verheissungsvolle Knospen

Noch sind die kalten Nächte nicht vorbei, aber die Frühlingssonne weckt trotzdem die Knospen an Bäumen und Sträuchern. Es ist jedes Jahr von Neuem ein Wunder.

«Nun bricht aus allen Zweigen das maienfrische Grün», heisst ein altes Volkslied von Julius Rodenberg, vertont von Ludwig van Beethoven. Ob es dem Klimawandel geschuldet ist, dass sich die Knospen heute mehrheitlich bereits im April öffnen? Oder passte das «aprilfrische Grün» nichts ins Versmass – und würde uns heute vor allem an Waschnmittelwerbung erinnern?

Gepanzert, verleimt oder geschuppt

Sicher aber ist, dass jede Knospe ein kleines Wunderwerk ist. Es gibt solche, die haben eine dicke Panzer-Schutzhaut oder einen schuppenförmigen Überzug, andere tragen winzige Pelzchen oder sind mit Harz überzogen und so vor Feuchtigkeit geschützt. Denn Knospen werden von den Pflanzen bereits im Herbst angelegt, verharren dann in der Winterruhe und schwellen mit den ersten warmen Tagen an, werden dicker und entlassen irgendwann die ersten Blättchen oder Blüten.

Johannisbeeren im Knospenstadium

Bei Obstgehölzen lässt sich bereits im Herbst sagen, ob sie im nächsten Jahr reichlich blühen werden. Denn die Blütenknospen unterscheiden sich von den Blattknospen in Form und Grösse. Gut zu wissen beim Obstbaumschnitt. Die Zweige mit den vielen dicken Knospen, die zudem früher aufbrechen, sind die fruchttragenden. Die Blattknospen sind deutlich kleiner und schmaler.

Gefürchteter Knospenfall

Natürlich haben auch Sträucher und Stauden Knospen – und manche bringen Gartenbegeisterte zur schieren Verzweiflung. Da hat man eine Orchidee, die wunderbar durchtreibt und zwei, drei Stängel voller Blütenknospen aus ihren dicken Blättern hervorschiebt. Weil die vorher blütenlose Pflanze ja keine Augenweide war und deshalb etwas im Hintergrund gehalten wurde, möchte man jetzt das zu erwartende Blütenwunder prominent platzieren – mit dem Resultat, dass alle Knospen innert kurzer Zeit abfallen.

Kamelien sind ähnlich kapriziöse Diven und früher war es auch der Weihnachtstern (Euphorbia). Diesem wurde die Unart weggezüchtet und auch die neusten Kamelienarten sollen dem Vernehmen nach deutlich robuster sein.

Frühlingsfrost ist gefährlich

Manchmal sind es auch Schädlinge oder Schimmelpilze, die, zum Beispiel bei den Rhododendren, einen Knospenfall auslösen. Winterkälte kann übrigens den Knospen meist nichts anhaben, dazu sind sie zu gut geschützt. Gefährlich wird es erst im Frühling, wenn das Knospenwachstum eingesetzt hat und sich die Schutzschicht langsam lockert, um die Blüten und Blätter ans Licht zu entlassen.

Dann kann eine einzige kalte Nacht eine ganze Ernte vernichten. Wer ein Aprikosenspalier an einer exponierten Südwand hat, kann ein Lied davon singen. Die Aprikosenbauern im Wallis greifen dann zu einem drastischen Mittel: Sie spritzen die Aprikosenbäume am Abend mit Wasser ab. Dieses gefriert und bildet so ein, wenn auch ziemlich eisiges, Mäntelchen um die empfindlichen Knospen, das die Frühlingssonne dann wieder wegschmilzt.

Mediterrane Kuriositäten

Die dicken grünen Kügelchen am noch kahlen Feigenbaum sind indes keine Knospen, sondern bereits winzige Früchte. Sie wurden bereits im Herbst befruchtet und zwar in einem so komplizierten und komplexen Vorgang, dass man sich wundert, dass es überhaupt Feigen gibt.

Oben die Knospe eines Feigenblattes. darunter eine bereits fixfertige Feige. Na, ja, etwas wachsen muss sie noch.

Ausserhalb der bei uns gängigen Norm knospen auch die Zitrusbäume. Sie bilden nämlich Knospen und später Blüten, auch wenn noch halbreife und reife Früchte an den Ästen hängen. Sehr schön kann man das in den Orangenanbau-Gebieten sehen: Da sind im späten Frühling die Bäume voll behangen mit den reifen Früchten, die umgeben sind von einem duftigen Schleier weisser Blüten. Auch meine Zitronenbäumchen sind eigentliche Dreigenerationen-Pflanzen, was immer wieder zum Staunen anregt.

Essbare Knospen

Für etliche Vögel, besonders Amseln sind Knospen im Frühling ein echter Leckerbissen und wohl auch ein willkommener Vitaminschub. Aber auch wir haben ab und zu Knospen auf dem Teller. Wenn wir Artischocken essen zum Beispiel oder Kapern. In der Naturheilkunde werden auch Knospen unserer gängigen Laubbäume verwendet, ja, es gibt einen eigentlichen Fachbereich dazu, die Gemmotherapie (Gemmo = Knospe). Aber wir lassen die Knospen nun alle an den Pflanzen und freuen uns, wenn sie bald aufbrechen, zum maienfrischen Grün.

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