FrontGesellschaftImposante Hafenkräne und enge Gassen wie vor zweihundert Jahren

Imposante Hafenkräne und enge Gassen wie vor zweihundert Jahren

Genua ist ein wunderbares Nahziel im Vorsommer

Die Gruppen mit der Führerin an der Spitze sind bereits unterwegs – Herkunft Fernost, Osteuropa oder am häufigsten Schulklassen jeden Alters. Aber Individualreisende haben bis Ende Juni noch viel Platz an der Sonne – oder hier in Genua in den engen Gassen der Altstadt.

Sicht auf den Hafen über Genuas Altstadtdächer

Verdichtet gebaut wird in dieser Stadt schon seit Jahrhunderten. Sogar die Renaissance-Palazzi in der Strada Nuova, heute das Museumsviertel, stehen dicht beieinander. Vorteil für Reisende: alles ist zu Fuss in wenigen Minuten erreichbar, Nachteil für Altstadtbewohner: auf dem Fensterbrett kann nicht mal ein Küchenkraut wachsen, es sei denn, man gehöre zu den Privilegierten ab Stockwerk 5.

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Genua hat viele Hotels jeder Preislage und immer mehr Ferienwohnungen für Kurzaufenthalte. Eine Folge der so genannten Gentrifizierung. Altbauwohnungen werden zu Touristenlogis ausgebaut. Einheimische, die eine neue Wohnung in Genua brauchen, müssen an die Peripherie, wo fast ebenso verdichtet wie in der Altstadt vielstöckige Häuser stehen und neue gebaut werden. Beim Busausflug auf den monumentalen Friedhof Staglieno sind diese Wohnungshaufen zu bestaunen.

Selbst die Toten haben wenig Raum, mit Ausnahme der Grabstätten von Familien oder Prominenten, deretwegen sich der Besuch lohnt. Sehenswert mit all den Devotionalien ist das Grabmal von Giuseppe Mazzini, einer der wichtigsten Figuren des Risorgimento, der Einigung Italiens im 19 Jahrhundert. Im Monumentalfriedhof gibt es öffentlichen Verkehr: ein Minibus bringt Trauernde und Neugierige in entfernte Ecken der Gräberstadt.

 

Populär das Grabmal der Nussverkäuferin Caterina Campodonico, die zeitlebens dafür sparte.
Foto Twice25/wikicommons

Bus und Metro sind die richtigen Verkehrsmittel für Städtereisende. Das eigene Auto bleibt besser zuhause oder in der Hotelgarage. Wir entscheiden uns für 48 Stunden öV und Museen, was zur Zeit rund 20 Euro kostet, eine durchaus lohnende Investition, wenn man sich den (Alb-)Traum gönnt, auch mal in ein regelrechtes U-Boot zu steigen. Das ist zu haben mit dem Besuch des Galata Meer-Museums. Reiselustige können dort sogar auswandern wie die Vorfahren. Eine bezahlte Schiffspassage nach Amerika und ein Pass werden ausgehändigt. Letzterer muss an Videostationen abgegeben (bzw. dessen Barcode gescannt) werden, dann wird einem Einschiffung in Genua und Immigration in Nordamerika so schwer wie einst gemacht: gestrenge Beamte stellen peinliche Fragen, die per Knopfdruck zu beantworten sind.

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Dazwischen die Schifffahrt – mal stürmisch, mal ruhiger in den sehr bescheidenen Unterkünfte und Kantinen der Auswanderungswilligen; und immer wieder Dokumente aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, unter anderem Briefe an die Zurückgebliebenen. Wer sich Zeit zur Lektüre der Projektionen nimmt, erinnert unweigerlich die Bootsflüchtlinge von heute, derer das Museum mit einer besonderen Installation gedenkt.

Aufs Aquarium, eines der reichsten in Europa, verzichteten wir, das Wetter war doch zu schön. Dafür schritten wir den Uferweg Anita Garibaldi in Nervi ab, um richtige Küste und richtiges Meer zu spüren.

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Kochen hätten wir können in unserer Ferienbehausung, aber bis auf den Early Morning Tea auf der winzigen Terrasse mit Sicht auf Dächer und Türme der Stadt liessen wir es sein und besuchten täglich eine andere Bar für den Caffè mit einem Cornetto vuoto, Gipfel ohne Füllung, oder dem Stück Focaccia, ligurischem Fladenbrot. Zwar in jedem Touristenführer erwähnt und von Reisegruppen besucht, aber auch unter neuer Führung authentisch: das Caffè delle Specchi, das Spiegelkaffeehaus, eine traditionelle Bar mit grosser Kaffeemaschine, einer Schnapsgalerie und einem tüchtigen Barista hinter dem Tresen. Das Lokal mit geplätteltem weissem Tonnengewölbe und langsam erblindenden Wandspiegeln ist für Genuesen und Touristen unverzichtbar.

Statt Kunstwerke von Weltruf ab und zu witzige Graffiti am Wegrand

Genua ist bei gleicher Grösse in kultureller Hinsicht weniger Grossstadt als Zürich, während unseres Aufenthalts war weder ein gutes Konzert, noch ein Theaterstück zu sehen. Bleiben Ausstellungen und Museen. Wir besuchen eine kleine Kunstausstellung mit witzigem Thema: Die italienische Küche – Köche im Vergleich. Im Zentrum steht eins der Meisterwerke des Barockmalers und Kapuzinermönchs Bernardo Strozzi, einmal die Version aus Genua von 1625, einmal die spätere Version aus der schottischen Nationalgalerie in Edinburg. Aufschlussreich, wie sich ein Maler selber kopiert, was ihm wichtig ist, was er weglässt. Weitere Küchenszenen und Stilleben mit Nahrungsmitteln der flämischen und italienischen Malerei gruppieren sich um die beiden Versionen einer Köchin. An die Weltausstellung in Mailand Den Planeten ernähren zu denken, ist Absicht.

Das eine der beiden Köchin-Bilder von Bernardo Strozzi

Ein Highlight von Weltbedeutung für Kunstreisende ist jedoch die Genueser Sommerausstellung im Palazzo Ducale Von Kirchner bis Nolde. Fast 130 Gemälde des deutschen Expressionismus aus dem Brücke Museum Berlin verbringen den Sommer in Genua.

Nicht alle sind scharf auf Kunst, aber alle müssen essen, oder besser: dürfen ligurische Küche geniessen. Auf der Tourismus-Website der Gemeinde gibt es ein Tool zum Auffinden von Restaurants und Kneipen nach Wunsch. Wir versuchten es so und anders und hatten ohne Ausnahme gut gegessen in Trattorie und Osterie, beispielsweise an der Via San Bernardo oder der Piazza delle Vigne. Genua kennt freilich auch erstklassige Restaurants und – Touristenfallen.

Transportmittel Nummer eins der Einheimischen: die Vespa

Vorbildlich, wie sich die Hafenstadt im Internet zeigt. Über das ausführliche und reichhaltige Angebot, welches sich mit wenigen Klicks auch durch Kommentare erschliesst, waren wir besonders froh, nachdem eine Nachfrage nach Stadtführern oder Stadtplänen in Zürcher Buchhandlungen ohne Ergebnis verlief: „einen Genuaführer könnten wir immer wieder verkaufen,“ sagte eine Angestellte kurz vor der Abreise.

 Fotos: E. Caflisch

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