FrontKulturMarlene Dumas - Malerei vom Menschen

Marlene Dumas – Malerei vom Menschen

In der Fondation Beyeler ist erstmals in der Schweiz eine grosse Ausstellung des Werks von Marlene Dumas zu sehen

Nichts Menschliches ist ihr fremd, wenn es um ihre Malerei geht: Marlene Dumas Südafrikanerin die in den Niederlanden lebt, sucht das Existentielle der Menschheit in ihren Porträts und Figuren zu fassen. Dabei arbeitet sie nicht mit Modellen, sondern mit Fotografien, denn sie wolle, sagte sie in Riehen anlässlich der Eröffnung der Ausstellung in der Fondation Beyeler, bei der Arbeit im Atelier allein sein. Dank Kuratorin Theodora Vischer, befreundet mit Dumas, arbeitete die Malerin bei der Konzeption der Basler Ausgabe ihrer Retrospektive, der ersten grossen Schau in der Schweiz, selber mit. Die Ausstellung wurde in leicht veränderter Version im Stedelijk-Museum in Amsterdam und in der Tate Modern in London gezeigt.

The Painter 1994. © Marlene Dumas. Foto: Peter Cox, © Pro Litteris

Rund achtzig Gemälde, dreissig Aquarelle und viel Quellenmaterial umfasst die Schau einer der berühmtesten zeitgenössischen Künstlerinnen. Wer sich ihre Selbstporträts vornimmt, denkt unweigerlich an einen ihrer Vorgänger, nämlich an Rembrandt. Es wird nichts geschönt, im Gegenteil, es geht um das, was hinter der Fassade liegt. Deshalb sind die Titel der Gemälde wichtig. So nennt sich ein solches Selbstporträt The Sleep of Reason – und schon ist das berühmteste Blatt von Goyas schwarzer Grafik-Folge Los Caprichos präsent: Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer.

Ungeheuerliches und Irritierendes aus dem menschlichen Alphabet gibt es bei Dumas zuhauf. Angefangen bei dem berühmten Bild The Painter, der Figur eines nackten kleinen Mädchens mit Händen voller Farbe, einem fahlen Gesicht und unheimlich angstvollen Augen, oder doch nur die Skepsis einer Dreijährigen? Vorlage ist ein Polaroid-Foto von Dumas› Tochter, ein harmloser Schnappschuss. Dumas sagt: «Es war der Film, der mich die Regeln der Vorstellung lehrte, nicht die Wirklichkeit, nicht die Malerei.“

Marlene Dumas ist 1953 in Kapstadt geboren und verliess Südafrika nach einem Kunststudium 1976. Nach ersten konzeptuellen und collageartigen Arbeiten konzentrierte sie sich Mitte der 80er Jahre auf Malerei und die Darstellung der menschlichen Figur. Seither wurden ihre Werke in Europa und den USA in Museen ausgestellt, 1992 nahm sie an der Documenta IX in Kassel, 1995 an der Biennale in Venedig teil. The Image as Burden ist die Schau genannt, und wer genau hinschaut, dem erschliesst sich Dumas Bürde in ihrer Malerei.

Weiss gekleidete Männer mit Lumumbas trauernder Witwe: The Widow 2013 © Marlene Dumas. Foto: Peter Cox, © Pro Litteris

Die Künstlerin verwendet traditionelle Techniken, Ölfarbe auf Leinwand, Tusche auf Papier, wenn sie ihre Köpfe und Figuren malt. Aus den Bildern geschundener Körper, ermordeter Menschen, verzweifelter Frauen oder Männer spricht die Erfahrung einer Frau, die an den Schrecknissen der Welt teil hat, die mit wachen Sinnen Leid und Lust, Schmerz und Gewalt, aber auch Stärke, Mitgefühl und Verletzlichkeit um sich und in sich zulässt und verarbeitet.

Amy – Blue 2011. National Portrait Gallery, London
© Marlene Dumas Foto: Alex Delfanne

Als ihre Mutter starb, malte sie – wie immer nach Fotos oder Zeitungsauschnitten eine Porträtserie mit tragisch gestorbenen Prominenten, von Pier Paolo Pasolini und Ingrid Bergman bis Phil Spector und Amy Winehouse.

Die Malerin aus Südafrika hat sich auch mit Schwarz und Weiss auseinandergesetzt, nicht nur malerisch. Tief im Gedächtnis bleibt ihre Verarbeitung eines Zeitungsbilds haften: sie hat die Witwe von Patrice Lumumba trauernd mit blossen Brüsten umgeben von Männern in weissen Hemden, The Widow, nicht nur einmal gemalt. Erstmals wieder zu sehen sind die Magdalenen – gigantische Tafeln mit Frauenfiguren nach Maria Magdalena und Noëmi Campbell, die Dumas bei der Biennale von Venedig 1995 zeigte. Auch in diesem Jahr ist sie in Venedig präsent – mit Bildern von Schädeln.

After Painting 2003  – Bei Dumas sind die Figuren oft übermenschlich gross

Viel Tod ist auch in Basel zu sehen, gigantische Tuschezeichnungen von Leichen, Bilder von Ermordeten, Gehenkten, geschundenen Leibern. Wichtig in ihrem Werk ist auch Jesus, am Kreuz, als Leiche frei nach Hans Holbein, als sanfter Jüngling — Jesus serene — und aufgrund eines Filmstills aus Camille mit Greta Garbo und Robert Taylor gleichsam eine Pietà, wobei die Frau in den Armen des Manns liegt. „Es gibt das Bild (die Fotografie, die als Quelle dient), mit dem man anfängt, und das Bild (das gemalte Bild), mit dem man aufhört, und das eine ist nicht das gleiche wie das andere,“ beschreibt Dumas ihr Werk, „ich wollte dem mehr Aufmerksamkeit geben, was die Malerei mit dem Bild macht, und nicht nur das in den Blick nehmen, was das Bild mit der Malerei macht.“ Irritierend, wie Schreckensszenen sich mit wunderbarer Malerei verbinden und eine neue Wirkung erfahren, wie sich das gemalte Leid beim Schauen in ein gutes Gefühl wendet . Schauen heisst auch erfahren, was Dumas Bilder mit dem Betrachter machen.

Bis 6. September
Zu der Schau ist ein Katalog erschienen
Eine Übersicht über die Veranstaltungen wie Führungen, Konzerte, Vorträge sowohl für die Marlene Dumas Retrospektive als auch für die Paul Gauguin Schau finden Sie hier.

Kommentieren Sie den Artikel

Bitte geben Sie Ihren Kommentar ein!
Bitte geben Sie hier Ihren Namen ein

Beliebte Artikel