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Die innere Burg

Die Philosophie des Marc Aurel als Lebensform gegen die von aussen aufdrängende und treibende Welt.

Wenn Philosophie nichts anderes ist als ihre Zeit in Gedanken gefasst (so Georg Fr. Hegel), nämlich ein Produkt des beobachtenden Denkens, ist klar, dass es so viele Philosophien wie nachdenkliche Menschen gibt.

Das stellte der französische Philosoph Pierre Hadot fest, der bis 1991 am Collège de France tätig war. In seinem Buch „Philosophie als Lebensform“ schreibt er: „Wenn man die Philosophie an ihrer Fähigkeit misst, ein unabhängigeres und glücklicheres Leben zu initiieren, dann gehören Epikur, Seneca, Epiktet und Marc Aurel zu den Grossen und die neuzeitlichen Theoriegiganten schnurren zu Lebenszwergen zusammen. Insgesamt steht die moderne Philosophie blutleer und blässlich da, während die angeblich museale Antike ein wahres Wunder an Lebensnähe ist“.

Vor einigen Jahren hat Stephan Maus für den STERN in einem sachbezogenen Artikel eine Ranking-Liste <Zehn Denker kompakt> aufgestellt. Dazu gab er einen kurzen Überblick über die wichtigsten Philosophen und ihre Bedeutung für den Menschen von heute.

Diese nicht autorisierte Liste wird angeführt von Platon, dann Aristoteles, Descartes, Kant , Hegel, Schopenhauer, Kierkegaard , Marx , Nietzsche, Wittgenstein. Diese Zehn sind uns zumindest dem Namen nach bekannt, – im Gegensatz zu jenen vier angeblich „Grossen“, die Pierre Hadot lobt und preist. Marc Aurel zum Beispiel. Er ist im Jahr 121 n. Chr. in Rom geboren. In seinem Leben musste er mit den Wechselfällen und krassen Schicksalsschlägen leben lernen.

„Frei und unabhängig von der Willkür und den Leidenschaften der Menschen habe ich gelebt, so will ich auch sterben“.

Er hatte die stoische Philosophie in sich aufgenommen, verkörperte die stoischen Tugenden, „stoische Ruhe und Gelassenheit“, die Selbstgenügsamkeit, Bedürfnislosigkeiten sowie die Freiheit von Leidenschaften, die als unvernünftige Regungen der Seele zu bekämpfen seien. In allen Lagen des Lebens war Marc Aurel darauf aus, sich von äusseren Dingen unabhängig zu machen. Sein Leben lang bis zu seinem Tod im Jahr 180 n. Chr. hielt er daran fest.

„Bald wirst du alles vergessen haben und bald wirst auch du allen in Vergessenheit sein“.

Im Jahr 161 verstarb in Rom sein Grossvater, Pius Antoninus. Ihm folgte Marc Aurel nach. Doch schon bald darauf kam es im grossen römischen Reich zu gewaltigen Katastrophen, zu Erdbeben, Epidemien und Wirtschaftskrisen, zu Kriegen an allen Ecken und Enden.

Marc Aurel blieb der stoische Philosoph auf dem Kaiserthron, regierte unaufgeregt, lebte das einfache Leben vor und sah in der Selbstbeherrschung den Sinn der Philosophie. Die wahre Glückseligkeit sei dann gegeben, wenn man sich selbst in allem überwunden und befreit habe von den lästigen, weil verführerischen Leidenschaften.

Marc Aurels philosophisches Werk <Selbstbetrachtungen> ist keine Autobiographie, sondern es sind Sentenzen, die er vor allem an sich selbst richtete. Es sind im Grunde Kommentare zu seinen Gedanken, die ihn als Anhänger des Zenons ausweisen. Dieser griechische Philosoph hatte rund 400 Jahre zuvor in Athen die Schule der Stoa gegründet. Dieser Stoiker Zenon lehrte: „Die Natur hat uns nur einen Mund, aber zwei Ohren gegeben, was darauf hindeutet, dass wir weniger sprechen und mehr zuhören sollten.“

„Dein Leben ist das Produkt deiner Gedanken.“

Entstanden sind die <Selbstbetrachtungen> in der Spätphase seines Lebens, das heisst, in den stürmischen und friedlosen Zeiten, die Marc Aurel durchzustehen hatte. Unterwegs, auf den Feldzügen, vor und nach kriegerischen Auseinandersetzungen, in Grenzsituationen verfasste er sein Werk. In jenen Situationen, die einem dazu bringen, die Zeit in Gedanken zu fassen, um sie bedenken und ergreifen zu können.

So schrieb Marc Aurel sich selbst Ermahnungen, machte sich Notizen über das, was einem durch den Kopf geht, einfällt, in den Sinn kommt („Alles Begegnende begegnet gerecht“). Und erwirkte so die Fähigkeit, sich eine „innere Burg“ zu verschaffen, (wie er es nannte), „in der die <Dinge> die Seele nicht berühren können“.

„Die Menschen fliehen vor sich in einsame Gegenden, auf das Land, an die See oder in die Stille der Berge. Bist du aber ein deines Selbst bewusster Mensch, brauchst du dies alles nicht. Ziehe dich in dich selbst zurück, denn wo findest du mehr Ruhe und Frieden als in deiner inneren Seele?“

Der Philosoph Pierre Hadot wollte die „innere Burg“ rekonstruieren, die der Philosoph Marc Aurel zugleich gegen die von aussen andrängende und treibende Welt errichtete „wie auch die von innen andrängenden und aufreizenden Triebe“. In seinem Buch interpretierte er die Philosophie des Marc Aurel als Lebensform, als geistige Übungen, um vorbereitet zu sein, wenn Fronten näher rücken, die Welt enger und enger wird, <Dinge>“ lautlos Grenzen ziehen, die die Seele zu verstümmeln versuchen.

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