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Kinder der sich verdunkelnden Sonne

Das Theater Basel eröffnet unter neuer Intendanz mit gesellschaftskritischen Stücken, so mit einer bitteren Komödie von Maxim Gorki

Die Stückwahl der beiden Eröffnungspremieren unter dem neuen Direktor Andreas Beck war eindeutig. Die Oper brillierte mit Modest Mussorgski’s „Chowanschtschina“, dem Beispiel einer Niederschlagung des Aufstandes eines aufbegehrenden und seinem alten Glauben anhängenden Volkes innerhalb von Ränkeschmieden um den Zarenthron. Das neue, zu schönsten Hoffnungen auf künftige, spannende Schauspielabende berechtigende Schauspielensemble stellte sich nun ebenfalls einer Geschichte um den unabwendbaren Verlauf einer Niederschlagung: Maxim Gorkis Analyse der sich in unendlichen Debatten und Streitereien erschöpfenden russischen Intelligenzia in ihrem Elfenbeinturm, beinahe unangefochten von der draussen um sich greifenden Cholera und des sich ankündigenden Umsturzes.

Thomas Reisinger, Liliane Amuat, Max Rothbart ©  Sandra Then

Stück aus dem Gefängnis

Maxim Gorki (1868-1936) schrieb das Stück „Kinder der Sonne“ 1905 im Gefängnis, in das er im Zusammenhang mit seiner Beteiligung am Bittgang einer Volksdelegation vor die Regierung geraten war. Die unerträglich gewordene Not des Volkes hatte zu einem Streik geführt: „Despotismus und Willkür erdrosseln uns, wir müssen ersticken. Unsere Kraft ist zu Ende, Herrscher, und unsere Fähigkeit zu dulden ist erschöpft.“ Das stand unter anderem in der langen Bittschrift der Streikenden an den Zaren. Der Streik wurde von der Regierung am sogenannten „Petersburger Blutsonntag“ vom 9. Januar 1905 brutal niedergeschlagen. Gorki sah das unglaublich blutige Gemetzel und erarbeitete sofort ein Manifest, das jedoch noch vor dessen Veröffentlichung gefunden wurde und zu Gorkis Einkerkerung führen sollte. Nur durch heftige internationale Proteste gelang es, den Autor gegen Kaution frei zu bekommen. Obwohl neben ihm auch andere Wissenschaftler und Schriftsteller den Bittgang vor den Zaren unterstützt hatten, war Gorki generell von der Zurückhaltung der russischen Intelligenzia in dieser Umbruchszeit im Vorfeld der russischen Revolution enttäuscht.

Die Intelligenzia im Elfenbeinturm

In dieser Stimmung schrieb er die bittere Tragikomödie „Kinder der Sonne“, und man soll ihn während der Niederschrift in seiner Gefängniszelle des Trubezkoi-Turms der Peter-Paul-Festung von St. Petersburg manchmal bitter lachen gehört haben. Ein bitteres Lachen bleibt auch uns Heutigen auf den Lippen, wenn wir uns das Stück ansehen. Wir, das Publikum, bequem in unsere gepolsterte Sessel zurückgelehnt, erleben uns plötzlich in der gleichen Situation wie die Protagonisten auf der Bühne, die dort an einem langen Tisch um sich selbst und um die grossen Fragen der Menschheit kreisen. Die Szenerie erinnert in dieser Basler Fassung der jungen österreichischen Regisseurin Nora Schlocker an König Arthus’ Tafelrunde und unterstreicht das Verschwörerische der Situation.

Pia Händler, Lisa Stiegler, Nicola Kirsch, Ingo Tomi ©  Sandra Then

Sowohl die Hausherren, der Wissenschaftler Pawel Fjodorowitsch Protassow (Ingo Tomi), dessen Schwester Lisa (Lisa Stiegler) und seine Frau Jelena Nikolajewna (Nicola Kirsch) als auch die wechselnden Gäste und das Hauspersonal bleiben während der ganzen 2 1/2 Stunden auf der Bühne. Mit ihnen ein höchst innovatives Musikertrio, welches in einzelnen Szenen wirkungsvoll zur Steigerung der Handlung, in anderen zur Beruhigung beiträgt. Dies alles unter einer hohen weissen Halbkuppel, die an das Innere eines aufgeschlagenen Frühstücksei erinnert – die Gedanken müssen hoch aufsteigen, in sich kreisen und entweichen können (Bühne Bernhard Kleber). Aber sie erreichen nur das Aussen und nicht die äussere Welt, nicht die Menschen, von denen hier herinnen doch schliesslich andauernd die Rede ist. Der elfenbeinerne Turm bleibt als System in sich geschlossen, bis er zusammenbricht.

Die Frage nach dem Sinn des Lebens

Die Gedanken, um die es hier geht, sind nicht mehr und nicht weniger die Frage nach dem Sinn des Lebens. Der Hausherr Pawel arbeitet sowohl chemisch als auch philosophisch daran, einen neuen Menschen zu schaffen. Er wird von seinem ganzen Umfeld wie eine Art Hohepriester verehrt, und outet sich doch schliesslich als Feigling, eifersüchtiger Gatte und Egoist: Alles nur schöne Worte, heisser Dampf. Dies empfindet vor allem seine Schwester Lisa, welche innerhalb dieser sich leer drehenden Schraube zu zerbrechen droht. Auch der Tierarzt Boris Tschepurnoj (Urs Peter Halter) konstatiert, von einer aussichtslosen Verzweiflung diktiert: „Die Menschen sind roh und gewalttätig, das ist die menschliche Natur“ und stellt sich die grundlegende Frage „Welchen Sinn hat meine Existenz?“

Katja Jung, Ingo Tomi  ©  Sandra Then

Schlussendlich kommt dieser Zweifler Boris aber doch nur zum arroganten Schluss, dass die Menschen neidisch und dumm sind und nur er intelligent sei. Eine solch nihilistische Haltung kann, verbunden mit einer unglücklichen Liebe, in der kompromisslosen Sicht Gorkis nur zu Wahnsinn oder Selbstmord führen. Boris’ Schwester Melanija (Katja Jung) aber will nur eines. Sie will ihre Liebe dem verehrten Pawel zu Füssen legen, will keinen anderen Lebenssinn mehr suchen, will nur diesem angebeteten grossen Geist dienen, dessen Bücher sie nicht liest, sondern küsst. Besinnungslose Liebe als Ausweg also.

Vom Versagen der Worte

Dagegen hält Pawel immer wieder mit gut gemeinten, begeisterten, aber aufgeblasenen Thesen, die in der Vision gipfeln: „Wir Menschen, die Kinder der Sonne, dem hellen Ursprung des Lebens, von ihr geschaffen, besiegen die düstere Todesangst. Die Sonne glüht in unserem Blut, sie bringt die stolzen, feurigen Gedanken hervor.“ Als einziger wirklich guter Mensch dieser Runde versucht die Hausherrin Jelena Nikolajewna, sowohl die Ideen als auch die Gefühle aller in Balance zu halten. Sie ist auch die einzige, die sich einer offenbar an Cholera erkrankten Angestellten annimmt. Alle anderen geraten sofort in Panik, denn in einem solchen Falle können auch Worte nichts mehr bewirken, auch wenn sie noch so schön klingen. „Nur in der Welt des Verstandes ist der Mensch frei.“ Ist er es denn jemals?

Wenn die einfallsreiche Regisseurin Nora Schlocker am Schluss dieses atemlos durchexerzierten seelischen Parcours dann mit Hammerschlägen von aussen die Wand durchbrechen lässt, wird Realität, was eigentlich schon längst allen klar gewesen ist: Dieser Elfenbeinturm der Intelligenz wird zusammenbrechen vor dem Ansturm der Wirklichkeit. Und die heisst Hunger, Angst, Krankheit und Wut.

Das insgesamt 16köpfige Ensemble, das sich mit dieser Inszenierung zum ersten Mal dem Basler Publikum präsentierte, wurde mit anhaltendem, intensivem Applaus belohnt. Die Basler Schauspielsaison ist erfolgreich und vielversprechend eröffnet.

Theater Basel
Nächste Vorstellungen: 3., 5., 7., 9., 21., 28. November

Ein wichtiger Nachtrag„Lassen Sie Ihren Mantel an der Garderobe hängen“.
Mit dieser Aufforderung wendet sich das Theater Basel an sein Publikum. Gesucht werden warme Mäntel und Jacken, welche von der Basler Privat-Initiative „Be aware and share“ Winterkleidung und andere dringend benötigte Hilfsmittel direkt an die EU-Grenzen befördert. Somit sei gewährleistet, dass die Kleider direkt bei den Flüchtlingen ankommen. Die Kleiderspenden können ab sofort an allen Spielstätten und bei jeder Vorstellung abgegeben werden.

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