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Der Tod auf dem Apfelbaum

Kinder, Weihnachten, Tod – wie geht das zusammen? Das Bilderbuch von Kathrin Schärer gibt eine sanfte, berührende und fassbare Antwort

Der Tod, das grosse Geheimnis, das untrennbar zu jedem Leben gehört, ist für Kinder wohl noch schwerer fassbar als vor allem für betroffene Angehörige. Ich erinnere mich noch heute, mit einem lichtvollen Bild vor den inneren Augen, wie die freundliche Gemeindeschwester Margrit meiner vierjährigen Schwester und mir Achtjährigem in unserem Zimmer am frühen, sonnigen Oktobermorgen vor siebzig Jahren die Fensterläden geöffnet, die Sonne hereingelassen und den frühen Tod unseres Vaters mitgeteilt hat. Mit heller Stimme, heiter gelassener Sachlichkeit und doch von einem tiefen Mitgefühl bewegt.

Kathrin Schärer (geb. 1969) berichtet in ihrem diesen Herbst erschienenen Bilderbuch in Wort und Bild mit derselben sachlichen Heiterkeit vom Tod, vom anfänglichen Nicht-Sterben-Wollen und vom tieferen Sinn davon. Sie verwendet das bekannte Märchenmotiv vom Tod, der mit einer List irgendwo festgehalten wird, und transformiert es in die Tier- und Märchenwelt, die vielen Kinder trotz der heutigen manchmal recht einfältigen, abgedroschenen Bilderflut noch nicht fremd ist. Die unerbittliche Wahrheit bleibt, auch wenn sie so erzählt und abgebildet wird, dass Kinder und vielleicht gar einfühlsame Grossmütter und Grossväter sie verstehen und auch annehmen können.

Die Autorin, schon lange Jahre eine erfolgreiche Illustratorin, hat auch früher schon eigene Texte mit ihren eigenen Bildern für Kinder veröffentlicht. Das vorliegende Werk, empfohlen ab 4. Altersjahr, ist ein gut geeignetes Medium, um den Fragen von Kindern eine sie beruhigende – nicht beschwichtigende! – Antwort zu geben. Der heutige Alltag in den Medien, der leider auch vielen Kindern ungeschützt verfügbar ist, verlangt geradezu danach, dem immer wieder neuen Strom von Informationen über Flucht, Gewalt und Sterben einen empfundenen Wert entgegenzusetzen. Kleine Kinder verstehen nur bruchstückweise, und das erst mit zunehmender persönlicher Erfahrung mehr und mehr. Dabei ist es von Bedeutung, dass seelische Kräfte geweckt werden können, die auch dem Unerbittlichen, dem Traurigen im Menschenleben gewachsen sind.

Dieses Bilderbuch über den erst überlisteten, dann doch befreiten Tod, angeschaut und besprochen von Eltern oder Grosseltern mit vor allem beim Sterben naher Angehöriger besonders betroffenen Kindern, kann helfen, das Geschehen besser zu verstehen, möglicherweise gar Trauer und Schmerz zu lindern. Die unverschnörkelte, gewissermassen respektvolle Sprache, die mit kräftiger dunkler Farbe ausdrucksvoll gezeichneten Früchte, Blätter, Äste und Stamm des Apfelbaums; die nicht vermenschlichten Gesichter und Körper der Tiere – diese einfache, reiche, doch vorerst für Kinder vielleicht fremde Welt wird zu einem symbolisch stark einprägsamen Erlebnis für Alt und Jung. Es könnte den Kleinen wahrscheinlich helfen, besser zu verstehen, wie auch das Sterben zum Leben gehört, und ihnen die Furcht vor dem grossen Geheimnis lindern.

Übrigens: Noch bevor ich diesen Bericht fertig geschrieben habe, erfahre ich vom Verlag, dass „Der Tod im Apfelbaum“ als eines der 7 besten Bücher für junge Leser im November vom Deutschlandfunk ausgezeichnet worden ist – neben sechs weiteren Erwähnungen und Auszeichnungen.

Der Tod auf dem Apfelbaum, Kathrin Schärer, Atlantis-Verlag, Zürich, ISBN 978-3-7152-0701-8

Die Redaktion Seniorweb veröffentlicht bis Weihnachten in loser Folge Geschenktipps. Den Anfang macht Fritz Vollenweider mit dem Kinderbuch «Der Tod auf dem Apfelbaum» von Kathrin Schärer. 

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