FrontKulturPaartherapie der bissigsten Art

Paartherapie der bissigsten Art

Im Berner Theater an der Effingerstrasse ist „Die Wunderübung“ von Daniel Glattauer im doppelten Sinne ein begeisternder Erfolg

Ein Kammerspiel für drei Personen – immer wieder eine besondere Ausprägung der dramatischen Kunst! Sozusagen eine konzentrierte Instrumentation, erlaubt sie knappste Handlungselemente zu verblüffender, eindringlicher und effektvoller Wirkung zu schnüren und zu verknüpfen.

Autor Daniel Glattauer (geb. 1960) ist mit „Gut gegen Nordwind“ schon einmal an der Effingerstrasse zum Wort gekommen. „Die Wunderübung“, 2014 entstanden, ist sein erstes direkt für die Bühne geschriebenes Werk. Vielseitig interessierte und entsprechend ausgebildet, kann er von seinen Erfahrungen auf dem Gebiet der Psychosozialberatung zehren, und das offenbart sich auch im Verlauf der vielseitigen und vielschichtigen Handlung des Abends. Daran hat auch die Regisseurin Ingrid Adler ihr Verdienst; sie hat sich intensiv mit Stoff und Thema auseinandergesetzt, auch in Gesprächen mit einem renommierten Berner Fachmann der Psychotherapie. Das Ergebnis dieser Vorarbeit zeigt sich im teils subtil kaschierenden, teils bis zur Grobheit entlarvenden Einsatz von Körpersprache und Mimik bei den drei Darstellern.

Auf die Spitze getrieben

Paartherapie wird wohl nie ganz Honigschlecken sein. Friedenswillige und eher sanftmütige Paare werden die vom Therapeuten verordneten Übungen immerhin mit etwas weniger bissiger Aggressivität hinnehmen. Bei Joana und Valentin Dorek, 12 Jahre verheiratet und in einen mittlerweile ebenso langen gefühlten Dauerstreit verstrickt, steigen Aggressionen beim geringsten Anlass bis zu einer Spitze, die sofort nur noch mit lautstarken Beleidigungen gekontert und gegengekontert werden. Händeringend sieht der machtlose Therapeut seine gutgemeinten Denkanstösse und Selbstfindungs-Übungen im perfiden Dialog der fiesen Anspielungen und im alles übertönenden Wutgeschrei verpuffen.

Selbstverständlich ist dieses verbale und nonverbale Ringen der faktisch eigentlich schon getrennten Frustrierten vom Zuschauerraum aus höchst vergnüglich und belustigend anzusehen. Denkbar wäre allenfalls sogar ein gewisser Lerneffekt… – was aber ganz und gar nicht Zweck des Stücks und seiner Inszenierung ist.

Ingrid Adlers Regiedebüt ist schon zu einer überzeugenden Meisterleistung geworden. Ein Innenraum mit weich gepolsterten Wänden ist der Therapieraum. Statt einer Couch sind Sitzkissen in verschiedenen Farben und Grössen augenfällige Akzente. Der Raum besteht aus einfarbigen, knopfgemusterten Wänden. Im Hintergrund scheint bei Gelegenheit eine Rorschachtest-Figur auf und verblasst wieder. Die Regisseurin hat fürs Bühnenbild mit dem bewährten Spielraumgestalter Peter Aeschbacher zusammengearbeitet. Die Kostüme (Sybille Welti) sind dem Geschehen angepasste Alltagskleidung des Ehepaares, etwas ins Elegante gehoben bei Joanna. Die Kleidung des Therapeuten vermittelt eine Ahnung von weltmännisch betonter Überheblichkeit. Man gönnt ihm dieser Stimmung wegen auch ganz leise seine Misserfolge beim zu therapierenden Paar.

Was er aber zuletzt mit seiner „Wunderübung“ anstellt, und mit welchem Erfolg, das ist dann doch in mancherlei Hinsicht verblüffend! Peter Schorn spielt nicht nur diese Phase mit einer Selbstverständlichkeit aus, die ihn mindestens zum Schluss als guten Therapeuten erscheinen lässt. Zuvor mimt er bestechend sein von Selbstzweifeln nicht ganz freies Unverständnis dafür, dass offenbar bei Joana und Valentin nicht der geringste Therapieerfolg zu erreichen ist.

Elke Hartmann und Peter Bamler als Ehepaar sind überzeugte und überzeugende Streiter. Sie beherrschen alle Register der Mimik, der Körpersprache und der stimmlichen Gestaltung. Die Dialoge klingen in den lautesten Streitphasen allerdings eher wie aufeinander zugebrüllte Monologe.

Die Aufführung als Ganzes, in allen ihren Phasen und Momenten, ist ein begeisterndes Erlebnis für Augen, Ohren und Lachmuskeln. Viele Nuancen an Bewegungen im Spielraum, an nonverbaler Kommunikation, an Brisanz und Schlagfertigkeit der Dialoge bereichern den an sich schon spannungsreichen Ablauf dieser aussergewöhnlichen Paartherapiesitzung.

Peter Bamler, Elke Hartmann, Peter Schorn

Alle Bilder © Severin Nowacki

Die Wunderübung. DAS Theater an der Effingerstrasse

Aufführungen bis 7. Januar 2016

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