FrontGesellschaftGeschichte und Gegenwart als Raumerlebnis

Geschichte und Gegenwart als Raumerlebnis

Ein erster Augenschein im Innern des neuen Museumstrakts im Platzspitzpark hinter dem Hauptbahnhof

Der Neubau des Landesmuseums entworfen vom Architektenduo Emanuel Christ und Christoph Gantenbein lehnt sich in aktueller Formensprache an das neugotische Schloss beim Zürcher Bahnhof an. Ein gelungenes Spiel mit Bauformen von gestern im heute.

Das Dach des neugotischen Schlössli wirft seinen Schatten auf die Wände des Neubaus mit dem Durchgang zum Platzspitz © Roman Keller

Das sei nicht die feierliche Eröffnung, sagt Architekt Emanuel Christ im neuen Auditorium des Neubaus des Landesmuseums, angesichts der feierlich-gespannten Zuhörerschaft. Nach der Begrüßung durch den Präsidenten des Museumsrats, Markus Notter, sprach Andreas Spillmann, der laut Notter «glücklichste» Museumdirektor ausser des allerersten, danach folgten als Vertreter des Kantons Zürich in der Baukommission Ex-Ständerat Felix Gutzwiller und Hans-Peter Winkler, der stolze Gesamtprojektleiter vom zuständigen Bundesamt. Jeder lobte das Bauwerk als grossartig und gelungen.

Im ganzen Haus gilt Minergie-P Eco

Neben dem Neubau wurde dem bekannten Türmchen-Haus von Gustav Gull ein umfangreiches Facelifting (Erdbebensicherheit, Brandschutz) angediehen, so dass nun alle Teile (ein Stück fehlt noch) erst noch dem Minergiestandard Minergie-P Eco genügen. Winkler lobte auch das Personal, dessen Schmerztoleranz, «was Zügeln anbelangt, Vorbildcharakter» habe. Ausserdem konnte der Vertreter der Bauherrschaft Bund allen Beteiligten vom Architekturbüro Christ & Gantenbein über die Ingenieure, die ungewöhnliche Lösungen fanden, bis zu den vielen Arbeitern, die sich oft die Finger abfroren, auf die Schulter klopfen, weil die «waghalsige Konstruktion» unter Einhaltung der Termine und des Budgets erstellt worden war – für 111 Millionen Franken.

Spektakulär: die grosse Treppenhalle mit den vielen Rundfenstern zum Schlösschen hin

Nein, das sei keine feierliche Stunde, sondern eine nüchterne Pressekonferenz, so der Architekt, bevor er den Neubau sowie die Renovierung des Gustav-Gull-Schlosses genauer erklärt und die gwundrige Hundertschaft Architektur- und Kulturjournalisten treppauf treppab durch die neue Raumlandschaft führt. Nur keine Panik, Lifte sind vorhanden, aber das grosse Treppenhaus ist ein Erlebnis.

Architekt Emanuel Christ erklärt die Spezialität Tuffbeton. Im Hintergrund die Naht des Neubaus mit dem Trachtenturm

Beginnen wir den Rundgang draussen vor der Hintertür beim Ginkgo-Riesen im Park. Der Neubau steht in enger Verbindung zum Altbau, die Gegenwart zur Geschichte des Landesmuseums. Er schliesst grosszügig das U zum O mit Innenhof, lässt aber mit einer Art offener Grotte oder Hebung den Durchblick auf den Park oder, je nach Standort, auf die Fenster, Friese und Türmchen des Altbaus offen. Das Wasserbecken folge im Frühling, vorerst ist der Aussenraum noch Baustelle mit viel Dreck.

Moderne Museumsbauten brauchen keine Fenster, warum hier doch runde Löcher in die Mauern gebohrt und verglast wurden, hat mit der Aussicht zu tun: Besucher sollen sich orientieren können, auf die Sihl, auf die Limmat, auf den Altbau oder auch Richtung Stadt blicken. Der Ergänzungsbau ist aus Beton, die Mauern sind 80 Zentimeter dick, dennoch wurde da kein unförmiger Koloss hingeklotzt, sondern gewissermassen eine Replik zum neugotischen Schlösschen mit zeitgemässer Formensprache und korrespondierenden Materialien geschaffen. So ist die tragende Betonaussenhülle zwar roh, aber nicht grau, sondern leicht bräunlich – weil Tuffstein verarbeitet wurde: Hier also Tuffbeton, dort Tuffstein-Fassaden.

Auch formal reagiert der Neubau mit seinen abgewinkelten Wand- und Dachflächen auf das strukturreiche Schloss. Ausserdem galt es, den ganzen urbanen Aussenraum mit Stadt, Fluss und Park neu zu konzipieren: „Skulpturaler Kontextualismus“, sagt Emanuel Christ dazu. Oder weniger hochgestochen: Man habe „auf lustvolle Art das Thema der historisierenden Architektur von Gull weitergespielt.“

Hier ist die künftige Garderobe im Eingangsbereich mit den Leuchten, welche ein durchgängiges Gestaltungselement sind © Roman Keller

Was draussen dem grossen Bauvolumen die Schwere nimmt, zeigt sich auf der oberen Ausstellungsebene als weiter, geschwungener Raum, der sich unter immer anders gerichteten Dachflächen strukturiert. Die Wirkung ist wie ein industrieller Bau oder eine Theaterbühne; das bedeutet auch, dass die künftigen Ausstellungsmacher ihre Ausstellungen kongenial zum Thema inszenieren können.

Die obere Ausstellungsebene ist eine Art Probebühne für künftige Kuratoren: geschliffener Betonboden, Dachuntersicht mit Infrastruktur für das Bespielen durch die Ausstellungsmacher © Roman Keller

Die Innenwände sind in Sichtbeton, die grosszügigen Türen zu Liftschächten oder anderen Raumteilen diskret, die Fussböden geschliffener Kiesbeton – eine Replik auf Gustav Gulls Terrazzoböden im Altbau. Wichtig fürs Museum sind die Nebenräume und Katakomben: endlich kann angeliefert und gearbeitet werden, ohne dass das Publikum gestört werden muss. Dafür nahmen die Angestellten gern die ständigen Bürozügleten auf sich. Die Erweiterung wurde auch nötig, weil die Besucherzahlen Jahr für Jahr steigen, seit 2010 von 160’000 auf 230’500 im vergangenen Jahr.

Studienbibliothek für alle

Neu gestaltet wurde das Innenleben des alten Kunstgewerbeschul-Trakts an der Limmat. Wer aus der Bahnhofunterführung steigt, kann ab Sommer geradeaus ins Museum, zum Welcome-Desk, zur Gastronomie mit Bistro, Bar und Restaurant und in die Boutique, wo auf Schweizer Design wert gelegt wird. Dahinter liegt die Kanzlei mit dem Eingang in die Bibliothek und ins Studienzentrum mit viel Licht durch grosse Fenster. Dort kann künftig mit Blick über die Limmat gelernt oder geforscht werden.

Durch zweimal 40 cm Beton gebohrt: Guckloch mit Aussicht

Die eigentliche feierliche Eröffnung durch Bundesrat Alain Berset ist am 31. Juli. Tags darauf, am Nationalfeiertag werden die Eröffnungsausstellungen im Neubau bereit sein fürs Publikum, auf der oberen Ebene Europa in der Renaissance. Metamorphosen 1400-1600, eine Wechselausstellung mit vielen hochkarätigen Bildern und Exponaten auch aus dem Ausland, auf der unteren Ebene die neue Dauerausstellung Archäologie Schweiz, in der unsere Urgeschichte bis ungefähr 800 nach Christus erfahren werden kann, natürlich samt den Gletscherfunden des Schweizer Pendants zum Ötzi.

Zuvor beteiligt sich das Landesmuseum noch an den Dada-Feierlichkeiten (ab 5. Feburar) und erinnert mit einer grossen Ausstellung an Conrad Gessner, der vor 500 Jahren geboren wurde (ab 17. März).

Teaserbild: Links vom Wappen Tuffstein, rechts Tuffbeton

 http://www.nationalmuseum.ch/d/zuerich/ausstellungen.php

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