FrontKulturReden ist Silber

Reden ist Silber

Mit dem Buch „Das Paar-Date“ empfehlen Caroline Fux und Joseph Bendel ein Updating für Paarbeziehungen durch Gespräche nach fixen Spielregeln.

„Gott, bewahre mich davor, eine verbitterte alte Frau zu werden“, überlege ich mir etwa, wenn ich im HB Zürich ältere Paare beobachte: Er forsch geradeaus schreitend, sie mit finsterer Miene ergeben hinterher. Warum wirken ältere Paare oft griesgrämig und abgelöscht? Schweigt da einer um des Friedens willen?

Mit dem Updating für Paarbeziehungen rütteln die Autoren Caroline Fux und Joseph Bendel am Wert des Schweigens im Sprichwort „Reden ist Silber, Schweigen ist Gold“. Paare sollen von sich erzählen, sich zuhören, miteinander reden, um Beziehungen zu pflegen oder neu zu entdecken. Wer annehme, den Partner zu kennen, ohne sich dessen hin und wieder zu vergewissern, der könne sich täuschen, der mache es sich in bester Absicht etwas zu bequem. Menschen verändern und entwickeln sich. Man nehme sich zu wenig Zeit, ungestört zu erzählen und noch weniger, um gut zuzuhören.

Das Büchlein kommt leicht und beschwingt daher: ein lockerer Erzählstil, luftige Skizzen von Paaren auf Schaukeln, ein handliches Format. Thematisch gliedert sich das Buch in einen Theorieteil, der begründet, warum ein Updating den Beziehungen gut tut und welche Erwartungen damit verknüpft sind. Es folgen die Spielregeln und Geschichten von Paaren, die das Update praktizieren. Ein Viertel des Buches bleibt frei für das persönliche Tagebuch.

Aus dem Interview mit Caroline Fux

Ob das Buch auch für Senioren geeignet sei, frage ich Caroline Fux. Im Buch sind die ältesten Updater etwas über 50 Jahre alt.

Caroline Fux: Das Paar-Date ist unbedingt und genau das Richtige für Seniorinnen und Senioren. Die Gesprächstechnik eignet sich für alle Paare, die etwas für ihre Beziehung tun und sich über viele Jahre nah bleiben wollen.

Brigitte Poltera: Wir alten Menschen sitzen uns täglich gegenüber und wissen genau, worüber wir mit dem Partner sprechen können und welche Themen wir besser vermeiden. Einer gewissen Übereinstimmung begegnen wir auch im gemeinsamen Schweigen.

Caroline Fux: Wenn ich von Langzeitpaaren höre „Wissen Sie, nach 40 Jahren Ehe brauche ich ihn nur anzuschauen, dann weiss ich, was Sache ist.“, dann läuft es mir, mit Verlaub, manchmal ein bisschen kalt den Rücken runter. Weil es genau diese Annahmen sind, die eine Beziehung sabotieren können. Eine Person verändert sich ihr ganzes Leben lang. Wir sind nicht einfach fertige Personen, die es einmal zu entdecken gilt und dann ist Schluss. Man muss sich immer wieder neu begegnen. Natürlich hat man als Langzeitpaar einen grossen Wissensschatz, und der ist nicht irgendwann einfach komplett ungültig. Aber vor Fehlannahmen und Interpretationen ist man nie geschützt.
Es geht eben genau nicht darum, Themen zu vermeiden. Es soll für jedes Thema ein Forum geben, auch wenn es nichtig oder unbequem scheint. Jeder soll einfach erzählen können, was ihm am Herzen liegt, ohne aus Angst oder falscher Rücksicht vor einer Zensur. Eine Zensur aus dem Wissen um ein schwieriges Thema ist keine gute Strategie.

„Ich würde dir gerne mal 15 Minuten zuhören“, schäkerte ich mit meinem Mann.

Viele Paare haben leider eine ziemlich verzerrte Vorstellung davon, wie viel sie wirklich reden. Hier sehe ich ausdrücklich auch Senioren potenziell betroffen. Nur weil man viel Zeit zusammen verbringt, heisst das nicht, dass man gute lange Gespräche führt. Gerade bei älteren Langzeitpaaren beobachtet man häufig, dass die eine Person in eine routinierte Dauerbeschallung übergeht, während die andere nickend mit „Ja, Schatz“ oder Schweigen quittiert.

Ist die vereinbarte Erzählzeit, die durchgehalten werden muss, nicht etwas künstlich?

Das Paar-Date ist künstlich, und das ist der Kern der Sache. Sie können während der restlichen 10035 Minuten der Woche bestens übereinstimmend schweigen, von ihrem Wissensschatz schöpfen oder ohne Regeln reden, aber während der 45 Minuten Paar-Date, das nicht einfach ein lauschiges Gespräch ist, sondern eine spezifische Technik und Intervention, geht es um einen konkreten Austausch. Ich vergleiche das Paar-Date gerne mit dem Kieser-Rückentraining. Das ist auch eine künstliche Art, sich zu bewegen, aber sie dient einem ganz spezifischen Ziel. Es soll Sie in einer streng begrenzten Zeit über streng reglementierte Übungen in einem bestimmten Bereich fit machen.

15 Minuten mögen lang sein, wenn man den Rhythmus des Gespräches noch nicht kennt. Aber es braucht eine gewisse Zeit, um den Geist auch mal wandern zu lassen (Schweigen ist ja erlaubt). Viele Dinge, die es zu besprechen gilt, liegen uns nicht immer gerade auf der Zunge, während andere vielleicht brennen. Manchmal muss sich durch das Reden und das Reflektieren zuerst etwas Druck abbauen, und es musst Luft geben, damit sich gewisse Dinge lösen können. Zudem kann es sehr hilfreich sein, wenn Paare während der Sprechzeit auch mal Pausen erleben und spüren, was es heisst, zu schweigen und umeinander zu sein. Für die Person, die weniger Gesprächsbedarf hat, ist es besonders wichtig, zu spüren, dass auch ein Nichts-Sagen in einer Beziehung Raum und Gewicht hat.

Es ist verständlich, dass vielen Paaren die Zeit lang vor kommt. Sei es nun fürs eigene Sprechen, Schweigen oder für den gesamten Aufwand des Gespräches. Aber 45 Minuten muss einem eine Beziehung pro Woche wert sein.

Die im Buch interviewten Paare haben das Paar-Dating nach einer Paartherapie aufgenommen. Richten sich Ihre Empfehlungen vor allem an Leute aus einer Paartherapie?

Die Paare im Buch haben das Paar-Date quasi «5 vor 12» in einer Krise gelernt. Das hat es für sie viel schwieriger und anstrengender gemacht, als wenn sie aus einer entspannten, wohlwollenden Position damit angefangen hätten. Wer aus einer friedlichen Situation startet, wird geduldiger sein, und er wird vor allem Positiveres und leichter Verdauliches vom Partner hören, was eine grosse Entlastung ist. Schlussendlich geht es darum, sich in diesen 45 Minuten auf eine ganz spezielle Art nah zu. Das ist einfacher und schöner, wenn man in diesem Moment nicht zuerst erkennen muss, wie weit man sich voneinander entfernt hat.

Werden Ziele festgelegt?

Auch auf diese Fragen gehen wir ausführlich im Buch ein. Grundsätzlich stellt das Paar-Date freie Sprechzeit dar. Wenn sich Paare damit aber schwer tun, dann haben wir Gesprächsthemen vorgeschlagen. Das kann für Paare angenehm sein, die das Paar-Date schon lange durchführen und eine Flaute spüren oder für solche, die sich mit dem Einstieg schwer tun.

Das übergeordnete Ziel ist eine schöne Beziehung voll Nähe und Vertrautheit, in der es Raum fürs Reden und fürs Schweigen gibt und in der beide Partner die Bedürfnisse des andern kennen und respektieren.

Wird das Projekt nach einer bestimmten Zeit abgeschlossen?

Ja und nein. Das Paar-Date kann und soll so lange gemacht werden, wie man eine Beziehung führen möchte, die die gerade genannten Kriterien erfüllt. Es ist kein Problemlösungsgespräch.

Das Paar-Date ist etwas Einzigartiges in Bezug darauf, wie wir sonst miteinander kommunizieren. Es ist künstlich, wirkt anfangs befremdlich, sperrig, vielleicht sogar unnötig. Aber es wirkt Wunder, wenn man sich darauf einlässt und etwas Zeit investiert. Das garantiere ich.

(Das Interview wurde schriftlich geführt und leicht gekürzt)

Das Buch:

Das Paar-Date

Miteinander über alles reden

Das Tagebuch fürs Update-Gespräch.
Von: Caroline Fux, Joseph Bendel
2016 Beobachter-Edition
ISBN 978-3-85569-846-2

Die Autoren:

Caroline Fux ist Psychologin lic. phil. und Journalistin. Sie hat Psychologie, Psychopathologie und Linguistik studiert. Bei der «Blick»-Gruppe betreut sie den Ratgeber zu den Themen Sex, Liebe und Behziehung. Caroline Fux ist zudem Koautorin der Beobachter-Ratgeber «Was Paare stark macht» und «Guter Sex».

Joseph Bendel-Zgraggen ist Psychotherapeut und führte über 36 Jahre lang eine Praxis für Paar- und Familientherapie, Männerarbeit und Supervision in Luzern. Der vierfache Vater ist seit 45 Jahrenverheiratet.

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