FrontKulturNikolaus Harnoncourt zum Gedenken

Nikolaus Harnoncourt zum Gedenken

Mit dem Tod Harnoncourts endet eine geschichtsträchtige  Aera. Niemand wäre berufener hierzulande als «sein» Barockensemble „La Scintilla“, seine Bedeutung zu würdigen. 

Was am Zürcher Opernhaus 1975 mit Monteverdis „Orfeo“ begann, war auch die Geburtsstunde für das sich zu historisch informierter Aufführungspraxis verpflichtende Ensemble „La Scintilla“. Erst belächelt, dann irritiert und zunehmend bewundert zur Kenntnis genommen, ist die Orchesterformation neben dem Concentus Musicus Wien gleichbedeutend mit dem Vermächtnis nach authentischer Wahrhaftigkeit. Wir haben die Konzertmeisterin und einige Wegbegleiter ihres Gründervaters, unterschiedlichen Generationen angehörig, nach prägenden Erfahrungen befragt.

Joseph Auchter: Ada Pesch, Sie sind seit Anbeginn Konzertmeisterin und auch in etwa das künstlerische Gewissen von „La Scintilla“. Sie waren 1994 bei Händels „Alcina“ und 1998 bei der unvergesslichen Wiederaufnahme der Mozart-Oper „Lucio Silla“ unter Harnoncourt bereits dabei. Was hat Sie an der Zusammenarbeit mit Ihrem Spiritus rector über all die Jahre am meisten berührt?

Nikolaus Harnoncourt hat mein ganzes Musikleben «revolutioniert». Ich bin unendlich dankbar für das, was ich von ihm lernen konnte. Viele Vorstellungen sind unvergesslich. Dank ihm gibt es dieses Ensemble.

Dieter Lange, Sie sind Präsident der Formation. Wer Ihnen als Kontrabassisten unter Harnoncourt zuschaute und zuhörte, hatte immer wieder den Eindruck, die Zeichensprache des Dirigenten sei ihnen in Fleisch und Blut übergegangen. Lodernde Inbrunst und seidenweicher Bogenstrich waren eins, beredter Ausdruck einer wunderbaren Symbiose zwischen Künstlern. Was hat Sie bewogen, sich mit Haut und Haar auf dieses Abenteuer einzulassen?

Als Musiker im Orchester bekommt man von den Dirigenten tagtäglich Spielanweisungen. Das ist normal und je nach Dirigent geht man mehr oder weniger bereitwillig darauf ein, je nach Identifikationsgrad mit seiner «Sichtweise» oder Interpretation.  Bei Nikolaus Harnoncourt war das zwar im Ansatz genau gleich, aber es gab einen entscheidenden Unterschied: Er begründete seine Anweisungen immer derart überzeugend, entweder mit Hinweisen auf historische Traktate und Originalquellen und/oder er erklärte den Sinn, die Funktion, den Affekt und den Inhalt der betreffenden Stelle im Gesamtkontext, sodass sie nicht nur problemlos umsetzbar war, sondern man lernte in jeder Probe ungemein viel dazu. Als Cellist und Gambist verstand er die Kunst der Bogenführung nicht nur in der historischen Aufführungspraxis.  Jeder «Dienst» mit ihm war wie eine Vorlesung und mit seinem klugen pädagogischen Kunstgriff, immer starke Bilder und Assoziationen zu gebrauchen, brannten sich seine  Anweisungen ins Gedächtnis ein und machten einen Bleistift (fast immer) überflüssig.

Mit dem Studium von ihm genannten Schriften eröffneten sich mir immer mehr Erkenntnisse, die ich in der Praxis erst probierend anzuwenden versuchte und die mir mit der Zeit eine immer grösser werdende Erfahrung gaben. Hatte ich einmal etwas nicht verstanden oder ging es mir «gegen den Strich», dann war es immer möglich mit ihm zu diskutieren, zu debattieren, ja manchmal auch zu «streiten». Und es kam auch vor, dass er sich dann beim konkreten Ausprobieren auch mal überzeugen liess. Und das sprach auch für seine menschliche Grösse. Für mich ist Nikolaus Harnoncourt für meine eigene Entwicklung der wichtigste, bedeutendste und mich am meisten formende Musiker und Dirigent in meinem Leben.

Dieter Lange, Sie haben mit Scintilla auch ausserhalb Zürichs konzertiert und sind Harnoncourt z.B. nach Salzburg gefolgt. Mit dem Ende von Pereiras Aera schenkten sie ihm ein Benefizkonzert zu den Salzburger Festspielen. Was war die Motivation und wie sind ihre Gastspiele aufgenommen worden?

Am Ende seines letzten Konzertes in Zürich trat ich mit einer kurzen Dankesrede auf die Bühne und durfte Nikolaus Harnoncourt und seine Frau Alice zu Ehrenmitgliedern von La Scintilla ernennen. Als Geste und als Zeichen unserer unendlichen Dankbarkeit überreichte ich ihm nebst der «Urkunde» ein Lederbeutelchen mit ungeschliffenen Feuersteinen darin, Symbol für den immer wieder neu geschlagenen Funken der Begeisterung, der uns in unserer Geburtsstunde unseren Namen gab «Scintilla».

Beim anschliessenden Empfang überreichte ich ihm im Namen aller Mitglieder von La Scintilla unser Geschenk: ein Benefizkonzert, bei dem alle auf eine Gage verzichten würden. Er solle uns nur mitteilen, wann und wo und für wen er dieses Geschenk einsetzen wolle. Zusammen mit Alexander Pereira beschloss er dann, Haydns «Il ritorno di Tobia» im Rahmen der Salzburger Sommer-Festspiele 2013 aufzuführen.

In seinem Dankesbrief hiess es: «Wir wollen ein grosses Projekt in Sarajewo (Bosnien) fördern, wo es um die jahrhundertealten, unendlich schwierigen Kontakte der drei Religionen geht: Muslime, Orthodoxe und Katholiken. Organisiert wird es von der Caritas und vom EU-hohen Repräsentanten Valentin Inzko. – Ich denke, dass dieses Projekt auch in Ihrem Sinne ist – der Werkinhalt passt perfekt. Musikalisch ist das kaum bekannte Stück einmalig. Ich bin begeistert von der Sache und unendlich dankbar – Ist das so auch in Ihrem Sinn? Mit vielen herzlichen Grüssen an alle, Ihr Nikolaus Harnoncourt“

Das Konzert fand dann in der Felsenreitschule mit unerhörtem Erfolg statt und der Erlös ging an dieses Hilfsprojekt, welches den allen Konfessionen offenen Musikschulen in Bosnien zugute kam.

«Orchestra La Scintilla» vor dem Zürcher Opernhaus 

 

Urs Dengler, Solofagottist im Ensemble und „Buchführer“ über trefflich-träfe Äusserungen Ihres Vorbildes. Was haben Sie an Denkwürdigem festgehalten?

Nikolaus Harnoncourt war ein von Musik Besessener, der immer – bei Probe oder Konzert – unter 150’000 Volt zu stehen schien und alle Musizierenden mitriss. Er hinterfragte zu jedem Moment, warum ein Komponist die Musik genau so geschrieben hat und nicht anders. Er probte jede Stimme im Orchester solange einzeln, bis sie den richtigen Ausdruck hatte. Und wenn man heute die gleichen Werke unter anderen Dirigenten spielt, hört man innerlich zu jeder Zeit, wie Harnoncourt das oder jenes damals haben wollte.

Seit den frühen 90er Jahren durfte ich an einer Vielzahl von Opern und auch Konzerten mit Nikolaus Harnoncourt mitwirken. Es hat einige Jahre gebraucht, bis ich begann, seine „Klang-Rede“ zu verstehen und zu verinnerlichen. Harnoncourt war oft ungehalten, wenn wir Musiker seine musikalischen Anweisungen in die Stimme schrieben. (Er erzählte uns vom ersten Ägypter, welcher die Schrift erfunden habe und dafür hingerichtet wurde, weil er damit die Tradition der mündlichen Überlieferung zerstört hätte). „Alles, was Sie einschreiben, haben Sie nicht verstanden, das wird dann doch schlecht“, sagte er uns. So begann ich 2006 bei den Proben zu Mozarts „Finta Giardiniera“ nichtsdestotrotz den Stift in die Hand zu nehmen und Harnoncourts musikalische Aussagen – auch im Hinblick auf die oft neu hinzugekommenen Kolleginnen und Kollegen – aufzuzeichnen und sie ihnen dann mitzugeben. Seine Sprache war immer blumig und phantasievoll.

Nur ein paar wenige Beispiele möchte ich nennen. Betonte Schlusstöne machten ihn rasend: „Das klingt, als ob Sie froh wären, dass Schluss ist“.  Ebenso allergisch reagierte er auf gleichmässig gespielte Notenketten: „Es gibt keine Sechzehntel! Wenn Sie Sechzehntel spielen, sind wir schon verloren. Beginnen Sie mit einem Fünfzehntel und hören Sie mit einem Siebzehntel auf.“ Überhaupt litt er darunter, wie den Musikern an den Konservatorien und Musikhochschulen die natürliche Musikalität ausgetrieben würde. Für ihn machte jede Ländler-, Tanz- oder Zigeunerkapelle mehr Musik als wir…. „Bitte, das sind Tänze! Spielen Sie jede Woche Tanzmusik“. Das eine oder andere seiner Sprachbilder blieb mir in Erinnerung: „Diese drei Takte sind Lärm, Krach, das ist keine Musik, da rücken Sie Klaviere in der Wohnung hin und her“. – „Singen Sie das, wie wenn Sie auf einem heissen Grill stehen“. – „Das ist ja ein parfümierter Kontrabass, da muss das Kolophonium stauben!“- „Das muss klingen wie ein trockenes Tuch auf einer Fensterscheibe“.- „Nein, das ist kein Schlummerlied für einen Drachen. Die sind hungrig, die wollen das ganze Orchester auffressen, das müssen Sie mit allen vier Füssen spielen; legen Sie sich das unters Kopfpolster und träumen Sie von  See-Ungeheuern“. – «Ja, jetzt ist der Schwung in den Bässen gut, man spürt, dass Sie in der richtigen Jahreszeit sind“. – «Da müssen die Hörner glühen und die Klarinetten brennen“.

Anlässlich des Fidelio 2013 in Wien mit dem Concentus Musicus blieben mir noch folgende Zitate: «Das ist ein dinosaurischer Säbelzahntiger, der einem Mammut an den Hals springt.“- «Kannst du das «öd» so singen, als wie wenn du 1 Woche in der Sahara gewesen wärst?“. Zu Florestan: «Muss das «Gott» so sein? Ich hab› auch schon Gott gerufen, als ich in eine Gletscherspalte gefallen bin, der Alpenverein ist auch ohne das «t» gekommen.“ Oder zu den Trompeten, die sich schon den Leib aus der Lunge blasen: «Trompeten, das ist FORTISSIMO ! Ihr spielt’s ja wie Blockflöten“.

Das Wichtigste, was er uns vermittelt hat, ist die Überzeugung, dass die Musik das Geschenk Gottes für uns Menschen ist und dass es dies ist, was uns quasi vom „Affen“ unterscheidet. In diesem Sinne antwortete er einem Journalisten nach der erstmaligen Aufführung des Fidelio auf historischen Instrumenten auf die Frage, wie Beethoven das fände, mit: „Jetzt hört der Beethoven das endlich!“ – Für uns war es – wie Thomas Hampson sich ausdrückte – ein Geschenk, mit dieser Jahrhundert-Persönlichkeit arbeiten zu dürfen. Er wird weiterleben.

Philipp Mahrenholz, Sie sind Solo-Oboist in der Philharmonia Zürich, gehören zur jüngeren Generation und sind auch im Vorstand von „Scintilla“. Wo liegt Ihr Ansporn, in beiden Formationen solistisch tätig zu sein, in einer Zeit, wo die Erinnerungen an die Zusammenarbeit mit Nikolaus Harnoncourt doch schon einige Jahre zurückliegen? Spüren Sie den Enthusiasmus der legendären Persönlichkeit nach wie vor, und ist das Erbe des charmismatischen Vorbildes gesichert?

Ja, der Enthusiasmus ist ungebrochen spürbar. Allein schon deshalb, weil es jedem guten Musiker immer um die Fragen gehen wird, die auch ihn so sehr beschäftigten. Die grosse Schwierigkeit für uns alle ist zu spüren, wohin die Reise geht. Die endgültige Wahrheit gab es ja auch gerade für ihn gar nicht. Wir müssen als Musiker immer wach bleiben, alle Ohren und Sinne öffnen und klar sehen, zumindest wo es NICHT hingeht, um seine Worte zu nutzen. Ich denke, sehr wichtig ist, ihm und seinen Ideen nicht ein Denkmal setzen zu wollen. Einerseits wäre das nicht im Entferntesten in seinem Sinne, andererseits war sein Wirken immer in Bewegung und in keiner Weise schematisierbar. Sich also in einen Zustand der wachsamen Offenheit bei gleichzeitigem bedingungslosen Brennen für die Sache zu begeben, ist eine der grössten Herausforderungen, aber auch etwas vom Schönsten. Es gibt uns enorm Kraft, weiterzumachen, und nur allein schon von daher bin ich überzeugt, sein Erbe wird ganz sicher bei uns weiterleben.

Mein Ansporn, in beiden Formationen solistisch tätig zu sein, liegt darin, dass ich bestmöglich komponierte Musik spielen will, und die gibt es in den verschiedensten Epochen. Ich möchte dabei so nahe wie möglich an das Bild herankommen, das der jeweilige Komponist hatte, weil ich glaube, dass sich dann die Seele der Musik öffnet, man erst dann eins werden kann mit der jeweiligen Musik und wir ganz neue Schichten und Dimensionen entdecken können. Und um diese Nähe zu finden, sind meiner Meinung nach die jeweils historischen Instrumente unabdingbar. Es ist instrumental gesehen für alle eine grosse Herausforderung, aber sie lohnt sich enorm. Wenn mal einmal gehört hat, wie diese Instrumente im Idealfall zusammenklingen und was auf einmal möglich wird, will man nicht mehr davon lassen.

Meine Dame, meine Herren von „Scintilla“, ich bedanke mich für dieses Gespräch und hoffe mit Ihnen, das Vermächtnis des Verstorbenen möge in eine erspriessliche Zukunft weisen.

Teaserbild: Nikolaus Harnoncourt probt im Opernhaus Zürich / Foto: Emanuel Ammon

Nächstes Konzert in der Reihe mit Scintilla: Johann Sebastian Bach, 21.3., 19.00

 

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