Kolumnen

Toleranz ist keine Einbahnstrasse

„Dein Wort in Gottes Ohr“ ist eine etwas vollmundige Wunschvorstellung, die aktuell auf eine zunehmend ernüchternde Bewährungsprobe gestellt wird.

„Sind liäb mitenand“, höre ich den Rat unserer Mutter, wenn sich meine Schwester und ich in der Kindheit hin und wieder über Belangloses zankten. Etwas weniger belanglos sind die Erfahrungen, die meine Kollegin Judith Stamm in ihrer Jugend in der katholischen Diaspora Zürich machen musste (s. ihre Kolumne vom 5. April), zu der ich auch gehörte. Wenn das kleine Grüppchen Katholiken an Fronleichnam schulfrei bekam, ging es bei den Klassenkameraden nicht ohne hämische Kommentare ab. Und ich mag mich noch gut daran erinnern, dass die Musik des Protestanten J.S. Bach damals kaum je in einer katholischen Kirche erklang. Die Retourkutsche kam postwendend, indem die sakralen Werke von Mozart, Haydn, Beethoven und Bruckner in den reformierten Kirchen tabu waren. Das alles ist heute zum Glück selbstverständlich und gut so. Also tempi passati?

Heute ist Zürich, wenn auch immer weniger christlich orientiert, doch in gegenseitiger Achtung und Wertschätzung dem Geist der Oekumene verbunden, allen Ewiggestrigen und Fundis aus disparaten Lagern zum Trotz. Die Botschaft der Toleranz hat heute viele Gesichter, von Lessings Ringparabel zu bekennden humanistischen Idealen bis zu Gleichgültigkeit, Phrasendrescherei und radikaler Ablehnung. Die Frage stellt sich heute aber anders: Was läuft schief im Verhältnis zwischen Christen und Muslimen, zwischen unserer abendländischen Kultur und der islamischen? Jüngste Ereignisse geben zu Bedenken Anlass. Die Verunsicherung ist gross, wo die Grenzen zu ziehen sind zwischen unserem Bildungs- und Integrationsverständnis und der Weigerung einiger Kreise, sich unseren rechtsstaatlichen Prinzipien zu fügen. Parallelgesellschaften, wie sie sich in Frankreich und Belgien nach allzu laschem Laissez-faire gebildet haben, darf es in der Schweiz nicht geben. Wer bei uns Asyl will, soll zur Schweiz und zu unserer Kultur ja sagen. Unsere Demokratie gewährt gleiche Rechte und Pflichten für alle. Der Ermessensspielraum ist für alle gross genug.

Ich erinnere daran, dass Lehrerinnen aus vorauseilendem Gehorsam den Gedanken an ein Krippensspiel, an Advents- und Weihnachtslieder zunehmend verwerfen, dass kaum noch Volks- und Mundartlieder gesungen werden und in internationalem Mainstream-Englisch ein Alibi zur Völkerverständigung gesehen wird. Dann kam das unselige Verbot von Edelweiss-Hemden an einer Sekundarschule, und jetzt haben zwei Muslim-Jugendliche aus Syrien in der Gemeinde Therwil/BL erwirkt, dass sie aus religiösen Gründen der Lehrerin die Hand nicht mehr reichen müssen. Die Reaktion von Bundesrätin Sommaruga kam postwendend: „Der Händedruck gehört zur Schweizer Kultur“.

Leider ist diese Verweigerung nur ein letztes Glied in einer ganzen Kausalkette, die belegt, dass eine junge, in den meisten Fällen assimilationswillige Generation von wenigen Heissspornen und radikalen Islamisten zur Obstruktion aufgefordert wird. Das geht von der Verweigerung von Vätern, an einem Lehrer-Eltern-Gespräch teilzunehmen, wenn eine Frau die Klasse unterrichtet, von erpresserischen Forderungen bis zu den Konfliktherden Schwimmunterricht, gemeinsames Turnen von Buben und Mädchen, Klassenlager-Teilnahme und der jetzigen Handschlag-Debatte. Zitat Lilo Lätsch, Präsidentin des ZLV (Zürcher Lehrerinnen- und Lehrerverband): „Das Frauenbild ist das Problem, nicht der Handschlag.“

Wie wollen wir Rechtfertigungen begegnen wie: „Die Schüler wollten wohl wie Mohammed leben, der nur seine Ehefrau berührte. Körperliche Kontakte zu Frauen können gefährlich enden.“ Und der Provokation setzt Qaasim Illi vom Islamischen Zentralrat Schweiz noch eins drauf: „ Würde die unsittliche Annäherung zwischen einem jungen Mann und einer Lehrerin erzwungen, grenzte das an körperliche Nötigung.“ Solche Äusserungen sind gezielte Propaganda, die Söhne willfähriges Instrument von Scharfmachern. Statt uns weiter das Heft aus den Händen nehmen zu lassen und uns zu diktieren, was islamisch Sache ist, sollten wir endlich den Mut aufbringen, unmissverständlich kundzutun, dass Toleranz keine Einbahnstrasse ist, sondern die Bemühungen um ein friedliches Miteinander und gegenseitigen Respekt immer alle Seiten in diesem Land tangiert. Vertrauen wir moderaten Kräften – und davon gibt es zum Glück immer mehr – und weisen die Konflikte schürenden Hitzköpfe und Fundamentalisten in ihre Schranken.