FrontKolumnenKönigin Elizabeth II. - ein Phänomen

Königin Elizabeth II. – ein Phänomen

Nun feiert sie also ihren 90. Geburtstag: mit ihrem ganzen Hofstaat, ihren Untertanen, mit Paraden, Fanfaren und illustren Gästen – und auch ein bisschen mit uns.

Die ältere Generation mag sich noch daran erinnern, wie wir als neugierige Knirpse 1953 an der Mattscheibe klebten und als eine der ersten TV-Sendungen die Krönung von Königin Elizabeth in Schwarz-weiss miterlebten. Es war die Geburtsstunde des Schweizer Fernsehens und auch einer neuen, hübschen Monarchin, die seither alle Rekorde und Superlative gebrochen hat.

Es war wie im Märchen – nein, es war eins: Mit fiebrigen Augen folgten wir der goldenen Staatskarosse, von einem Achtspänner mit prächtig drapierten Schimmeln gezogen und begleitet von Tausenden von Livrierten, von Potentaten, gekrönten und ungekrönten Häuptern und umjubelt von Millionen von Zuschauern.

63 Jahre ist es her und unsere Medien hielten sich nie zurück, über jede grössere Zeremonie, jede Hochzeit des britischen Königshauses, jede Thronrede, jede Reise in Text, Bild und Ton zu berichten. Ihre eleganten Hüte, die farblich perfekt assortierten Kleider, Mäntel, Taschen und Handschuhe entgingen keiner Zeitung und keinem Modejournal. Eigentlich ein Phänomen für unser Land, das jede Form von Monarchie und Adelsgesellschaft immer weit von sich wies und auch mit Hellebarden und Zweihändern ihrem Willen nach Volkssouveränität Ausdruck verlieh.

Die Königin ist beliebter denn je, selbst die Republikaner zollen ihr Respekt. Und 75% glauben an die Krone und dass sie auch in Zukunft sinnstiftend wirken wird. Diese Sympathie wurde Elizabeth II. nicht in die Wiege gelegt. Sie hat sie sich mit eiserner Disziplin, mit kluger Zurückhaltung, bewundernswerter Bescheidenheit und einer Seelenruhe ohnegleichen bewahrt, selbst als die Wogen in der royalen Familie hoch gingen.

Ob Brexit, Grexit oder Exit, je unsicherer und ratloser die Welt wird und je schneller sie sich dreht, Elizabeth II. bleibt ein Ruhepol in ihrer magistralen Ausstrahlung, ihrer Würde und ihrem diplomatischen Geschick. Obwohl ein Relikt aus einer längst vergangenen Zeit, verkörpert sie ein Zipfelchen Ewigkeit, an dem wir – so lange es geht – festhalten möchten. Je mehr Autoritäten wegbrechen, ihren Nimbus durch allzu menschliche Untugenden verlieren, je mehr Orientierungslosigkeit und Zukunftsängste unseren Alltag bestimmen, je mehr hoffen wir, dass das Märchen noch eine Weile andauern wird. Und darum lesen wir mit den gleichen fiebrigen Augen wie damals alle Hommagen zum 90. Geburtstag, kaufen die Regenbogenblätter und schalten uns bei Spezialsendungen über „her majesty the queen“ zu. Das Phänomen lässt sich zwar deuten, aber letztlich bleibt es ihr Geheimnis, und wir halten einen Moment inne und staunen und träumen von einer Welt, die es eigentlich gar nicht mehr gibt – eben, von einem Märchen.

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