Kultur

Mit Urs Jaeggi in Solothurn

Begegnung mit einem Schriftsteller, der einst Maler werden wollte, Soziologe wurde und bildende Kunst macht

Herzlich ist die Begrüssung, wir haben uns ein Jahr nicht mehr gesehen. Der grossgewachsene Mann mit dem sehnigen Körper – immer in schwarz – ist vor wenigen Wochen aus Mexico Stadt, seiner zweiten Heimat wieder in Berlin, wo er den Sommer verbringt. Und jetzt ist Urs Jaeggi in Solothurn, wo er aufwuchs, und stellt bei den Literaturtagen sein neues Buch vor: Heimspiele – Prosa, eine Sammlung von Erzählungen, von Begegnungen mit verschiedenen Figuren in unterschiedlichem Kontext: Alois, der des Mordes verdächtige Obdachlose in Berlin, Stefan, Edgar, Seraphin und vor allem Hans, der traumatisierte aber erfolgreiche Flüchtling in New York – sie sind alle nah bei ihrem Schöpfer, in den Erzählungen steckt Autobiographisches. Urs Jaeggi spielt mit der Imagination und seinem Erleben, er spielt mit der Sprache, ihren Möglichkeiten, unterschiedliche Töne zu generieren.

Unterwegs zum Landhaus, wo die Literaturtage ihr Zentrum haben: Urs Jaeggi

Berühmt als Schriftsteller wurde er mit Brandeis, dem Band eins der Trilogie zu den Aufbruchjahren der Studentenbewegung, heute gern auf 68 fixiert, literarische Werke hat er aber schon während seines Studiums der Soziologie publiziert. Mit einem Auszug aus dem Buch Grundrisse gewann er 1981 den Ingeborg-Bachmann-Preis. Seither hat er mit Unterbrüchen viele literarische Werke verfasst. Und dazwischen? Jaeggi ist ein ebenso bedeutender bildender Künstler, der seit 1985 grosse Ausstellungen hat, und Jaeggi war einer der bemerkenswertesten Soziologieprofessoren der Bundesrepublik Deutschland. Seine Antrittsvorlesung in Bochum wurde als Buch ein Bestseller: Macht und Herrschaft in der Bundesrepublik (1969). Nun wird er diesen Sommer 85jährig und steckt voller Pläne.

Zum Geburtstag bereitet er mit Rolf Külz, Kurator und langjähriger Begleiter, wie vor fünf Jahren wieder eine grosse Ausstellung in der Malzfabrik, einem Berliner Kulturort vor: „Ans Licht. gebracht besteht aus zwei Installationen mit Texten, Musik und Aktionen zum Thema der gegenwärtigen sozialen und politischen Verwerfungen“. Das Konzept steht, aber ob es kostendeckend wird, ist noch offen: „Wir warten nicht ab. Wir machen’s,“ sagt Jaeggi überzeugt. Die Installation mit den zerbrochenen Fenstern und den WC-Schüsseln, aus denen Texte hervorschallen, statt dass da weggespült wird, soll aufrütteln. Die eingeschlagenen Fensterscheiben sind Zeichen für den Zerfall der gesellschaftlichen Ordnung, Symbole für die Brüchigkeit der auf Wachstum ausgerichteten Ökonomien, für im Krieg zerstörte Städte.

Fenster mit eingeschlagenen Scheiben – Objekt für die Ausstellung „ans Licht gebracht“

Auch in seinem künstlerischen Ausdruck, auch wenn er literarische Texte verfasst bleibt Jäggi ein politischer Mensch, dessen Aufmerksamkeit den Geschädigten und Ausgegrenzten gilt, der mit seiner antiideologischen Haltung auch unverstanden bleibt: „In den 60er Jahren galt ich den einen als Scheissliberaler, den anderen als Kommunisten“.

Geprägt hat ihn seine Herkunft und sein nicht gradliniger Bildungsweg: „Mein Grossvater gründete die Sozialdemokratische Partei in Solothurn und die Konsumgenossenschaft. Den Vater begleitete ich sonntags, wenn er im Volkshaus für die Büezer juristischen Rat gab,“ berichtet Jaeggi und fasst zusammen, „ich hatte das Glück einer politischen Erziehung, die zugleich undogmatisch und offen war.“ Leidvoll dagegen die Umerziehung des Linkshänders in der Schule mit brutalsten Mitteln, sogar zeichnen musste er mit der rechten Hand, was vermutlich zur Legasthenie führte, vielleicht jedoch kreative Kräfte weckte. Jaeggis Berufswunsch war Maler oder Architekt, aber zunächst absolvierte er eine Banklehre, während der er viel las. Französische Literatur, vor allem die Bücher der Existentialisten las er mit Begeisterung, reiste jährlich nach Paris und büffelte für die eidgenössische Matur, so dass die Gymnasiasten Solothurns über das Wissen des Lehrlings nur staunten: „Ich konnte lesen, was mich interessierte,“ erklärt er den Bildungsvorsprung.

In Geschichte und Kunstgeschichte vertiefte er sich ebenso, wurde ganz jung in die Museumskomission gewählt und konnte, unterstützt von einem namhaften Sammler, seine erste Ausstellung kuratieren: zwei der vier von ihm ausgewählten Künstler wurden später berühmt: Franz Eggenschwiler und Oscar Wiggli.

 

1968 protestierten die Berliner Studenten gegen die Notstandsgesetze

Urs Jaeggi war der wohl bekannteste Soziologieprofessor während der Studentenunruhen in den 60er und 70er Jahren. Seine undogmatische und kollegiale Arbeitsweise mit seinen Studenten führte allerdings schon an der Uni Bern zum Eklat: Zusammen mit seinen Studenten vom Soziologie-Institut, das er aufbauen sollte, zog er einen nichtautoritären Betrieb auf, ein Büchlein über den Vietnamkrieg war dann Auslöser eines Skandals, angeführt von der NZZ. Jaeggi ging nach Bochum, wo er in kürzester Zeit tausend Studenten hatte, während seine Kollegen – „zwei waren Faschisten“ – mit je einem guten Dutzend arbeiteten: „Psychisch hielt ich den Druck nicht mehr aus,“ denkt er zurück, aber er habe die festgefahrenen Fronten auch in Berlin unterschätzt. Befreiend war dann das Teilen der Professur, gemäss der selber erstellten Regel mit einer Frau. So gewann Jaeggi jeweils ein halbes Jahr Zeit für die Kunst. Ermuntert von einem Museumsdirektor, der erste Arbeiten zu Gesicht bekam, arbeitete Jaeggi drei Jahre lang in einer Bildhauerwerkstatt, lernte sägen, schweissen, feilen – den Umgang mit Holz und Metall. Der offizielle Einstieg in die bildende Kunst ergab sich also eher spät, während der literarische Jäggi längst bekannt war. „Ich habe eher gestaunt, dass ich zu schreiben begann, als dass ich zeichnete,“ sagt Jäggi rückblickend.

Installation in der Ausstellung „Kunst ist überall“ zum 80. Geburtstag von Urs Jaeggi, Malzfabrik Berlin 2011

Das Leben an zwei Orten – Mexiko und Berlin – führt auch zum Nachdenken über das Älterwerden, den Verlust von Kontakten, wobei Jaeggi dank seiner Frau, der Kunsthistorikerin Graciela Schmilchuk, in Mexiko gut vernetzt ist. So wird er im Herbst, wenn die beiden wieder in Mexiko sind, eine dreistündige Performance mit einer Tänzerin zeigen. Im vergangenen Winterhalbjahr hat er nebst der Vorbereitung der Ausstellung mit den kaputten Fenstern seine Fotos geordnet und verarbeitet: „Ich begann mit 60 zu fotografieren.“ Dass er zu diesem Zweck auch ein neues Computerprogramm erlernen musste, ist für ihn kein Thema, sondern halt nötig.

Wie nur schafft er es, auch mit weit über achtzig so aktiv und voller Tatendrang zu sein? Ganz lapidar: „Ich mache täglich 45 Minuten Gymnastik und Jazztanz, auch Hanteln heben, das ziehe ich durch“ sagt er, ausserdem spielt er mit seinem Enkel Fussball, was er als Kind ebenfalls leidenschaftlich tat. Seine Tochter Rahel Jaeggi, die als junge Frau Häuserbesetzerin wurde, also wie er den zweiten Bildungsweg einschlug, ist erfolgreiche Soziologin und schreibt über dieselben Themen, die auch ihn umtreiben, Entfremdung, Lebensformen. Gewiss, da sind auch Ängste, dement zu werden, doch das sieht er als schicksalshaft und denkt, sein Freund Walter Jens habe nach dieser Art „Scheidung“ vom bisherigen ein anderes, auch lebenswertes Leben gehabt.

Im Moment treibt ihn etwas anderes um, nämlich dass wir, die vor Jahrzehnten „auf die Vernunft hofften in der Welt, auf weniger Hunger,“ nun sehen, dass es eine Illusion war: „Alles ging bachab.“ Jaeggi, Moralist mit Realitätssinn, hofft auf einen möglichst hohen Stimmenanteil bei der Initiative über das Grundeinkommen, damit daran weitergearbeitet werde. „Das Grundeinkommen gibt Stabilität und Sicherheit, es ermöglicht, seine Begabung umzusetzen (statt einer Banklehre), für die Hausarbeit gibt es endlich Lohn, das ist fast das wichtigste,“ und betont die Bildung. Denn wenn Maschinen alle einfache Arbeit, auch Denkarbeit übernehmen, sollen Menschen andere Qualifikationen haben. Jäggi hat die Problematik in seinem Essayband Durcheinandergesellschaft bereits 2008 behandelt.

Urs Jaeggi nimmt an den Solothurner Literaturtagen teil. Er wird in einer öffentlichen Live-Sendung am Sonntag, 7. Mai 12.40 Uhr  für die Sendung Musik für einen Gast bei SRF2 Kultur von Michael Luisier interviewt. Die 38. Solothurner Literaturtage dauern noch bis zum Sonntagabend. Das Programm finden Sie hier.

Urs Jaeggi liest, bevor er nach Berlin zurückreist, am Dienstag, 10. Mai um 19.30 Uhr in der Buchhandlung LibRomania in Bern aus Heimspiele; Moderation Daniel Rothenbühler