Gesellschaft

Soziale Sicherheit im Alter

„Soziale Sicherheit im Alter: Familie, Wohlfahrtsstaat, Kultur“ – dies der Obertitel der gegenwärtigen Vorlesungsreihe des Zentrums für Gerontologie der Universität Zürich.

Die Verunsicherung um die Fragen der sozialen Sicherheit ist allenthalben spürbar: Über den Renditen der Pensionskassen, über der nachhaltigen Finanzierung der AHV schwebt das Damoklesschwert der Kürzungen, auch die unterstützenden Leistungen an sozial Schwache werden in Frage gestellt.

Der Soziologe Klaus Preisner (Foto links)beleuchtete dieses Thema unter dem Titel „Familie – Staat – Kultur“ im Rahmen der Vortragsreihe des Zentrums für Gerontologie. Seine Erkenntnisse beruhen auf statistischen Untersuchungen in der Schweiz und europaweit bei Männern und Frauen über 50. Diese Untersuchungen wurden 1970 und 2010 durchgeführt und zeigen auf, wie damals und heute soziale Sicherheit individuell erfahren wird.

Was ist soziale Sicherheit im Alter? Sie ist nicht allein mit finanzieller Sicherheit gleichzusetzen. Es muss ebenfalls unterschieden werden zwischen faktisch bestehender und subjektiv wahrgenommener sozialer Sicherheit. Prekäre Sicherheit wird weniger beunruhigend wahrgenommen, wenn die Betroffenen sich durch ihre (kulturellen) Gewohnheiten und in ihrem sozialen Netz gehalten fühlen. – Andererseits scheint manchen Menschen aus Ängstlichkeit ihre soziale Sicherheit gefährdet. Bei der Einschätzung der finanziellen Sicherheit ist zu beachten, dass ein hoher Anteil der Ausgaben finanziell gut gestellter Menschen über 50 nicht bedarfsabhängig ist. Sie können sich Ausgaben leisten, die nicht als lebensnotwendig gelten, während sich die Ausgaben schlecht gestellter älterer Menschen naturgemäss auf das Nötige beschränken.

Es ist statistisch bestätigt, dass die Schweiz zu den europäischen Ländern mit besonders hoher sozialer Sicherheit gehört. Dazu tragen folgende Faktoren bei: Gesundheit, finanzielle Lage, Bildung und Lebenslauf, dieser besteht, soziologisch betrachtet, aus dem beruflichen Werdegang und der Folge der Ereignisse im Leben des einzelnen. Dabei wirken Erwerbsbiografie und Familienbiografie wechselseitig aufeinander ein. Brüche im so verstandenen Lebenslauf können Unsicherheit verursachen – oder aber, bei starken Persönlichkeiten, als Chance zu positivem Wandel begriffen werden.

Weniger soziale Sicherheit im Alter bei Frauen

In den Untersuchungen zeigte sich ein deutlicher Unterschied zwischen sozialer Sicherheit bei Frauen und Männern, der so nicht zu erwarten gewesen war. Familiäre Ereignisse haben bei den Männern fast keinen Einfluss auf ihre soziale Sicherheit. Frauen hingegen arbeiten heutzutage zwar deutlich zahlreicher nach der Geburt der Kinder wieder, aber oft nur in Teilzeit und nach einer Familienpause. Wenn Frauen vor 100 Jahren Wert auf soziale Sicherheit legten, war für sie die Ehe zwingend. So krass gilt das heute natürlich nicht mehr. Aber von allen sozialen Gruppen geraten auch heute alleinerziehende Mütter am leichtesten in prekäre Verhältnisse – und das wird auch in Zukunft so bleiben, stellt der Soziologe fest.

Welchen Einfluss haben die in Veränderung begriffenen Formen des familiären Zusammenlebens auf die soziale Sicherheit im Alter? Sozialpolitik ist Ursache und zugleich Folge des Wandels familiärer Verhältnisse. Familienstrukturen und sozialpolitische Verhältnisse hängen zusammen: Eine intensive Sozialpolitik fördert freie Familienformen, die wiederum im ungünstigen Fall zu prekärer sozialer Sicherheit im Alter führen kann.

Welche Strategien empfehlen sich zur Erhaltung der sozialen Sicherheit im Alter? „Kürzungen“ der Sozialleistungen würden laut Preisner auf Dauer nicht funktionieren, denn einmal etablierte Lebensformen lassen sich nicht rückgängig machen. Deshalb würden Kürzungen zu mehr Armut führen. Bildung als Teil der Kultur fördert grundsätzlich immer Wohlbefinden, Gesundheit, Aktivität und ist damit ein besonders wichtiger Faktor für ein gesundes und gesichertes Alter. Menschen mit einer gewissen Bildung gehen mit ihren finanziellen Ressourcen im Durchschnitt vernünftiger um, können auch scheinbar prekäre Verhältnisse besser aushalten; sie sind gesundheitsbewusster und aktiver, was ihre eigene Gesundheitsförderung betrifft.

Aus länderübergreifender Perspektive lässt sich aus den Untersuchungen der Schluss ziehen, dass die soziale Schicht auf die soziale Sicherheit im Alter einen grossen Einfluss ausübt: „Children are the poor man’s capital.“ Je wohlhabender ein Land ist, desto unwichtiger sind die familienbedingten Unterstützungen im Alter. In armen Ländern jedoch sind arme Alte ohne Kinder extrem benachteiligt.

„Gezielte Massnahmen“ gegen die Altersarmut versprechen Wirksamkeit, wobei der Referent diese Massnahmen nicht präzisierte; es ist auch nicht klar, welche sozialen Nebeneffekte sie hervorrufen würden. Ein taugliches Mittel sieht Klaus Preisner im bedingungslosen Grundeinkommen. Damit wäre der Gelderwerb zum Erhalt finanzieller Sicherheit nicht mehr risikobelastet.

Eine weitere Arbeit zum Thema:
Klaus Preisner: Eine Zukunft ohne Familie.

Abschliessende Vorlesung am 1. Juni 2016:
David Chiavacci: Soziale Sicherung und Sozialvertrag in Japan. Wachstum, demographischer Wandel und soziale Ungleichheit

Titelbild:  © Uschi Dreiucker / pixelio.de