Kultur

Hochkarätiges und einheimisches Schaffen

Zum 22. Mal findet in den ABB-Hallen hinterm Bahnhof Örlikon die Kunst Zürich statt

Die alten Fabrikhallen, die laut Messe-Leiterin Evelyne Fenner längerfristig erhalten bleiben, bieten nicht zuletzt wegen ihrer Dimensionen ein ideales Ambiente für eine Kunstmesse. Die Ausgabe 2016 zeigt viele gute Werke klassischer Gegenwartskunst und spannende Positionen zeitgenössischer und junger Künstlerinnen und Künstler.

Die Koje des Vereins für Originalgrafik mit Blättern von Corsin Fontana (links im Bild)

Letztere unter anderen in einer von Alexandra Blättler kuratierten Schau mit dem Titel Statement Schweizer Kunst, eine Art Kleinformat der Basler Art Unlimited, wobei viel noch Unbekanntes statt der arrivierten Superkünstler zu entdecken ist. Dieses Zürcher Statement darf sich neben der Weltklasse-Ausgabe durchaus zeigen, erst noch ist es entscheidend näher beim hiesigen Publikum. So haben junge Künstlerinnen und Künstler diesmal sogar kostenlos die Möglichkeit, ihre Arbeiten aufzubauen und auszuloten, wo sie im Kunstmarkt stehen. Zusätzlich bietet das neue Instrument Statement Schweizer Kunst Einblick in wichtige private Sammlungen.

Eingangshalle: das Selfie in der Kunst

Siebzig Galerien, rund die Hälfte aus dem Ausland, haben sich in Zürich eingefunden, und seit einiger Zeit gilt die Messe als Hotspot, auch im Ausland: „small but mighty,“ sagen amerikanischen Artnet-Journalisten, obwohl die 8000 Quadratmeter Ausstellungsfläche manchen eher riesig vorkommt.

Aufnahme aus einer Video-Arbeit von Judith Albrecht

Hochkarätig und etabliert einerseits, jung und erfrischend andererseits sind die Exponate in den weissen Kuben der einzelnen Galerien. So ist die Kunst Zürich eine wichtige Messe für Sammler und Händler, aber auch für Kunstinteressierte, die erst mit ihrer Sammlung beginnen wollen und kein Vermögen oder Offshore-Konto haben. Beispiel gefällig: Wer sich die Bilder von Corsin Fontana, die sein Galerist für mehrere Tausend Franken anbietet, niemals oder noch nicht leisten kann, findet auf der Messe beim VfO, dem Verein für Originalgrafik, Blätter vom selben Künstler für rund einen Zehntel, also zum Preis von einer Ferienwoche auf den Kanaren.

Across Borders: seit fünfzehn Jahren vertritt die Thalwiler Galerie AB43 Kunst aus dem Mittleren Osten, vor allem aus dem Iran

Fast scheint es, die Kunst Zürich habe ihre Form gefunden. War die Messe in den vergangenen Jahren hin und wieder auch mit fragwürdigen Werken bestückt, spielt der Kitsch für Boni-Banker und Spekulanten samt den Galerien, die ihn vermarkten, diesmal eine kleine Nebenrolle. Ausserdem ist wohl auch dank des Statements Schweizer Kunst das Gefühl der Besucherinnen und Besucher fast verschwunden, sich in einem unübersichtlichen Labyrinth von Fotografien und Bildern, Skulpturen und Installationen guter und weniger guter Qualität nicht zurechtzufinden.

So ist die Auswahl aus der Sammlung Hubert Looser eine regelrechte Sonderausstellung innerhalb der Messe. Es geht von der klassischen Moderne bis in die 50er und 60er Jahre. Hugo von Moos, Sergio Brignoni, Eva Aeppli mit Planeten-Köpfen, Fritz Glarner, Leo Klotz, um ein bisschen Namedropping zu machen; und um bei unserem Beispiel zu bleiben: eine frühe Holzarbeit von Corsin Fontana gibt es da auch.

Die starren Gletscher-Abformungen von Peter Baracchi

Als Auftakt in der grosszügigen Halle mit junger Kunst hängt eine Ikone von Fotografie von Olaf Bräuning, ausgeliehen von Michael Ringier, auf dem rohen Fabrikboden davor liegen grosse Gipsobjekte von Markus Schwander – bunte Kaugummi, ausgespuckt von Gargantua. Es gibt auch sozial- und umweltpolitische Positionen, beispielsweise Gletscher-Abformungen von Peter Baracchi. Er reflektiert die heute fast schon übliche Abdeckung schmelzender Gletscher in Skigebieten und damit die Klimaerwärmung. Seine fünfzehn weissen Quadrate, die wie erstarrte Tücher die Form eines winzigen Eissegments zeigen, hat er mit Zementpulver an Ort erzeugt. Anregend sind die Fotokonstrukte von Sandra Senn. Schiffswracks, Uferlinien oder Polder werden in ihrer neuen Zusammensetzung zu irritierenden Projektionsflächen für die Beschauer.

…. und nochmals Gletscher – Tempera-Malerei auf 25000er Landkarten von Uwe Walther

Junge Positionen den ganz grossen Arrivierten gegenüberzustellen, reizt den Galeristen Toni Wüthrich aus Basel: Ein Grossformat von Richard Serra wird flankiert von Leiko Ikemura und Stefan de Wengens Tagebuch: Grau in Grau, die Malerei im Kleinformat von Objekten aus dem eigenen Lebenslauf .

Geradezu winzig sind die Videos von Judith Albrecht in der Zuger Galerie Renggli, wer nah davorsteht und hinguckt, vergisst für kurze Zeit den hektisch-aufgekratzten Vernissagebetrieb, der natürlich dazugehört. Wer klassische Schweizer Kunst von Varlin bis Luginbühl, von Dieter Roth bis Bruno Suter mag, kommt auf die Rechnung, nicht mit den Superlativen, den riesigen Arbeiten, aber mit Perlen aus deren Schaffen, Zeichnungen, Grafik, Objekten.

Ausschnitt aus dem Tagebuch von Stefan à Wengen

Zwei Podiumsgespräche am Samstag und Sonntag, sowie eine kleine Kunstschule für Kinder von drei bis zehn, während die Grossen die Galerien besuchen, ergänzen das Angebot, natürlich nebst den kulinarischen Möglichkeiten. Dem Ansturm von über 22‘000 Besucherinnen und Besuchern sei man gewachsen, heisst es.

Informationen finden Sie hier: www.kunstzuerich.ch