Kultur

„Bildhauer von Luft“

Conrad Steinmann, Blockflöten-Spieler und Weltreisender fürs Flötenspiel hat ein Buch geschrieben

Eigentlich war sein Berufswunsch Archäologe, daher lernte Conrad Steinmann schon als Primarschüler englisch, im Gymnasium kam griechisch dazu und die Beteiligung bei Ausgrabungen, in der Hoffnung, später als Entdecker grosser noch verborgener antiker Städte berühmt zu werden. Nun ist er berühmt, als Musiker, genauer, als Blockflötenspieler. Wie es dazu kam, erzählt er in der Geschichte Der Privatschüler. Sie steht im Buch Drei Flöten für Peter Bichsel, in dem Conrad Steinmann schöne und wichtige Begegnungen mit Menschen erzählt, immer im Zeichen der Blockflöte.

Conrad Steinmann (rechts) spielt ein Solo auf der wohl grösstmöglichen Flöte bei der Feier des Kunstpreises Zollikon 2016, der ihm gleich davor verliehen wurde. Foto © Eva Caflisch

Was der Dichter Peter Bichsel mit Blockflöten zu tun hat? Zunächst so viel, wie wir fast alle: auch er wurde als Schüler mit Blockflöten-Unterricht „gequält“, wie er bei der Buchvernissage sagte. Aber wie er doch noch im höheren Alter auf die Blockflöte kam – natürlich dank Conrad Steinmann – steht in der titelgebenden Geschichte: Bichsel und Steinmann waren vom Veranstalter im Ruhrgebiet zu je einem Auftritt am selben Abend eingeladen. Bei der langen Bahnfahrt lernten sie sich näher kennen und planten einen gemeinsamen, umso längeren Abend, Bichsel würde lesen, Steinmann auf das Gelesene reagieren. Geplant war dann die Zugabe, bei der Frau Blum – die mit dem Milchmann – singen würde: Ich bin zum ersten mal als Musiker aufgetreten“, erinnert sich der Autor. Das war der Anfang einer langen Freundschaft mit Auftritten, während derer Peter Bichsel sogar zum Lotusflötenspieler wurde.

Peter Bichsel kam nach Zollikon, um seinem Freund zum Kunstpreis zu gratulieren. © Eva Caflisch

Hochspannend aber etwas schwieriger zugänglich für Nichtmusiker sind Steinmanns Essays zum Komponieren. Beispielsweise die Entstehung der Komposition Musik zu Pontormo von Roland Moser. Pontormo ist ein Renaissancemaler, der Komponist liess sich von dessen Bildern in der Cappella Capponi zu acht Sätzen für eine bis acht Blockflöten inspirieren. Bei Steinmann trägt die Geschichte den Titel Wie etwas entsteht. Wie Musik entsteht.

Conrad Steinmann ist übrigens Archäologe geblieben, Musikarchäologe – „ich bin ein Bildhauer von Luft“– gerade weil er sich den Flöten verschrieben hat: Flöten sind uralte Instrumente, immer wieder neu erfunden, denn sie passen zum Menschen: es geht um Blasen, es geht um Hände – beides gehört seit Millionen Jahren unverändert zum Menschen.

Den Aulós, ein Blasinstrument, stets doppelt geblasen, spielt Conrad Steinmann regelmässig mit dem Ensemble Melpomen

So gibt es auch viele Geschichten zu antiken Flöten, und deren Nachbauten durch geniale Flötenbauer in der halben Welt, die auch mal mit Stosszähnen eines Mammuts, das im sibirischem Eis bis heute überdauerte, ein Instrument bauen. Oder die Geschichte der Suche nach dem richtigen Material zum Nachbau einer antiken griechischen Flöte – gelungen mit Röhrenknochen eines Hirschs. Fast so ergriffen wie der Autor selber ist man über den Muratore aus Kalabrien, der beim Gartenmauerbau Conrad Steinmann oft üben hört. Am Ende bringt er ihm die Doppelflöte seines Vaters, die dieser nie mehr spielen wird. Der Fischiott‘ aus dem Erbe des kalabrischen Bauhandwerkers bleibt ein besonderes Stück in Steinmanns Sammlung.

Conrad Steinmanns Geschichten enthüllen Stück für Stück eine kaum bekannte Welt der Blockflöten in der Antike, in der Volksmusik, im Barock und heute, wo das Instrument bei Neuer Musik auch eingesetzt wird. Es ist ein aufschlussreiches Sachbuch für Musiker, Musikwissenschaftler und Instrumentenbauer, aber erst recht ein ganz spezielles Lesebuch für Laien, das mit ebenso unterhaltsamen wie gescheiten Geschichten einführt in die unermessliche Welt der Blockflöte und ihrer vielfältigen Verwandtschaft seit der Antike.

Also ein passendes Geschenk für alle, die von der Blockflöte nicht viel mehr wissen, als dass es jenes erste Instrument war, auf dem man einst mühevoll einfache Melodien spielte – beispielsweise unterm Weihnachtsbaum. Und wer ihn live erleben will: Am 21. März 2017 spielt Conrad Steinmann mit dem ensemble diferencias Georgische Musik in Zürich.

Conrad Steinmann: Drei Flöten für Peter Bichsel. Vom Zauber der Blockflöte. 192 Seiten mit Illustrationen. rüffer&rub Sachbuchverlag, Zürich 2016. 26 Franken. 
ISBN 978-3-906304-08-3