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Der kleine Tannenbaum

Was würde besser zu unserer Serie passen als das Märchen von Hans Christian Andersen (1805 – 1875), dachte ich.

Aber so einfach war es dann nicht. Vage erinnerte ich mich, dass der dänische Dichter ein Märchen über einen kleinen Tannenbaum geschrieben hatte. An der Spitze trug dieser einen grossen Stern aus Rauschgold. Das sind papierdünne Messingfolien, die aussehen wie Gold. Andersen hat seine Geschichte erstmals im Dezember 1844 veröffentlicht.

Die Erzählung vom kleinen Tannenbaum hat es in sich. Er wuchs an einem schönen Platz im Wald auf, hatte Sonne, Luft und viele andere Tannenbäume um sich. Aber darum kümmerte er sich nicht. Sein einziges Bestreben war, zu wachsen. Wenn die vorübergehenden Bauernkinder ihn niedlich nannten, freute ihn das gar nicht. Und wenn im Winter der Hase mit einem Sprung über ihn hinwegsetzte, fand er das sehr ärgerlich. Wachsen, gross und alt werden schien ihm einzig erstrebenswert.

Alljährlich im Herbst erlebte er, wie die Holzfäller einige von den grössten Bäumen fällten. Diese fielen mit Krachen und Getöse zu Boden, die Äste wurden ihnen abgehauen, sie sahen ganz kahl, lang und schmal aus, wurden auf Wagen gelegt und durch Pferde aus dem Wald gezogen. Im Frühling erzählte dann der Storch, bei seinem Rückflug aus Ägypten sei er auf dem Meer vielen neuen Schiffen begegnet. Die hätten prächtige Masten gehabt, das seien sicher die Tannen aus dem Wald gewesen. Die Sehnsucht des kleinen Tannenbaums war geweckt, obwohl er gar nicht wusste, was das Meer war und der Storch keine Zeit hatte, es ihm zu erklären. Es nützte auch nichts, dass ihm die Sonnenstrahlen sagten, er solle sich über das Leben freuen, das in ihm sei. Der Wind strich um ihn, der Tau netzte ihn, aber das alles sagte ihm nichts.

Wenn die Weihnachtszeit nahte wurden jeweils ganz junge Bäume gefällt. Sie behielten ihre Äste, wurden auf Wagen gelegt und durch Pferde aus dem Wald gezogen. Diesmal kam die Information auf der Stelle. Die Sperlinge wussten, dass die jungen Bäume mitten in warme Stuben gepflanzt, mit vergoldeten Äpfeln, Honigkuchen und Spielzeugen und vielen Kerzen geschmückt wurden. Von einer unbeschreiblichen Pracht und Herrlichkeit erzählten sie.

Und wieder war die Sehnsucht des kleinen Tannenbaums geweckt. Von seiner frischen Jugend draussen im Freien hielt er gar nichts. Auch wenn die Luft und das Sonnenlicht ihn immer wieder daran erinnerten.

Um die nächste Weihnachtszeit war es soweit. Der Baum wurde als erster von allen gefällt, weil er so „hübsch“ war. Der Axthieb ging ihm durch Mark und Bein, der Abschiedsschmerz betäubte ihn. Aber bald fand er sich wieder in einem wundervollen Saal mit Bildern, kostbaren Möbeln, Tischen voller Spielzeug und Bücher. Diener schmückten ihn mit bunten Papiernetzen voll Zuckerzeug, mit vergoldeten Äpfeln und Nüssen, mit roten, blauen und weissen Kerzen. Und an der Spitze wurde ein grosser Stern aus Rauschgold festgemacht. „Es war prächtig, ganz unbeschreiblich prächtig“ hält der Dichter in seiner Schilderung fest. Und der Baum konnte es kaum erwarten, bis es Abend war. Und Andersen fährt fort: „O ja, der sollte was erleben! Aber ihm tat richtig die Rinde weh vor lauter Sehnsucht, und Rindenweh ist ebenso schlimm für einen Baum wie Kopfweh für uns andere“.

Und wie der Baum so dastand in seinem Glanz und Prunk gingen die Flügeltüren auf, Kinder stürmten herein, jubelten, tanzten um ihn herum, holten Geschenke herunter und durften ihn nach Erlöschen der Kerzen plündern. Niemand kümmerte sich nachher noch um den Baum. Nur die alte Kinderfrau kontrollierte, ob nicht noch ein Apfel oder eine Feige vergessen worden war.

Die Erzählung von Andersen über das Schicksal des Tannenbaums geht noch lange und anrührend weiter. Aber ich will sie nicht verraten. Nur um den Schluss kann ich mich nicht drücken. Der Baum kommt am Ende ins Sinnieren: „Vorbei! vorbei!“ sagte der arme Baum. „Hätte ich mich doch gefreut, als ich es noch konnte! Vorbei! vorbei!“ Der kleinste der Jungen, die um den verdorrten Baum herum spielen, hat den goldenen Stern auf der Brust, „den der Baum an seinem glücklichsten Abend getragen hatte; nun war dieser zu Ende, und mit dem Baum war es zu Ende, und mit der Geschichte auch: zu Ende, zu Ende – und das sind alle Geschichten einmal!“

Passt die Geschichte von Andersen? Sie passt, heute mehr denn je, denke ich!

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