Kultur

Cesare Paveses letzter Roman

Anregung zum Tausch gegen den Büchergutschein, der auf dem Gabentisch lag, vor allem aber Anregung zur Lektüre

Es ist die Geschichte vom Zurückkehren an den Ort der Kindheit und vom Weggehen zwanzig Jahre davor. Der Ich-Erzähler, von dem wir nur erfahren, dass er Aal, Anguilla, genannt wurde, sucht als in Amerika wohlhabend gewordener Mann die Orte seiner Kindheit auf, immer wieder geleitet und begleitet von seinem Freund Nuto, Schreiner und Musiker, der die Gegend am Flüsschen Belbo im Piemont nie verlassen und dennoch viel gelernt hat.

Der Mond und die Feuer ist das letzte Werk von Cesare Pavese. Der Roman erschien im April 1950, Ende August nahm sich Pavese mit 42 Jahren das Leben – ein Schock für seine Freunde; von aussen beurteilt war er auf dem Höhepunkt seines literarischen Erfolgs, aber für ihn war es wohl einzig möglicher Ausweg aus seinem Kampf mit sich selbst.

Winterliche Rebberge in Cesare Paveses piemonteser Landschaft bei Santo Stefano Belbo

Nun ist das Buch über Auswandern und Heimkehr, über den Widerstand einfacher Landarbeiter gegen Grossgrundbesitzer und Faschisten, aber auch über die harte Zeit, in der Fremde neu anzufangen, in einer dem Original gerecht werdenden deutschen Übersetzung endlich wieder zugänglich. Maja Pflug hat den adäquaten Ton gefunden.

„Ein Dorf braucht man, und wäre es nur wegen der Genugtuung, wegzugehen,“ sagt der Mann, der einst als Findelkind bei armen Bauern aufwuchs, die das Kostgeld dringend brauchen konnten. Natürlich musste er hart arbeiten, aber seine Pflegeeltern und deren Töchter ebenso. So erinnert sich der Heimkehrer an eine karge, aber nicht nur unglückliche Kindheit, obwohl ihn sein Vergil, sein Führer in die Vergangenheit, der Jugendfreund Nuto daran erinnert, dass er oft Hunger litt.

Der Rückkehrer steigt im besten Gasthaus der Gegend ab, man bietet ihm, dem einst verachteten Bankert Land oder Tochter an, er begegnet in einem übel misshandelten Jungen seinem alter ego und versucht, ihm aus der Misere, die sich in zwanzig Jahren kaum gebessert hat, zu helfen. Cinto bekommt ein Klappmesser zum Geschenk, welches am Ende ebenso verloren ist, wie die Spuren der wichtigsten Menschen und der Strukturen, die des Erzählers Jugend prägten. Während des Amerikaaufenthaltes entwickeln sich in der alten Gegend, die nicht mit Heimat verwechselt werden darf, in der es dennoch Verwurzelung gab, Schicksale, die oft trostlos enden, vor allem jene der jungen Frauen, die der Landarbeiter einst so bewunderte für ihre strahlende Leichtigkeit, mit der sie ihr Dasein hinnahmen.

Cesare Pavese

In der Gegenwart, die nichts als ein Motor für Erinnern ist, werden zwei Leichen entdeckt – von der wütenden Landbevölkerung umgebrachte faschistische Verräter oder von jenen ermordete Partisanen – ein Anlass für den Rückkehrer, den Schicksalen auf den Grund zu gehen. Am Ende kulminiert der Roman in der Verbrennung der schönsten Frau der Gegend, die sich mit den Faschisten vergnügte, um für die Partisanen zu spionieren, bis sie enttarnt und erschossen wurde. Ihre Leiche soll niemals entdeckt werden, ihre Asche könnte ebensogut jene eines Johannisfeuers sein.

Brennen muss auch der Bauernhof, auf dem der Icherzähler aufwuchs, jener, wo der armselige verkrüppelte Cinto mit einem leiblichen Vater, wenn auch einem gewalttätigen, lebt. Es ist ein ähnliches Leben, wie eine Generation davor, der Jahrslauf prägt die Arbeiten in der Landwirtschaft.

Die Sehnsucht nach diesen bäuerlichen Tätigkeiten, den Arbeiten in den Reben, dem Kartoffeln graben, Weiden schneiden, winters in der Küche Kastanien braten, wird immer wieder in fast identische Worte gefasst. Wie der Refrain einer Lebensgeschichte, die dort zuende geht, wo sie einst begann – freilich mit einem erfahrungsreichen Leben dazwischen: der Entscheidung, wegzugehen, nach Genua zum Militär, den ersten intimen Begegnungen mit Frauen, dem politischen Engagement und der im letzten Moment gelungenen Flucht nach Amerika. Die Rückkehr an den Ort, wo er einst aufwuchs, ist unausweichlich, obwohl er keine Heimat kennt, ist er dort verwurzelt.

Cesare Pavese: Der Mond und die Feuer. Aus dem Italienischen von Maja Pflug. Edition Blau im Rotpunktverlag, Zürich, 2016. 26 Franken