FrontKulturWarte nicht auf bessre Zeiten!

Warte nicht auf bessre Zeiten!

Der gute Rat im Titel der Autobiographie von Wolf Biermann ist recht zeitgemäss, wenn wir einen Blick zurück und einen Blick voraus ins Geschehen in der Welt werfen!

Recht treuherzig sieht uns der deutsche Liedermacher Wolf Biermann auf dem Umschlag seiner Autobiographie entgegen. Er wurde am 15. November 1936 in Hamburg geboren. Sein Vater wurde als Kommunist ins Gefängnis geworfen und als Jude in Auschwitz ermordet. Seine Mutter war aus tiefstem Herzen Kommunistin und gab ihrem Sohn diese unerschütterliche Überzeugung ins Leben mit. Sie war für Biermann zeit seines Lebens ein wichtiger Mensch und eine starke Stütze!

Eine unbequeme, störende Stimme

Mit sechzehn Jahren ging er in die DDR, wo er seine weitere Ausbildung durchlief. 1976 wurde er von der DDR ausgebürgert. Er hatte sich als Liedermacher einen Namen gemacht und galt als die „Stimme des Widerstandes“. Diese Stimme war unbequem, störend, sie war zu stark geworden. Auf dem Umschlagtext des Buches heisst es, die Proteste gegen die Ausbürgerung von Biermann 1976 gälten als Anfang des Endes der DDR!

Der Liedermacher, Dichter, Lyriker sieht heute auf ein reiches, vielfältiges, von Höhen und Tiefen durchzogenes Leben von acht Jahrzehnten zurück. Er war mit verschiedenen Frauen verbunden und ist Vater einer Schar von sieben Söhnen und drei Töchtern.1989 heiratete er Pamela Rüsche, mit der er heute noch zusammen ist. Sie hat ihm, wie er in seinem Buch festhält, beim Schreiben der Memoiren geholfen. „Meine Muse verführte ihren alten Poesie-Sprinter, nun endlich doch noch diese kräftezehrende Prosa-Langstrecke zu laufen“, heisst es da.

Wir wollen dem Autor unendlich dankbar sein, dass er für uns seine Lebenserinnerungen in Buchform festgehalten hat. Sein Leben ist ein Stück Zeitgeschichte, die Zeitgeschichte ist sein Leben. Biermann erzählt in epischer Breite und akribischer Gründlichkeit über jede Phase seines Lebens zwischen Westdeutschland und Ostdeutschland, über unzählige Begegnungen mit bekannten Zeitgenossen, über Auftritte als Liedersänger sonder Zahl, über Schikanen und Entgegenkommen der Behörden….. Das Buch einfach, schnell, gleichsam diagonal, durchzulesen, geht nicht. Ein solcher Versuch wäre auch absolut unangemessen und lächerlich. Wer sich aber die Zeit, die Ruhe und Musse nimmt, dieses Leben des Beharrens und des Widerstandes auf sich wirken zu lassen, wird reich belohnt.

Ein Leben in allen Einzelheiten

Was da beschrieben wird, hat sich zu unseren Lebzeiten abgespielt! In Europa! Plötzlich können wir Situationen, Zusammenhänge, als Teil von Biermanns Leben beschrieben, einordnen und besser verstehen, als das vorher der Fall war, als wir sie durch Zeitungslektüre oder aus Büchern zur Kenntnis genommen hatten.

Während der Lektüre habe ich mich immer wieder gefragt, wie es denn Biermann gelungen sei, sein Leben so in allen Einzelheiten, mit allen Aufenthaltsorten, mit allen Gesprächspartnern, mit allen Behördengängen aufzurollen? Er bringt die Antwort am Schluss des Buches selbst. Als hilfreiche Quellen für sein Schreiben nennt er „zwei feindlich entgegengesetzte Materialsammlungen“. Dazu gehören einerseits seine Tagebücher, die er seit 1954 ununterbrochen geschrieben habe. Weit über zweihundert Tagebücher seien es geworden. Anderseits aber existiert ein riesiger Aktenberg, bestehend aus vielen zehntausend Seiten über den DDR-Staatsfeind Biermann. Auch diese Unterlagen wurden ausgewertet!

Als roter Faden durch das Leben des Autors und durch das Buch kann ein Gedicht gelten, das 1968 erstmals in einer Gedichtsammlung erschien und heute noch nichts von seiner Aktualität eingebüsst hat. Es heisst: „Ermutigung“. Ich hoffe, dass es auch zur Lektüre des Buches ermutigt. Denn im Sinne dieses Gedichtes hat Wolf Biermann seine Erinnerungen niedergeschrieben!

Du, lass Dich nicht verbittern
In dieser bittren Zeit
Die Herrschenden erzittern
– sitzt Du erst hinter Gittern
Doch nicht vor Deinem Leid

Du, lass Dich nicht erschrecken
In dieser Schreckenszeit
Das wollen sie doch bezwecken
Das wir die Waffen strecken
Schon vor dem grossen Streit

Du, lass Dich nicht verbrauchen
Gebrauche Deine Zeit
Du kannst nicht untertauchen
Du brauchst uns, und wir brauchen
Grad Deine Heiterkeit

Wir wolln es nicht verschweigen
In dieser Schweigezeit:
Das Grün bricht aus den Zweigen
Wir wolln das allen zeigen
Dann wissen sie Bescheid.

Wolf Biermann: „Warte nicht auf bessre Zeiten“. Die Autobiographie. Propyläen-Verlag 2016.
ISBN: 978 – 3- 549 – 07473 -2

 

 

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