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Was mich besonders berührt hat!

Zum Jahresschluss kurze, sehr persönliche Rück- und Ausblicke der Seniorweb-Redaktion. Thema: „Was mich besonders berührt hat!“. 

Das Jahr 2016 bescherte uns viele Ereignisse, die uns besonders berührt, aufgewühlt oder ergriffen haben und die vielleicht für immer haften bleiben. Nachfolgend schildern unsere Seniorweb-Redaktoren auf je eigene Weise ihr persönliches Erlebnis, das sie 2016 besonders berührt hat. Die Seniorweb-Redaktion wünscht allen unseren Leserinnen und Lesern ein helles, gesundes und spannendes neues Jahr 2017 mit vielen berührenden Erlebnissen und Begegnungen.

Zeichen der Genugtuung und Wertschätzung

Joseph Auchter: Niemand will die Augen verschliessen vor den schrecklichen Ereignissen des vergangenen Jahres. Hass und Verunsicherung breiten sich wie Krebsgeschwüre aus, und der politische Populismus ist garantiert die falsche Antwort darauf.

Doch es gibt auch Zeichen der Genugtuung, des Respekts und der Wertschätzung. Wir sind beredtes Beispiel dafür, wie differenziert unsere Parlamentarier nach Kompromissen ringen. Wie Bundesrätin Sommaruga z.B. den Gordischen Knoten zwischen dem Volkswillen und den Erfordernissen der Bilateralen lösen will. Wie fair sich Giacobbo/Müller – bei aller Satire – mit Doris Leuthard vom Leutschenbach verabschieden. Wie Schneider-Ammann die Häme über seine gelegentlichen Versprecher lächelnd wegsteckt.

Wie besonnene Sozialdemokraten dem Schlachtruf der Linken trotzen. Wie sehr uns die Willensnation Schweiz am Herzen liegt, indem wir z.B. Französisch nicht einfach unbesehen der Anglophilie opfern. Wo Licht ist, ist auch Schatten. Aber es sei uns unbenommen, gerade zum Jahreswechsel auch einmal ins Licht zu blicken.

Ein Kunsterlebnis für alle Sinne

Linus Baur: 16 Tage lang waren Christos Floating Piers auf dem Lago d`Iseo in Oberitalien zu besichtigen – ein Kunsterlebnis für alle Sinne. Der Besucherandrang war gigantisch, die Sommerhitze an einzelnen Tagen mörderisch. Dicht gedrängt wanderten die Besucher teils mit nackten Füssen die fünfeinhalb Kilometer langen orangefarbenen Laufstege auf schwankendem Untergrund ab. Trotz Hitze, Gedränge und längeren Wartezeiten, die Stimmung war stets ausgelassen heiter, ja euphorisch. Überall lächelnde Gesichter und immer wieder spontaner Applaus. Christo hat uns ein einzigartiges, unvergessliches Kunsterlebnis beschert, ein Werk gänzlich sinnlos und doch auf beschwingte Art sinnstiftend.

Zwei bleibende Jubiläen

Eva Caflisch: Zwei Jubiläen, die nichts miteinander zu tun hatten, feierte Zürich. Mit 100 Jahre Dada begann das Jahr 2016, ein grossartiges Fest mit vielfältigen Aktivitäten in allen Künsten. Das andere, der 500. Geburtstag von Conrad Gessner, dem zürcherischen Leonardo da Vinci, verlief zurückhaltender, ist jedoch mein nachhaltiges Erlebnis. Zwar waren mir Gessners Lebensumstände im reformierten Zürich des 16. Jahrhunderts bekannt, aber was dieser Universalgelehrte, gefördert von Zwingli persönlich, alles erfand, erarbeitete und erforschte, hätte ich wohl kaum erfahren. Eine Freude, ihn näher kennengelernt zu haben.

Tango im Schnee

Maja Petzold: Mit seinen ungeraden Rhythmen gehört der Tango zu den elegantesten Tanzformen, auch musikalisch ist er anspruchsvoll. Die Melodie geht unerwartete Wege, die Akkorde verziehen sich in schräge Dissonanzen. – Ein doppelter Genuss, der Musik zu lauschen und gleichzeitig zu beobachten, wie Daniel Zisman Violine und sein Sohn Michael Bandoneon spielen, das klassische Tango-Instrument, unvergleichlich viel schwieriger zu spielen als das Akkordeon. Die Finger huschen über die Knopfreihen, während der Spieler sein Instrument auseinanderzieht und zusammendrückt, als gebäre er die Musik aus seinem Innersten. So entsteht eine Faszination, die nicht nur in den Ohren klingt, sondern die Gefühle im Herzen berührt. – Draussen fiel der erste und vorerst einzige Schnee dieses Winters.

Fünfzig Rappen für einen Neustart

Brigitte Poltera: Ein Sommertag am Zürichsee. Schwimmen, Sandburgen bauen, tschutten in der Badi mit zwei Enkeln. Nun sollten wir heimkehren, also Kessel aus dem Wasser fischen, Fussball suchen, Schuhe anziehen. Entrüstet weigern sich die Buben, wenden sich trotzig ab, dann geraten sie sich in die Haare, schupsen sich und rammeln, und einer rennt davon. Ratlos schaue ich auf meine Zehen. Es gibt nichts Groteskeres als eine keifende Oma. Ich klaube einen Fünfziger aus dem Badesack und erkläre: „Ihr könnt noch ein Mal töggelen.“ „Jupii“. Beide rennen zum Kasten. Der Rest ergibt sich friedlich. Wir erreichen den Bus noch rechtzeitig.

Manchmal ist ein Schritt zurück besser als das sture Beharren. Etwas Abstand zu Problemen, ein Strich unter die alten Geschichten und eine Prise Humor, das wünsche ich uns für den Start in das neue Jahr.

Betroffenheit und Scham

Bernadette Reichlin: Anna-Amalia-Bibliothek, Bauhaus, Goethe-Schiller-Archiv, Maria Pawlowna – Weimar hat viel zu bieten. Wir, alles Mitglieder der Jeanne Hersch-Gesellschaft, lassen uns Kultur und Geschichte tüchtig um die Nase wehen. Dazu gehört auch ein Besuch im ehemaligen KZ Buchenwald. Vor dem kleinen Kino, wo eine Dokumentation über dieses, eines der grössten, Internierungslager gezeigt wird, warten mehrere Schulklassen. Sie stossen sich, rangeln, sind aufgekratzt – Teenager halt an einem schulfreien Tag. Dann der Film: Keine Effekthascherei, fast emotionslos wird das Grauen dokumentiert. Und im mit den Jugendlichen vollbesetzten Kinosaal ist es totenstill. Auch später, draussen, ist kaum etwas zu hören. Zu sehen sind nur gesenkte Köpfe, Blicke in denen sich Betroffenheit, ja, auch Scham, spiegeln. Mir macht das Mut: Junge Menschen, die sich anrühren lassen, die verstehen, wohin Fanatismus, Verblendung und Grausamkeit führen können. Gerade auch heute.

77 Sunset Strip

Josef Ritler: Immer wenn mich jemand nach meinem Alter fragte, sang ich, die Hüfte schwingend: “77 Sunset String, 77 Sunset String…“ Alle verstanden sofort und stellten staunend fest:“Aber Du bist für Dein Alter noch erstaunlich beweglich.“Aber Hallo! Beim täglichen, stündigen Fitnesstraining wird das ja wohl positive Spuren hinterlassen. Berührt hat mich Kollege Hans Peter Jäger, der mit 96 Jahren gestorben ist. Er hat viele Jahre beim „Luzerner Tagblatt“ gearbeitet und vielen jungen Journalisten das Handwerk beigebracht. Bei meiner ersten Reportage als freier Journalist für das „Luzerner Tagblatt“ schaute er die Bilder an, nickte mit dem Kopf und sagte nach fünf Minuten:»Momol. Sie haben ein gutes Auge. Ich bringe den Beitrag.» Lange waren wir beide in Luzern die einzigen Pressefotografen, die mit der Leica arbeiteten. Wir fachsimpelten stundenlang über Blende, Tiefenschärfe und Bildaufbau. Dabei streichelte er jeweils liebevoll seine Leica. Hans-Peter bleibt unvergessen.

Und siehe da, die Sehkraft kehrte zurück

Judith Stamm: Eine Freundin von mir, 88 Jahre alt, war, auf dem Weg zur Erblindung. Sie erzählte mir in Telefongesprächen vom Besuch bei der Beratungsstelle, von Lupen, Leseapparaten und Hörbüchern, und dann vom weissen Stock. Ein neuer Arzt schlug einen erneuten Eingriff vor. Dieser gelang. Und siehe da, die Sehkraft kehrte zurück. Die Selbständigkeit meiner Freundin war von heute auf morgen wieder hergestellt! Die Stockwerkangaben im Lift, die Nummern in der Post, die Zeit auf der Armbanduhr: alles sah sie wieder ohne Hilfe. Sie zu treffen und ihr Glück mitzuerleben war das schönste Weihnachtsgeschenk!

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