FrontKulturVögel pfeifen – was denn sonst?

Vögel pfeifen – was denn sonst?

Ein zauberhaftes Sprachbuch versammelt deutsche Wörter, die Lautäusserungen von heimischen und exotischen Vögeln beschreiben.

Im Mai und Juni feiern die Vögel Hoch-Zeit, oder vielmehr, wir freuen uns von früh bis spät am Gesang von Amsel, Drossel, Fink und Star, erleben Sommergefühle, wenn die Segler kreischend am Himmel ihre Volten schlagen, rennen aus dem Haus, wenn Nachbars Katze die Mönchsgrasmücke zum verweifelten Zetern zwingt. «Singt der Vogel, ruft er, oder schlägt er? Handwörterbuch der Vogellaute», heisst die neueste Publikation der Naturkunden-Reihe, herausgegeben von Judith Schalansky im Verlag Matthes & Seitz Berlin.

Elster. Aus: MSB Krauss: Singt der Vogel (Swaysland, Familiar Wildbirds)

Die Amsel singt, der Kuckuck ruft, die Nachtigall schlägt – so kennen wir‘s aus den Liedern, die wir in der Schule einst lernten. Peter Krauss, Germanist, Romanist, Jazzpianist, Übersetzer und Sinologe mit Lebensmittelpunkt in Südfrankreich will der Eintönigkeit in der Literatur, wenn es um Vogelgesang oder -gezwitscher geht, abhelfen. Seine Nachforschungen in alten und neuen Büchern, in Literatur und Lexika, Jagd- und Fachliteratur haben reiche Ernte gebracht: Verschiedene Vögel äussern unterschiedliche Laute, das Pfeifen oder Flöten, das Quäken oder Zilpen kann, auf hundert Weisen, ganz nah bei der gehörten Realität beschrieben werden. Erstaunlich, was die deutsche Sprache alles zu bieten hat, wenn die Laute von Raub- und Singvögeln in Worte gefasst werden sollen. Insgesamt bietet das handliche Nachschlagewerk zum Vogel-Ton über 300 verschiedene Verben an, allein bei der Krähe sind es ein Dutzend von krächzen über gecken bis racken.

Die deutsche Sprache besitzt einen ungeheuren Reichtum an Ausdrücken für Vogellaute, denken wir nur ans Kirren eines Habichts oder ans Zinzelieren einer Blaumeise, was lautmalerisch als zizibäh beschrieben werden kann und schliesslich im Liedanfang d Zit isch do seine „Übersetzung“ fand. Oder der Spatzenschwatz: dafür findet Krauss weit mehr als ein Dutzend Verben, immer mit Quellennachweis und manchmal mit weiteren Hinweisen, beispielsweise, dass der Sperling in Luxemburg Jadeker genannt wird, von jaderen = schwätzen.

Rotkehlchen. Aus: MSB Krauss: Singt der Vogel (Dressler, A History of the Birds in Europe)

Strophen, die sich nachpfeifen lassen, beispielsweise die des Buntspechts oder der Grasmücke, sind in Notenschrift aufgeführt. Dass neben den Text jeweils eine Illustration gehört – wer weiss schon, wie ein Girlitz oder ein Gelbspötter wirklich aussieht – versteht sich in diesem sorgfältig gestalteten Buch fast von selbst. Aber Peter Krauss bietet noch etwas ganz Spezielles: Chinesische Ideogramme bringen eine weitere, oft amüsante Ebene ins Spiel. So stehen beispielsweise für den Kiebitz zwei chinesische Zeichen, nämlich das für Feld und das für Wildente.Während der Lektüre könnte man auch die eine oder die andere Vogelstimme hören und für den nächsten Gang in die Natur lernen wollen, beispielsweise auf der Homepage der Vogelwarte Sempach. Wie eine Vertonung des Handbuchs erscheinen mir die in Musik umgesetzten Vogelstimmen im Catalogue d’oiseaux von Olivier Messiaen.

 

Natürlich verfügt das Handwörterbuch von A wie Adler bis Z wie Zwergschnepfe über einen Anhang samt umfangreichem Apparat mit Bibliographie und Abbildungsverzeichnis sowie je einem Index der Verben und der Vogelnamen.

Fast wollen wehmütige Gedanken aufkommen, denn die Vielfalt, die hier dokumentiert ist, wird wohl ausdünnen – sowohl was die Sprache angeht, als auch was die Vogelwelt bedeutet. Für den urbanen Smartphone-Menschen, der zwitschern allenfalls noch als twittern kennt, spielt das ohnehin keine Rolle: Da gibt es Vögel, die klingen angenehm, also singen sie, dann gibt es jene, die man weniger gern hört – die krächzen halt. So stehen ein Teil der Vögel und manche der Lautwörter, die Peter Krauss rechtzeitig vor dem Aussterben in seinem einzigartigen Handbuch versammelt, auf der roten Liste.

«Singt der Vogel, ruft er oder schlägt er?» ist nicht nur für Vogelkenner und -liebhaber ein wunderbares kleines und doch so reiches Werk, es erfüllt alle Sprachaffinen mit Freude und ist für Bibliophile mitsamt den anderen zuvor in der Reihe Naturkunden erschienenen Büchern ein Beweis, dass es auch im Zeitalter schludriger Books on Demand und unsorgfältig bis billig produzierter Literatur noch uneingeschränkt schön gestaltete Bände mit Leineneinband, ausgewogenem Satzspiegel, Farbschnitt und Lesebändchen gibt, die man gern und oft zur Hand nimmt (224 Seiten, 33.50 Franken).

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