Gesellschaft

Unsterbliche und anderes Unglück

Von kleinen Leuten, in deren Leben sich Geschichte und Zeitgeschichte spiegeln, lesen wir in Petros Markaris‘ „Der Tod des Odysseus“.

Der alte Odysseus lebt in Athen und führt einen Bettwarenladen. Er sorgt für seine Katzen, aber sonst hat er keine Familie mehr. Odysseus stammt jedoch aus Istanbul – Konstantinopel, wie viele Griechen immer noch sagen, denn zu Zeiten des Osmanenreiches und in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts lebten dort sehr viele Griechen. Der oft erzwungene Wegzug aus der geliebten ‚Poli‘, wie sie ihre uralte, geschichtsträchtige Stadt noch immer nennen, war ein schmerzhafter Einschnitt in ihrem Leben, und viele wünschen sich nichts sehnlicher, als am Ende ihres Lebens dorthin zurückzukehren. „Ich will an dem Ort begraben sein, wo ich als Kind zum ersten Mal geträumt habe“, sagt Odysseus. Und er macht seinen Traum wahr und zieht in das Istanbuler Altersheim, wo ihn der Erzähler besucht. Er stirbt früh, nicht weil er an Altersgebrechen leidet, sondern weil er nicht wahrhaben will, dass sich Griechen in der heutigen Türkei nicht mehr daheim fühlen können. Der Autor beendet die beklemmende kurze Erzählung mit einer leicht ironischen Anspielung auf Homer: „Odysseus wollte die Freier aus seinem Haus jagen, doch er (= der Odysseus dieser Geschichte) war zu alt . . .“ – In diesem Fall waren die „Freier“ eine gewalttätige Schlägertruppe und Odysseus erlitt ihretwegen einen Herzinfarkt.

In einer zweiten Kurzgeschichte, der gewichtigsten dieses Sammelbandes, „Drei Tage“, schildert Petros Markaris das Pogrom, das im September 1955 vielen Griechen in Istanbul das Leben oder ihre materielle Existenz kostete – eine eindrucksvolle Erzählung, vor allem für uns in Mitteleuropa, die wir davon wohl nur wenig erfahren haben.

Petros Markaris, September 2007

Petros Markaris, Portrait © Justus Nussbaum / commons / wikimedia.org

Petros Markaris stammt selbst aus Istanbul, er wurde 1937 geboren und lebt seit langem in Athen. Sein Vater war ein armenischer Kaufmann, seine Mutter Griechin – ein Hauch von kosmopolitischem Geist wehte damals noch. Nach seiner Matura an einem griechischen Kolleg in Istanbul studierte Markaris Volkswirtschaft in Wien und Stuttgart. Seitdem beherrscht er Griechisch, Türkisch und Deutsch in Wort und Schrift. Als sich die Finanzkrise in Griechenland vor einigen Jahren abzeichnete, wurde er als Ökonom oft um Stellungnahmen gebeten.

Er verfasste zunächst Dramen – auch diese mit sozialkritischem Hintergrund -, darunter ein Stück, das 1971 während der Militärdiktatur in Griechenland mit großem Erfolg aufgeführt wurde. Die damaligen Zensoren hatten das Stück nicht verboten, da sie nicht verstanden, dass Markaris griechische Verhältnisse auf türkischem Boden kritisierte. Später hat sich Petros Markaris als Autor von gesellschaftskritischen Kriminalromanen einen guten Namen gemacht. Kommissar Charitos spielt auch in zwei der vorliegenden Erzählungen eine Rolle.

Insgesamt enthält der schmale Band sieben Erzählungen, die an verschiedenen Orten spielen, in Athen, aber auch in Deutschland. Die erste Geschichte handelt von einem Schriftsteller, der sich ‚unsterblich‘ wähnt und doch einen jähen Tod findet. Es sind zumeist Kriminalfälle, aber nicht immer enden sie damit, dass die Polizei die Schuldigen ins Gefängnis bringt. Viel wichtiger sind die Schilderungen der Befindlichkeit der Menschen und der Umstände, in die sie verstrickt sind. Die menschlichen Schwächen, Neid, Gier, Eifersucht zeigen sich verschärft in Krisensituationen, wie sie Griechenland gerade erlebt. Und doch gibt es in Zeiten von Mord und Totschlag auch Lichtblicke: Menschen, die bereit sind zu helfen.

Darin liegen die Qualitäten dieses Buches: Die kriminalistischen Elemente sind eigentlich nur Zutaten zum Hauptgericht, der Mensch in seiner Hilflosigkeit und Hilfsbedürftigkeit, seiner Einsamkeit, aber auch seiner Stärke im Zusammenhalt mit seinen Mitmenschen. Den allzu düsteren Szenarien der Grauen Wölfen oder der Goldenen Morgenröte setzt Markaris seine feindosierte Ironie entgegen.

 

 

 

 

Petros Markaris: Der Tod des Odysseus
Aus dem Neugriechischen von Michaela Prinzinger
Diogenes Verlag 2016; Hardcover Leinen; 224 Seiten
ISBN  978-3-257-06979-2