Kultur

Sarajevo – Zürich: ein Kulturaustausch

Zwölf Künstlerinnen und Künstler setzen sich mit der bosnischen Stadt auseinander, für die einen die Heimat, für die andern ein Suchobjekt.

Sarajevo – das war einst ein Name im internationalen Skizirkus. Dann wurde es der Name eines Horrorszenarios im Bosnienkrieg und seither – was heisst Sarajevo heute? Der Verein Art-TransAlpin, der sich künstlerischen Forschungsprojekten widmet, wollte es wissen. So wurde das Kunst-Austausch-Projekt Sarajevo-Zürich: Unlimited ins Leben gerufen: Angeregt von Heidi und Anita Hahn, beide Künstlerinnen, beteiligten sich weitere vier Zürcher Künstlerinnen und Künstler sowie sechs aus Sarajevo. So ist eine kreative Auseinandersetzung mit der bosnischen Stadt und ihrer Geschichte entstanden, die noch bis zum 13. August im Kunstraum Walcheturm Zürich zu erleben ist.

Interessierte vor den Banksafe-Metallschubern mit der Würfelzuckerarbeit – im Hintergrund die Videoprojektion mit den sich überlagernden Balkan-Karten

Danach reisen alle Arbeiten nach Sarajevo, wo am 31. August Vernissage sein wird: „Wie kann heute eine offene und emanzipierte Denk- und Handlungsweise möglich sein? Wie lebt der demokratische Respekt vor den anderen Meinungen? Dieses Ausstellungsprojekt zeigt es im Kleinen,“ heisst es im Eingangsmanifest zu dem Kulturaustausch-Projekt. Und weiter: „Künstler_innen wurden eingeladen, geschichtsbewusst und zukunftsgerichtet Räume und Kunsträume zu gestalten – ohne Einschränkung für Geist, Zeit und Raum.“

Sarajevo und der Balkan haben eine lange kriegerische Vergangenheit, weit hinter dem Bosnienkrieg zurück, der vielen noch schmerzhaft im Gedächtnis ist. Das zeigt die Arbeit von Lana Čmajčanin mit Geometry of Time ebenso diskret wie eindrücklich: Sie projiziert historische Karten mit politischen Grenzen der Balkanregion übereinander, bis am Ende die dunklen Linien zu einem nicht mehr lesbaren Fleck zusammenfallen. Unmittelbarer und politischer setzt sich Heidi Hahn mit dem Thema auseinander: Ihre Arbeit ruft nach dem Kampf für die Menschenwürde mit einem Boxring, auf dessen Boden fragil und nur halbwegs von Glaskacheln geschützt das Bild eines Paars Kinderschuhe liegt, als Überbau dazu gibt es ein Video, das in kurzer Schnittfolge Clips von der Umweltkonferenz in Rio 1992 mit den Aufforderungen der 12jährigen Umweltaktivistin Severn Suzuki, endlich was zu tun, sowie Kriegslärm (der Bosnienkrieg hat eben begonnen) gegeneinandersetzt.

Kulturell relevante Bauten als gefährdetes Zuckerwerk in sicheren Blechbehältern aus der Bank von Chiara Fiorini

Jim Marshalls Fotoserie von Fundstücken entlang der Flüchtlingsroute Richtung serbisch-kroatisch-ungarische Grenze zeigt mit dem im Westbalkan Verlorenen, in Eile Hinterlassenen und unterwegs kaputt Gegangenen die traumatische Flucht aus einem anderen aktuellen Kriegsgebiet. Marshall ist Schotte und lebt seit 1994 in Bosnien-Herzegowina. Fesselnd, aber mit etwas viel Jö-Effekt, weil die Plüschtiere, Kinderschuhe, Bälle vor den Schlafsäcken, Essensüberresten, kaputten Flipflops überwiegen.

Es gibt eingängigere, ohne Aufklärung verstehbare Installationen, beispielsweise das Wandrelief mit Alpaufzug einerseits und Flüchtlingsfiguren anderseits, sowie für beide Staaten zentrale Kulturbauten als flächige Miniatur aus Würfelzucker in Banksafe-Schubladen des Schweizer Duos Chiara Fiorini/Dominique Starck; oder der antike Schreibsekretär mit dem, was eine Familie nach der Flucht aus Sarajevo zurückliess, in einem abgeschlossenen Zimmer der Wohnung, die heute von der Künstlerin Adela Jušić bewohnt wird: ihre Installation zeigt im Zentrum die rote Tito-Bibel, drum herum Artefakte wie Familienfotos, Stickgarn und passende Papiermuster, eine alte Uhr, Gruppenfotos von Schulklassen und Männergruppen (Partisanen, Soldaten?).

Schwieriger und kryptischer sind die Arbeiten von Bojan Stojčić und Ursula Baur. Die Zürcher Plastikerin zeigt ein abstraktes Wandrelief aus Epoxyharz und Textil, für die Künstlerin eine Metapher des Widerstands gegen Krieg und zugleich ein Symbol des Übergangs in ein anderes Grundgefühl. Bojan Stojčićs Dokumentationsfotos von Interventionen an spezifischen Orten in Sarajevo und Bosnien fordern nebst Kenntnissen der Orte einige Denkarbeit, um der kritischen Auseinandersetzung des Künstlers mit seinem Umfeld näher zu kommen.

Sarajevo-Zürich: Unlimited – das Buch zum Kulturaustausch-Projekt

Auch direkt politische Malerei ist zu sehen: Blank Title (Ohne Titel) nennt Dženan Hadžihasanović seine Acrylbilder von Demonstrationen, auf denen alle Transparente und Banner weiss und leer sind – Volksprotest sei wirkungslos. Sogleich erinnert man an die Zürcher Bewegung von 1980 mit dem transparenten Transparent. Ähnlich in der Zielrichtung der Shop of Emptiness von Jusuf Hadžifejzović, eine Ansammlung dessen, was in einem alltäglichen Dasein übrigbleibt: Der Künstler hat seine leeren Flaschen, Dosen, Kartons gesammelt und präsentiert sie kaum bearbeitet in einem simplen Kaufladen – zu kaufen oder konsumieren gibt es hier nichts.

Heidi und Anita Hahn, die Frottagen aus Sarajevo und Zürich zeigt, hatten 2013 einen ähnlichen Kulturaustausch mit Wiener Künstlerinnen und Künstlern produziert, diesmal war ihnen jedoch bereits bei den Vorarbeiten klar, dass sich die Bosnier ebenfalls mit ihrer Stadt auseinandersetzen sollten, nicht mit dem saturierten Zürich, wo heute zwar viele bosnische Familien leben, die regelmässig in die alte Heimat zu Besuch fahren, dort vielleicht die alten Fotos bei Verwandten wieder zu Gesicht bekommen.

Die Ausstellung wird ergänzt am 9. August mit einem Konzert (Marco Käppeli und Dominique Starck) und am 11. August mit einer Lesung (Ilma Rakusa „Eine Reise nach Sarajevo“). Dieser Text ist mit anderen Essays und Buchauszügen von Autorinnen und Autoren im Katalog zur Ausstellung abgedruckt. Dort sind die Arbeiten beschrieben und die ganze Aktion von Fachleuten aus Zürich und Sarajevo kommentiert.

Teaserbild: Das Wandrelief von Ursula Baur
Publikation: Sarajevo-Zürich: Unlimited, Folio Verlag 2017; erhältlich in der Ausstellung für 25 Franken, im Buchhandel für 36.90 Franken
bis 13. August im Kunstraum Walcheturm, Zürich, ab 1. September in Sarajevo