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Machen statt Malen

In der Schweizer Kunstszene bewegen sich zahlreiche Performer. Ihnen widmet das Tinguely-Museum einen Blick zurück auf 60 Jahre Performancekunst.

Alle sind da, die berühmten Namen der Schweizer Performance-Szene. Die kreativen Performer der 1968er und 1980er Bewegung feiern im Museum Tinguely ein Revival – mit starken Ausläufern in die aktuelle Szene. Bei der Vernissage hat eine Rentnergruppe im Superman-Kostüm diese 60 Jahre Performancekunst gleich live performt: Die Blue Tired Heroes von Massimo Furlan sind alt aber nicht unbedingt träg gewordenIn der Ausstellung gibt es mehr Furlan, da läuft erauf Video durch den Strassentunnel des Grossen St. Bernhard – Grenz-Erfahrung und Jugenderinnerungoder er spielt als einsamer Fussballer die Performance von Michel Platini beim Halbfinale Frankreich-Deutschland 1982 nach.

Ruhepause für Massimo Furlans Blue Tired Heroes – sie sind seit über zehn Jahren unterwegs. Foto: © Bettina Clahsen

Performance made in Switzerland, oder präziser: made by Swiss, beginnt mit Jean Tinguely, dessen kinetische Kunst und destruktive Kunstaktionen bis heute Performer beeinflussten,baute 1962 im Zusammenhang mit der Kubakrise in der Wüste von Nevada eine selbstzerstörerische Maschine als Studie über das Ende der Welt. Sein Freund Daniel Spoerri widmete sich etwa gleichzeitig eher dem Kochen und Essen, erfand seine Fallenbilder nach Ess-ZeremonienVon den witzig-unerwarteten teils auch ätzend bösen Performances aus jenen frühen Jahren sind oft nur Bilder erhalten, aber das und jenes wurde auch gefilmt.

Daniel Spoerri, Ultima Cena zum 10-Jahre-Jubiläum der Nouveau Réalistes. Mailand 1970. © 2017, ProLitteris, Zürich/ Foto: Manfred Vollmer

Dieter Meiers hintersinnige und zugleich witzige Selbstdarstellungen auf den Zürcher Strassen – hier in Fotos dokumentiert – brachten ihn 1972 an die documenta 5 nach Kassel. Auch aus Zürich ist Manon, hier vertreten mit einem lebensgrossen Still ihrer Installation Manon presents Man, 1976: In den Schaufenstern eines Ladens persifliert sie das Amsterdamer Rotlichtmilieu mit jungen Männern als Lustobjekten, eine provokativefeministische AussageEs ist in der Kunst fast wie bei Bundesratswahlen: Frauen müssen hervorragend sein, um zu bestehen. Musikalisch und poetisch setzen sich Muda Mathis und Sus Zwick mit dem Schlaf als Freiraum auseinander. Spürbar schmerzhaft erlebt man die nächtliche Überquerung des Lac de Joux durch Anne Rochat. Sie wurde am 19. September vor zwei Jahren live ins Centre Culturel Suisse in Paris übertragen. Es ist nun die Basis des Grossprojekts Performancekunst in Basel: Erstmals arbeiten das Tinguely-Museum mit der Kaserne und der Kunsthalle zusammen.

Fabrice Gygi: A gentleman’s agreement, 2002. Videostill, © 2017 Galerie Francesca Pia, Zürich

Bis zum 18. Februar 2018 zeigt das Museum Performance Process. 60 Jahre Performancekunst in der Schweiznatürlich mit vielen Aktionen und Veranstaltungen: Direkt von der Finissage zum Morgestraich, die frechen Aktionen der Kuttlebutzer, Jeannots Clique, im Hinterkopf. Intensiv aber konzentriert auf die letzte Septemberwoche ist das Programm der Kaserne. Bei den Choreographien der Performance geht es um den Körper, die Musik, die Choreographie, beteiligt sind wiederum die Blue Tired Heroes in ihren Supermankostümen, oder Foofwa d‘Immobilité der an der Grenze zu Baselland sich auf einem Tanzspaziergang durch 125 Jahre Tanzgeschichte bewegtWie er so etwas macht, ist in einem Video von einem Dancewalk um die Pariser Opéra Garnier dokumentiert.

In der Museumsnacht klickt sich die Kunsthalle in das Projekt ein und zeigt New Swiss Perfomance Now (19. Januar bis 18. Februar 2018 – kurz vor dem Morgestraich, Beginn der rituellen, sich immer wieder ganz leise erneuernden kollektiven Performance der Basler Fasnächtler). Einen Monat lang dauert diese Live-Ausstellung mit spektakulären und hintersinnigen, technisch komplexen und einfachen Aktionen. Wer Dokumente sehen möchte, hält sich besser an die Rückschau im Tinguely-Museum.

Urs Lüthi, David Weiss & Willy Spiller: Sketches, portfolio, 1970, Fotografie © 2017 Courtesy of the artists

Ein wunderbares Stück Erinnerung an die Poesie, den Humor und das Vergnügen der Performer sind die acht Fotos Sketches 1970von Urs Lüthi, David Weiss und Willi Spiller. Heidi Buchers weisse Bodyshells, Schaumstofffiguren, die in Venice Beach 1972 leicht und langsam tanzten, gibt es als Grossprojektion nochmals zu erleben, ebenso Roman Signers Vers la Flamme – Ein Konzert mit Störung, 2014oder auch sämtliche sechs Zaubereien von Gianni Motti, der bei Mister RG 1994 als Assistent zaubern lernte.

Im letzten Raum steht ein Stück Turm aus Lehm, bei der Vernissage bearbeitet und nun am trocknen: „Vielleicht brenne ich ihn am Ende,“ sagt Katja Schenker, die Forteresse ausdachte. Sie hat in aufwendiger Arbeit eine weisse Nylonschnur drumgewickelt, der Anfang steckt im Innern. Daran zog sie und zerschnitt den Lehmkörper spiralförmig, wobei sich jede Schicht wiederum setzte. Performen geht nicht selten bis an die Schmerzgrenze – für die Macher und die Zuschauer

Luciano Castelli: Big Birds, 1980. Foto: Luciano Castelli © 2017, ProLitteris, Zurich

Einem Roboter ist Emotion zunächst fremd, aber viel Mühe steckt auch in der Dancing Artificial Intelligence DAI einer Künstlergruppe: ein Würfel mit diversen Extremitäten gespickt mit Elektronik, Mechanik, Sensoren, Mikrophonen und Kameras, soll aus der Umgebung lernen, bevor er Mitte Oktober das Gelernte in Bewegungen umsetzen soll. DAIs Kreatoren sind gespannt, wie ihr Kunstwesen tanzen lerntDie Musik dazu könnte Christoph Rütimanns stacheliges OrchesterCactuscrackling in the Barca (2015-2017) beisteuern: dank ausgeklügelter Aufnahmetechnik machen die Pflanzen Töne und Klänge.

Viel weiteres Namedropping wäre denkbar, aber wir beenden unseren Appetizer mit dem Hinweis, beim Besuch genug Zeit mitzubringen: Ohne viel lesen und lange schauen erschliesst sich diese Ausstellung nicht, auch wenn älteren Semestern diese oder jene Aktionbekannt vorkommt.

Teaserbild: Heidi Bucher, Bodyshells, Venice Beach, 1972
Filmstill © 2017 Heidi Bucher, Courtesy of the artist

bis 18. Februar 2018
Informationen zur Ausstellung und zu den Begleitveranstaltungen finden Sie hier.

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