FrontKolumnenUnnötige Polarisierung hüben wie drüben

Unnötige Polarisierung hüben wie drüben

Die Erfolgsgeschichte der Schweiz beruht auf konsensorientierter Stabilität. Eine Binsenwahrheit, die mehr und mehr unter Beschuss kommt.

Dass sich an den politischen Rändern schon immer Provokateure und Phantasten von rechts bis links tummelten, braucht uns nicht aufzuschrecken. Wenn aber gesellschaftspolitische und kulturelle Werte radikal in Frage gestellt werden, gilt es Gegensteuer zu geben. Nachdem die Freidenker an den christlichen Kreuzen im öffentlichen Raum Anstoss nahmen, schiessen sie sich jetzt auf die Feiertage ein, die man gefälligst aufheben und in Ferientage verwandeln sollte.

In der Tat wallfahren an christlichen Festen mehr Katholiken aus der Inner- und Ostschweiz in die Konsumtempel Zürichs als in ihre Dorfkirchen. Und wer weiss schon noch, welche Bedeutung der Oster- oder der Pfingstmontag, der 26. Dezember oder der 2. Januar haben. Unbestritten ist, dass das Wort „Einkehr“ einen säkularen Wandel vollzogen hat. Muss das auch heissen, dass Weihnachten und Ostern auf dem Misthaufen der Geschichte landen sollten, nur weil die kulturellen Wurzeln in Elternhaus und Schule zunehmend gekappt werden? Die Diskussion darüber ist eröffnet.

Gläubige Christen sehen sich immer mehr in die Minderheit versetzt und herausgefordert, ihre Traditionen zu verteidigen. Statt Aktion also Reaktion, Rechtfertigung statt selbstbewusste Vorbildfunktion. Das schafft bekanntlich auch Ängste. Das Misstrauen gegenüber dem Islam z.B. hat auch damit zu tun, dass Strenggläubige einer anderen Konfession uns den Spiegel vorhalten und wir uns in unserer Orientierungskrise verunsichert fühlen. Wir reagieren mit Verboten, als ob das Verständigung und Toleranz fördern könnte.

Die Polarisierung kommt aber auch aus der rechten und linken Küche. Die Profilierung der Nein-Sager-Partei, reaktionär wie sie sich oft gibt, zeitigt aber auch von links eine zunehmende Tendenz, den Rechtsstaat zu unterwandern, indem rechtsfreie Räume – auch mit Gewalt – erstritten werden. Die Berner Reitschule, das Zürcher Koch-Areal und die Krawalltouristen als mahnende Beispiele. Besonders absurd wird es, wenn man die Protest-Happenings der Jungsozialisten (Juso) unter die Lupe nimmt. Dazu gehören die Aktionen der Seconda Tamara Funiciello, die mit linken Aktivistinnen öffentlich ihre Büstenhalter verbrannte (wissen Sie noch weshalb?) oder die Zeltstadt vor Magdalena Martullos Haus, um in völliger Unkenntnis der Sachlage von ihr höhere Steuerbelastungen einzufordern. Im Schlepptau lancierten die Juso am Mittwoch in Bern ihre „99%-Initiative“, um die Kapitaleinkommen massiv höher zu besteuern. Kommentar der NZZ:  „Die Sozialisten lieben das Kapital – wenn sie es in den eigenen Händen halten.“ Marktschreierisch zum Klassenkampf aufzurufen gegen jene, die den Wohlstand – gerade auch der weniger Privilegierten – sicherstellen, ist so durchsichtig wie kindisch.

Die Mitte-Parteien werden zunehmend bezichtigt, in ihren Entscheidungen zu lavieren und dadurch für die Wähler unberechenbar zu werden. Dabei wird immer wieder vergessen, dass Schwarz-Weiss-Malerei die Probleme noch nie gelöst hat, auch wenn sich die Medien daran delektieren, sondern von Mal zu Mal die Abwägung von Pro und Kontra für das Gemeinwohl im Vordergrund stehen sollte. Langweilige Politik hin oder her, Medienschelte und populistische Schnellschüsse sollten uns  nicht daran hindern, im Kompromiss stets nach tragfähigen Lösungen zu suchen. Das Erfolgsmodell Schweiz dient allen. Tragen wir Sorge zu ihm.

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