Kultur

Wie aus Lumpikow wieder Lumpi wird

Der bekannte lettische Regisseur Alvis Hermanis inszeniert am Zürcher Schauspielhaus Michail Bulgakows bissige Satire «Hundeherz».

In Bulgakows Roman herrschen wahrhaft kuriose Umstände, beschert durch die Geschichte eines Hundes. Nachdem Professor Filippowitsch, der sich auf verjüngende Operationen spezialisiert hat, einen streunenden Hund aus der winterlichen Gosse rettet, unterzieht er ihn einer winterlichen OP, pflanzt ihm Hirnanhang­drüse und Hoden eines kurz zuvor gestorbenen Kleinkriminellen ein – und wird von der Eigendynamik der daraufhin einsetzenden kompletten Vermenschlichung beinahe überrollt. Lumpikow entsteht, rückt aus, beschafft sich Papiere und ein Amt als „Vorsitzender der Unterabteilung für die Bereinigung der Stadt Moskau von wild streunenden Tieren“, kommt als ebendieser zurück und versucht, Filippowitsch zu denunzieren. Das Leben in dessen Wohnung gerät zur Hölle, sodass dieser sich entschliesst, die Operation rückgängig zu machen. Aus Lumpikow wird wieder Lumpi, der sich an nichts erinnert. So kurz, so gut.

Lumpikow – ein «pöbelnder Schuft»

Lumpikow ist keinesfalls ein Paradeexemplar eines hochentwickelten Sozialwesens namens Mensch, sondern, jedem Fortschrittsoptimismus zum Trotz, ein „pöbelnder Schuft.“ Bulgakows genialer metamorphischer Kniff diente ihm als literarische Strategie der Camouflage, die ihm im aufkeimenden stalinistischen Staatssozialismus Kritik an dessen zunehmend gewaltsam sich wandelnden Verhältnissen erlaubte. Nichtsdesto­trotz wurde „Hundeherz“ erstmal vom Druck ausgeschlossen und konnte in der Sowjetunion erst 1987 veröffentlicht werden, 47 Jahre nach dem Tod von Bulgakow. Erschreckend hellsichtig ahnte Bulgakow die heutigen Auswüchse der Schönheitschirurgie voraus. Omnipotenz und ewige Jugend scheinen keiner Generation fremd gewesen zu sein.

Lumpikow, der lumpige Hundemensch, wird menschlicher  (v.l. Claudius Körber, Fritz Fenne und Robert Hunger-Bühler)

Was bei Bulgakow durch das gesellschaftliche Vergrösserungsglas betrachtet wird – die Verwandlung vom Tier zum Menschen ist ein grosser Fehler – gerät bei Alvis Hermanis` Interpretation auf der Zürcher Pfauenbühne zu einem amüsanten, aber wenig geistreichen Klamauk-Abend, begleitet von viel „Aida“-Musik und mit der Zeit ermüdender Kulissenschieberei. Die dramatische Umsetzung des Romans findet auf einer Bühne mit vielen gestaffelten Wänden statt, die kontinuierlich vor- und rückwärts geschoben und so diverse bürgerlich eingerichtete Zimmer in der Wohnung des erfolgreichen und wohlhabenden Professors Filippowitsch bilden (Bühnenbild: Alvis Hermanis).

Alle Register des komödiantischen Könnens

Mit einem gehörigen Schuss an Humor werden die Figuren belebt. Das gilt vorab für Fritz Fenne, der als menschgewordener Hund Lumpikow alle Register seines komödiantischen Könnens zieht. Grossartig, wie er winselt, jault und bellt, mit heraushängender Zunge hechelt, säuft, flucht, klaut und dem Hausmädchen auf allen Vieren nachstellt, mit seinem Aufstieg zum Leiter zur Säuberung von herrenlosen Tieren für jede Menge Chaos sorgt, bis die Geduld des Professors am Ende ist und dieser das Experiment rückgängig macht.

Lumpikow wird in die Schranken gewiesen (v.l. Claudius Körber, Fritz Fenne und Vera  Flück). (Fotos: Tanja Dorendorf / T+T Fotografie)

Robert Hunger-Bühler spielt den Professor Filippowitsch mit schlohweisser Perücke in bekannter schnoddriger Manier. Eindrücklich, wie er den alternden Professor in Gangart, Mimik und Gestik zeichnet, der immer träger und desillusionierter wird, während seine Wohnung wegen Lumpikow in Aufruhr gerät. Claudius Körber gibt den Assistenten Dr. Bormenthal etwas gar blass und unterwürfig, während Vera Flück das Hausmädchen Darja erfrischend keck und erheiternd robust spielt. Zur Lachnummer gerät Klaus Brömmelmeier als Genosse Schwonder vom proletarischen Hauskomitee, der, bemüht, die Wohnung des Professors zu verkleinern, einen echt trotteligen Revolutionär und Hausmeister abgibt, der nicht einmal weiss, wie man ein Telefon auf die Gabel legt und bei anderer Gelegenheit in Ohnmacht fällt.

Bulgakows „Hundeherz“ ist eine bissige Satire, die das bolschewistische Russland der 20er Jahre und dessen Sowjetregime spielerisch und humorvoll auseinandernimmt. Schade nur, dass Alvis Hermanis diese Bissigkeit in seiner allzu humorigen und glatten Inszenierung vermissen lässt. Das Premierenpublikum erfreute sich vorab am Spiel der Darsteller und bedankte sich mit grossem Applaus.

Weitere Spieldaten: 29. Januar, 4., 9., 12., 20., 25. Februar, 1., 2., 14., 17., 20., 27. März, 3. April