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Fritz Vollenweider, Doyen im Team der Seniorwebredaktion, erzählt über seine Freude am Schreiben.

Wer sich bei Seniorweb engagiert, hat seinen Berufsalltag hinter sich, aber immer noch Lust, sich mit Neuem zu beschäftigen oder aus den eigenen Lebenserfahrungen zu schöpfen und davon etwas mitzuteilen. Im Rahmen einer Interviewreihe, die Judith Stamm und Josef Ritler begonnen haben, wird heute unser langjähriges Redaktionsmitglied Fritz Vollenweider vorgestellt.

Du bist, wenn ich recht orientiert bin, in unserem Redaktionsteam derjenige, der schon am längsten bei Seniorweb mitmacht. – Was hat dich zu unserer Webseite geführt?

Auf die Webseite bin ich 2006 oder 2007 zufällig gestossen. Sie hat mich fasziniert. Sofort habe ich mich zur Mitarbeit angemeldet.

. . . und bald, nämlich Ende 2008/9, wurdest du Leiter der damaligen Redaktion, denn Brigitte Poltera brauchte mehr Zeit für ihre Enkel. Für einige Jahre hast du diese Aufgabe mit aller Sorgfalt und grossem Geschick geleitet. – Ist Schreiben eigentlich eine deiner Lieblingstätigkeiten? Oder anders gefragt: Hast du schon immer geschrieben, was bringt dir das Schreiben?

Nun, Schreiben ist mir eigentlich die Lieblingstätigkeit. Schon seit der Sekundarschule, wo unsere Deutschlehrerin von uns ab der siebenten Klasse wöchentlich zwei Tagebucheinträge gefordert hat. Die Bedingungen waren einfach: Die Texte werden nicht korrigiert, nicht bewertet, und der Umfang ist von mindestens einem Satz pro Eintrag an nicht begrenzt. Mir hat das so etwas von Reiz und Vergnügen gebracht. Seither habe ich wohl kaum einen Tag – ausser in den Bergferien – ohne Schreiben verbracht. Wobei ich da nicht immer Tagebuch geschrieben habe, sondern oft auch mit meiner beruflichen Arbeit verbundene Texte. Sinnigerweise hat schon DER BUND anlässlich meiner Wahl zum Präsidenten des Grossen Gemeinderats 2002 im Interview mit mir als Zwischentitel geschrieben: «Ein akribischer Schreiber».

Wie viel mir das Schreiben bringt? – Beinahe alles. Selbsterforschung, Auseinandersetzung mit mir selbst und mit den Vorgängen meiner nächsten bis weitesten Umwelt . . .

 

In den Redaktionssitzungen sind wir voller Bewunderung für die Statistiken, die du uns regelmässig lieferst. Woher kommt dein Flair dafür und deine Lust im Umgang mit Excel?

Keinesfalls bin ich mathematisch begabt! Aber es lockt mich immer wieder, in vorhandenen Erscheinungen eine Struktur aufzuspüren und diese dann von allen Seiten zu untersuchen. Nicht immer ist das Ergebnis eine Statistik – aber wenn, dann ist Excel höchst hilfreich, auch wenn es trickreich ist, die schlanksten Formeln herauszufinden.

Wenn ich mir deine Beiträge auf Seniorweb anschaue, hast du einen sehr weiten Horizont, von Theateraufführungen oder Ausstellungen über Konferenzen zu Altersthemen bis zu Lyrikbänden schreibst du über ‹Gott und die Welt›. Das bedeutet doch auch, dass du dich in deinem Leben schon mit vielen Themen auseinandergesetzt hast und in verschiedenen Bereichen tätig warst oder täusche ich mich da?

Meine ersten Theater-«Kritiken» schrieb ich als rund Zwanzigjähriger, im «Harlekin», dem Flyer, den wir im Arbeitsausschuss der damaligen Jugend-Theater-Gemeinde (JTG) gegründet hatten. Weil ich immer hörte, «Du kannst das . . .» habe ich selber daran geglaubt und in der Folge bis Ende 1968 alles Mögliche geschrieben, neben meinem Beruf als Lehrer. Ganze Zeitungsseiten über die Verwendung von Radio-Isotopen in der Medizin und die Jahrestagung des Berner Heimatschutzes, daneben vor allem Filmkritiken, Theaterberichte, etwa Berichte über Konzerte und ganz wenig, eher zufällig, über Ausstellungen. In jüngeren Jahren habe ich sogar Gedichte geschrieben; immerhin druckte DER BUND zwei davon ab . . .

Der Wechsel zum Berufsoffizier hat dann dieser verstreuten Schreiberei ein klares Ende bereitet – bis ich es nach meiner Pensionierung und nach meiner lokalpolitischen Tätigkeit im 21. Jahrhundert erneut aufnehmen konnte. Ich habe mich immer als eine Art ‹Jünger› von Wittgenstein gehalten: «Die Welt ist alles, was der Fall ist.» Meine Neugier ist unbezwingbar.

Du lebst in der Nähe von Bern. – Ist Bern deine Heimat seit Jugend oder ist es später zu deiner Heimat geworden. Wie verstehst du den Begriff ‹Heimat› eigentlich?

Ich bin bis zu meinem 12. Altersjahr in Hausen am Albis (ZH) aufgewachsen. Heimat bedeutete mir das Dreieck: mein Wohnort – ein Zwetschgenbaum im Garten meines Grossvaters von Mutters Seite, wo sich viele aus unserer recht umfangreichen Verwandtschaft sonntags trafen (in Adliswil) – und Hasliberg, wo wir bei weit entfernten Verwandten jährlich Ferien verbrachten.

Abrupt fiel mit dem Tode meines Vaters 1945 alles in sich zusammen. Die nächsten vier Jahre erwiesen sich als ein wahrer Dschungel für mich, bis ich in Bern bei Pflegeeltern eine neue Heimat fand – aber keinesfalls eine mit meiner Kinder-Heimat vergleichbare.

 

Was ist dir heute wichtig? Sind es Grundsätze oder Leitlinien, denen du schon seit jungen Jahren folgst?

Im Kirchenchor Zollikofen habe ich an der Aufführung eines Requiems mitgewirkt, Händel oder Vivaldi, glaube ich. Der letzte Satz heisst: «Lass mich nicht zu Schanden werden.» Der Chordirigent hat ihn ersetzt durch «Gott, wir loben deinen Namen.» Seine Begründung lautete, es sei das Original doch etwas zu düster und auch theologisch wenig verständlich. – Eine wichtige Leitlinie meines Lebens ist es, mich möglichst so zu verhalten, dass ich im Augenblick des Todes nicht flehen muss: «Lass mich nicht zuschanden werden.» Doch auch der früher zitierte Satz von Wittgenstein gehört zu meinen Leitlinien. Oder was ich vor Jahren einmal von einem Freund gehört habe: «Die Meinung des andern annehmen, wenn auch nicht immer teilen.»

Worauf freust du dich im kommenden Frühling und Sommer?

Ganz klar freue ich mich auf das Ende der düsteren, kalten Zeiten, auf das Sonnenlicht, das meinem Alter gut tun wird.

Ein so belesener Mensch wie du könnte aus Goethes Faust zitieren: «Vom Eise befreit sind Strom und Bäche durch des Frühlings holden, belebenden Blick; im Tale grünet Hoffnungs-Glück». In diesem Sinne wünschen wir Dir einen lichtdurchfluteten, warmen Sommer und danken für das Gespräch.

Interview von Judith Stamm mit Josef Ritler

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