FrontKulturMit der Fotokamera die Schönheit der Welt erkunden

Mit der Fotokamera die Schönheit der Welt erkunden

Das Fotozentrum Winterthur widmet dem Fotografen Balthasar Burkhard eine umfassende Retrospektive

Die frühesten Bilder in Balthasar Burkhards Archiv und nun am Anfang der Rückschau-Ausstellung – Landschaften mit und ohne Telefonstangen – hat der Bub achtjährig auf einer Schulreise gemacht. Sein Vater hatte ihm eine einfache Box in die Hand gedrückt mit dem Hinweis, keine Telefonstangen aufs Bild zu bannen, wie er später bei seiner Antrittsvorlesung in Chicago erzählt. Die Ausbildung kann er bei einem der grossen Fotografen der Jahrhundertmitte machen, bei Kurt Blum. Sein zuweilen pingeliger Lehrmeister hatte engen Kontakt zur Künstlerszene in Bern, die Lehrlinge waren oft dabei.

Im Foyer der Fotostiftung geraten die Besucher mitten in eine Vernissage von 1972, fotografiert von Balthasar Burkhard.

Balthasar Burkhard übernahm nach der Ausbildung bald die Rolle des Dokumentaristen der Berner Bohème und der Entourage des Magiers und Kunsthallechefs Harald Szeemann. In den Aufbruchjahren der Sechziger und Siebziger war er Szeemanns Hausfotograf. In der Winterthurer Ausstellung hängt das Bild Kranenburg, 1970, von Franz Gertsch: Ein paar junge Männer, einer davon mit der Kleinbildkamera lässig in der linken Hand gehen lässig einer Wand entlang vom Betrachter weg.

Balthasar Burkhard, o.T. (Harald Szeemann, der letzte Tag der documenta 5), Kassel 1972 © Estate Balthasar Burkhard

Zahllose Fotos aus Burkhards Archiv vermitteln den Alltag und die Feiern und Feste dieser kreativen Welt in einer Zeit voller neuer Ideen in der Kunst, Bilder von Happenings aus der bewegten Zeit des Fluxus und der ephemeren Konstruktionen. Nach der legendären Berner Ausstellung When Attitudes Become Form kuratierte Szeeman 1972 die documenta 5 in Kassel, deren Aufbau nun wieder mitzuerleben in den dokumentarischen Fotos von Balthasar Burkhard.

Nach dieser Zeit als Dokumentarist der Kunstszene und nach ersten Erfolgen als Fotokünstler gerät er in eine Krise, reist nach Amerika, wird Dozent in Chicago, sucht den Weg vor die Kamera. Er bewirbt sich mit Selbstporträts in Hollywood, aber seine einzige Hauptrolle bleibt jene in einem Kurzfilm von Egger Porträts bleiben

Balthasar Burkhard, aus Auf der Alp, 1963 © Estate Balthasar Burkhard

Balthasar Burkhard (1944-2010) war einer der innovativsten Fotografen seiner Generation, oder genauer: der erste Fotokünstler. Schon mit einer seiner frühen Arbeiten im Atelier von Kurt Blum gewinnt er erstmals das Eidgenössische Kunststipendium: Es ist eine Dokumentation der Alpwirtschaft, umgesetzt als Buchmaquette: Kuhporträts, Älplerköpfe, Stallarbeit, Nieselregen und Nebel – die dunklen Töne, die Suche nach dem richtigen Ausdruck wird er beibehalten. Die grosse Retrospektive in Winterthur beansprucht sowohl die Ausstellungsräume in der Fotostiftung als auch im Fotomuseum. Sie beginnt im Foyer gleich beim Museumskaffee der Fotostiftung praktisch eins zu eins mit einem gigantischen Bild von der Vernissage Körperwerke in der Kunsthalle Basel 1983. Trotz schwarz/weiss meint – wer nicht genau hinschaut – dabei zu sein. Damals setzte sich Burkhard mit dem Menschen auseinander: Der Körper, der Kopf, Körperteile beschäftigen ihn. Eine Serie von Knien, Aufnahmen von Füssen sind neben den riesigen Blow Ups vom weiblichen Akt das Aussergewöhnliche in dieser wegweisenden Ausstellung, die ihn als Fotokünstler über ein Fachpublikum hinaus bekannt macht. Die Basler Ausstellung entstand in Kooperation mit Rémy Zaugg ; Burkhard suchte immer wieder das gemeinschaftliche Arbeiten. Die Winterthurer Retrospektive folgt der Idee der Rauminszenierung wie damals in Basel hier unter anderem mit der Knie-Serie.

Installationsansicht: Das Knie, Kunsthalle Basel, 1983, Balthasar Burkhard © Estate Balthasar Burkhard

Einer der engsten Freunde Burkhards war Markus Raetz, mit ihm begab er sich frühzeitig auf die Suche nach den Regeln der Wahrnehmung, wobei Burkhard sehr früh bewusst wurde, dass die (Lebens-)Grösse der Fotografie ein entscheidender Faktor ist. Als Raetz dank eines Stipendiums in Amsterdam arbeitet, folgt ihm Burkhard. Dort entstehen die ersten grossformatigen Fotos: der Schlafraum, das bescheidene Atelier, ein Abfallsack – nicht auf Fotopapier vergrössert, sondern auf beschichtete Leinwand. Diese grossen Leintuch-Bilder, nur an den Ecken aufgehängt, werden in ihrer freien Hängung zu lebendiger Wirklichkeit in zwei Dimensionen, die sich leicht in die dritte falten.

Ausstellungsansicht mit Amsterdamer Leinwand-Fotos von Balthasar Burkhard/Markus Raetz

Leinwand braucht er auch später – einerseits als Bildträger, andererseits als Hintergrund. Für sein erfolgreiches Kinderbuch Klick! sagte die Kamera von 1997 fotografierte er die Tiere ohne Aktion oder besondere Szenerie ganz simpel vor und auf dem weissen Tuch. In einem Raum sind Materialien versammelt, Ausstellungsplakate und Entwürfe dazu, Kontaktbögen mit Markierungen, Fotobücher, also eine Art Making of mit Blick in die Arbeit eines Fotokünstlers und Fotografen, der er auch immer war.

Legendär ist seine Architekturfotografie – zu Beginn seiner Berufslaufbahn für das Atelier 5 in Bern, später für Herzog & de Meuron, im gleichen Kontext ist auch die Serie für den Möbelhersteller USM Haller zu sehen: die Serie von Plakaten und Inseraten sind zugleich Kunstwerke und in ihrer Funktion wirksame Werbeträger.

Balthasar Burkhard, Kamel, 1997 © Estate Balthasar Burkhard

Dank der Winterthurer Retrospektive kann das Werk trotz unterschiedlichster Objekte – Luftaufnahmen von Megacities, bewegtes Meer mit Gischtkronen nach Courbet, Porträts von Menschen und Tieren, Architektur, Wolken – nun als Einheit gesehen werden. Es ist das besondere Licht, welches Burkhard, fast ist man geneigt zu schreiben seit seiner Lehrzeit, in seine Bilder bringt: ein abgeschattetes, sanftes Helldunkel, eine reiche „Palette“ von Grautönen modellieren die belichteten Bilder, die nicht Abbilder der Wirklichkeit, sondern zu einer neuen Realität geworden sind.

Aber Burkhard hat sich nie kopiert, um den Markt zu bedienen. Er sucht in Bauten und Bergen, in Makroaufnahmen von Schnecken, in Porträts von Menschen, die ihm wichtig waren, und in den zuletzt in Farbe fotografierten Blumen die Schönheit der Welt, an der er nie gezweifelt hat.

bis 21. Mai
Näheres zur Ausstellung und den Veranstaltungen finden Sie auf den Webseiten von Fotomuseum und Fotostiftung in Winterthur
Zur Ausstellung ist hg. von Fotomuseum Winterthur, Fotostiftung Schweiz und Museum Folkwang, Essen eine Publikation im Verlag Steidl für 39 Franken erschienen.   

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