FrontGesellschaftEinsamkeit neu definiert

Einsamkeit neu definiert

«Schmerzhaft, ansteckend, tödlich» so bezeichnet der Psychiater Manfred Spitzer Einsamkeit und nennt sie eine unerkannte Krankheit.

Manfred Spitzer, Leiter der Psychiatrischen Universitätsklinik in Ulm, hat sich durch Bücher über zeittypische Übel wie Internetsucht oder digitale Demenz weitherum bekannt gemacht. Nun ist sein neues Buch erschienen: Über die Einsamkeit, die sich im 21. Jahrhundert ausbreitet und nicht nur alte Menschen betrifft – von denen wusste man schon lange, dass im Alter viele immer mehr vereinsamen, – sondern auch junge Menschen.

Werden wir aus Einsamkeit krank?

«Das Leiden an Einsamkeit ist seit langem in der Seelenheilkunde bekannt und wurde meist als Symptom anderer psychischer Störungen aufgefasst», schreibt der Autor und führt aus, dass Einsamkeit nicht nur ein Anzeichen einer Krankheit, sondern selbst eine Krankheit sei. Denn der Mensch ist, wie Spitzer feststellt, ein ‹Gemeinschaftstier› (ein zoon politicon). Dem stehe heute der Trend zum Alleinsein entgegen, sichtbar nicht nur in der wachsenden Zahl von Single-Haushalten, sondern in vielen Bereichen der Gesellschaft und nicht nur in Europa und Nordamerika. Wie in seinen anderen Untersuchungen auch stützt sich der Autor bei seinen Aussagen auf Studien anderer Forscher. – Das Buch, das sich trotz zahlreicher Anmerkungen wie alle Werke von Spitzer sehr gut lesen lässt, hat einen Anhang von über 60 Seiten mit Anmerkungen und Literaturverzeichnis.

Worauf namhafte Gerontologen in Bezug auf alte Leute schon seit vielen Jahren hinweisen, dass Einsamkeit nämlich den Prozess des Alterns beschleunigen kann, das postuliert Spitzer nun für alle Menschen ungeachtet ihres Alters. Durch Einsamkeit kann Stress entstehen. Und wir wissen es: Ein hoher Stresspegel macht krank. Er schwächt das Immunsystem, was einsame Menschen dann anfälliger für Herzinfarkt, Schlaganfall, Depressionen, Demenz und Krebs macht. Das wollen wir doch alle vermeiden!

Ist Einsamkeit schmerzhaft?

Aus den von Spitzer beigezogenen Untersuchungen geht hervor, dass Einsamkeit und Schmerzen in demselben Hirnareal verarbeitet werden. Der Autor führt an, dass einsame Menschen mit Depressionen häufig gleichzeitig unter physischen Schmerzen leiden. Ja, so Spitzer, diese Menschen leiden oft auch unter Schmerzmittelmissbrauch. Auch das Gegenteil lässt sich in Studien beweisen: Wer unter krankheitsbedingten starken Schmerzen leidet, aber in der Geborgenheit eines guten Beziehungsnetzes lebt, sei es Familie, seien es Freunde, fühlt seine Schmerzen viel weniger stark, bzw. kann sie leichter ertragen.

. . . ansteckend?

Es gilt als alte Weisheit, dass Lachen ansteckend ist. – Auch Einsamkeit soll ansteckend sein? Während durch Lachen (im Normalfall) keine Krankheitskeime verbreitet werden, ist Einsamkeit ein soziales Phänomen, das sich wie eine Krankheit ausbreiten kann, wenn Menschen zusammenkommen, stellt der Autor fest. Spitzer verweist auf Forschungen in der Soziologie und Psychologie, aber auch in Medizin und Informatik. Er führt schamanische Rituale der Indianer an, aber auch die Hexenverfolgungen der frühen Neuzeit, nennt die ‹Psychologie der Massen› des französischen Arztes Gustave Le Bon. Angst kann ansteckend sein, erklärt Spitzer, und er weiss auch ein positives Beispiel: das unwillkürliche Mitfühlen, das eine amerikanische Psychologin auf Hawaii beobachtet hat. Wichtig sei laut Spitzer der Dialog – und der fehlt bei einsamen Menschen. Kleine soziale Gemeinschaften, kleine Landstädte sind besser geeignet, Netzwerke gegen die negativen Folgen der Einsamkeit zu knüpfen, in Grossstädten ist Einsamkeit virulenter, davon ist der Autor überzeugt.

Spitzer wird seinen früheren Überzeugungen nicht untreu: Auch in diesem Buch werden seine grundlegenden Vorbehalte gegen alle Formen der digitalen Welt sichtbar. Er zitiert verschiedene Studien, die untersucht haben, welche negativen Auswirkungen Facebook auf die Stimmung der Nutzer hat.

. . . tödlich?

Dass viele unserer Zivilisationskrankheiten wie Gefässleiden als Folge von hohem Blutdruck, Herzinfarkt, Schlaganfall, Krebs zu einem allzu frühen Tod führen, gehört schon fast zum Allgemeinwissen. Spitzer postuliert nun, dass die subjektive Empfindung von Vereinsamung das Risiko erhöhe, eine ganze Reihe solcher Krankheiten zu bekommen. Und viele Psychosen, Depressionen, Formen von Demenz würden durch Einsamkeit verschlimmert, sagt der Psychiater Spitzer. Daraus zieht er den Schluss: «Sowohl objektiv bestehende Isolation als auch das Erleben von Einsamkeit gehen mit einem erhöhten Sterberisiko einher.» Einsamkeit gewichtet er schwerer als andere Risikofaktoren wie Luftverschmutzung, Bewegungsmangel, Übergewicht oder Rauchen und Alkoholismus.

Spitzers Ratschlag: «aktive Einsamkeit»

Was tun, fragt Spitzer – und erstaunt uns Leserinnen und Leser, denn er empfiehlt neben der Suche nach Gemeinschaft, der Befriedigung beim Musizieren, Tanzen und Singen – den freiwilligen Gang in die «aktive Einsamkeit»! Am Schluss des Buches beschreibt der Autor seinen Rückzug auf eine kleine Ostseeinsel, wo er dieses Buch fertigstellte und sich entspannen konnte. «Wenn Sie also Einsamkeit erleben möchten, dann suchen Sie diese aktiv auf – am besten in der freien Natur.» Es kommt wohl nur auf die Einstellung des Einzelnen an und auf seinen Antrieb, die eigene Zeit sinnvoll auszufüllen.

Kein Zweifel, das Phänomen der Individualisierung in unserer westlichen Gesellschaft und seine Folgen müssen untersucht werden. Aber Einsamkeit als Krankheit und nicht nur als eine der Ursachen zu bezeichnen, scheint gewagt. – Schiesst Manfred Spitzer hier nicht über das Ziel hinaus? Einsamkeit kann als gesellschaftliches oder soziales Problem gelten, das sich in Gemeinschaft überwinden lässt. Und schliesslich Spitzers Plädoyer für die Einsamkeit in der Natur: Hier schlägt er einen Weg vor, der innerlich gefestigten Menschen entspricht, die mit dem Alleinsein umgehen können. – Genau das zu lernen, wäre wohl das Ziel!

Manfred Spitzer
Einsamkeit. Die unerkannte Krankheit. Schmerzhaft, ansteckend, tödlich

Droemer Verlag, 320 Seiten
ISBN: 978-3-426-27676-1

Die Seniorweb-Redaktion hatte in ihrer Sommerserie 2017 acht Beiträge dem Thema Einsamkeit gewidmet.

Titelfoto © Martin Jäger / www.pixelio.de

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