FrontKulturDer Fotokünstler ist auch Kunstmaler

Der Fotokünstler ist auch Kunstmaler

Carte de visite“, die Werkschau von Gaudenz Signorell im Bündner Kunstmuseum

Den Pinsel legte der Künstler Gaudenz Signorell (*1950) früh aus der Hand und wandte sich konsequent der analogen Fotografie zu, die er sich selber beibrachte . Nicht etwa, dass er nun in der Nachfolge der grossen Fotografen wie Robert Frank oder Balthasar Burkhard (zurzeit Retrospektive im Fotozentrum Winterthur) seine Kunst ausübte, er blieb beim malen, einfach mit den Mitteln der Fotografie, lotete die Möglichkeiten der Dunkelkammer aus und erfand ungewöhnliche Techniken, die aussergewöhnliche Resultate ergaben: Am Anfang ist das Objekt, dann das Objektiv, dann folgt ein langer Gestaltungsprozess. Der Autodidakt suchte eigenständig seinen Weg, wurde in den vier Jahrzehnten seines Schaffens zum inspirierenden Künstler der Künstler, sonst war er ausserhalb Graubündens kaum bekannt. Das sollte sich mit der Gesamtschau im Bündner Kunstmuseum nun ändern.

Abtastungen XIV, 1990. © Künstler, Leihgabe Florio Puenter, St. Moritz

Gaudenz Signorell archiviert alles, was er fotografiert – sei es mit Polaroid oder mit der Fotokamera. Aber das Archiv ist nicht nur Aufbewahrungsstätte für sein Werk, sondern zugleich vor allem auch Werkstatt. Hier liegt der Rohstoff der ihn manchmal Jahre später zu einer Werkserie animiert, hier arbeitet auch der Zufall mit, führt ihn zu neuen Grenzen der Fotografie und der Wahrnehmung.

Signorell lebte immer in Domat/Ems, fand seine Inspiration auf langen Reisen im Ausland, in Rom, Paris, New York, Kuba und Indien. Während Bilder aus New York Signorells Bezug zur Architektur spiegeln und insofern den Ort dieses Traums deutlich zeigen, ist die Verarbeitung der Indien-Serie radikaler, hier steht die Farbigkeit als Sinneseindruck.

Freude am Unsinn (Kathedrale zu Chur), 2006 © Künstler. Besitz: Hans-Jörg und Regula Ruch, St. Moritz

In der Ausstellung liegen aufgeschlagen etliche von Signorells Arbeitstagebüchern, in denen er schreibt, zeichnet, einklebt, was ihn bewegt und fordert. Sie weisen den Weg zum Verstehen, was diesen Künstler antreibt. Viele seiner Werke tragen einsichtige Titel, auch wenn sie nur eine Möglichkeit sind, das Abgebildete zu benennen, welches mitunter auf eine völlig andere fotografierte Wirklichkeit zurückgeht. Signorell will gar nicht die Aussenwelt genau abbilden, sondern es geht ihm um die Emotionalität, die in dem Ort steckt, den er untersucht, oder um die Assoziation, die ihn ergreift. So führt eine Tuschzeichnung – eher ein elaborierter Tuschekleks von Victor Hugo – zu seiner Pluie d‘orage-Serie, bearbeiteten Fotografien von Schaltafeln aus einer Baustelle. Oder das Gedicht Bateau ivre von Arthur Rimbaud bringt ihn zu seiner Serie Das trunkene Schiff. Fotosujet war ein Stapel von Passepartouts im Atelier einer Maler-Freundin.

Näher am Objekt ist die Serie La Courneuve von 2003 bis 2005, Mauerstücke als Sinnes-Eindrücke aus der sozial schwierigen Banlieue, in der er recherchierte. Lesbar sind auch die Abzüge Urhütte oder Ruchenberg, lesbar als Ausschnitte aus einer realen Umgebung, als prekären Ort der Freiheit und doch voller Rätsel.

Pluie d’orage. 2010/2011. Im Besitz des Künstlers

Auch wenn Pinsel und Farbe nicht mehr aktuell waren, nahm er den Aquarellkasten bei seinem ersten längeren Paris-Aufenthalt mit, wo derselbe samt der Fliessblätter Ausgangspunkt der viel später realisierten Serie photo-graphiques von 2015 wurde. Auf die Arbeit mit dem Stift oder der Farbe hat er auch nie wirklich verzichtet, sind sie ihm doch Werkzeuge zur Bearbeitung von Fotografien wie andere auch. Beispielsweise in der Werkgruppe Porträts, wo er die Objekte bearbeitet und immer wieder neu ablichtet, bis sich etwas neues ergibt, in dem jedoch – das ist Signorells Zauberei – der Ursprung immer noch steckt. Aus Fotos der sichtbaren Welt gestaltet Signorell ureigene Bilder, die seine Imagination als Traumwelt zeigt, die nicht nur ins Abstrakte, sondern auch ins Absurde gleitet, wo der Künstler die Freude am Unsinn findet, wie eine weitere Werkgruppe heisst.

Blick in die Ausstellung «Gaudenz Signorell. Carte de visite» mit der Installation «Äquivalenz»

Mehr als ein Katalog ist die Publikation, die zur Ausstellung mit dem Titel Gaudenz Signorell.carte de visite, herausgegeben von Stephan Kunz im Verlag Scheidegger & Spiess für 49 Franken erschienen ist . Neben den sorgfältigen Wiedergaben der Fotos und Prints finden sich Essays von Freunden wie beispielsweise dem Künstler Rolf Winnewisser.

Das Kunstmuseum in Chur bietet seinen Künstlern jeweils die Möglichkeit, in situ ein Werk zu schaffen. Gaudenz Signorell hat die Gelegenheit ergriffen und knallbunte Makulatur aus einem Lithoatelier zu einem Fries von vierzig Metern Länge zusammengebaut: Die Herkunft des Materials – eigentlich Ausschuss – und dessen üppige Farbigkeit und Grösse vermitteln, dass das Wichtige an den Rändern geschieht, überall Kunst entstehen kann, die Werteordnung nie definitiv ist. Die Arbeit heissst Äquivalenz.

Teaserbild: La Courneuve, 2003-2005, © Künstler. Privatbesitz, Chur
Bis 27. Mai
Hier finden Sie alle Informationen zur Ausstellung.

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