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Freude am Leben – fotografiert

Gleich zwei neue Ausstellungen im Fotozentrum Winterthur lohnen den Ausflug in die Eulachstadt.

Sie könnten unterschiedlicher nicht sein, die beiden neuen Ausstellungen im Fotozentrum Winterthur. Enjoy Your Life (Geniess dein Leben) im Fotomuseum ist die Schau von Juergen Teller überschrieben, nicht ohne ironischen Unterton, wie sich bei der Bildbetrachtung schnell herausstellt.

Oman No.5 (Oman series 2017), © Juergen Teller, 2018

Der ehemalige Geigenbaulehrling hat in München Fotografie studiert und zählt heute international zu den gefragtesten Fotografen. Durch einen eigenwilligen, härteren Zugang hat er zum Beispiel die Modefotografie umgeschrieben. Aber Tellers Palette ist viel breiter. Dabei bricht er mit allen Konventionen und schöpft unerwartete, neue Zugängen zum Bild aus: Von schönen, ruhigen Natureinstellungen, darunter auch ein kanadischer Urwald mit Geräuschen aus dem Lautsprecher, über harte Kontraste zwischen Steinformationen neben der nackten Verletzlichkeit bleicher Frauen bis zu einem ehemals aufgeblasenen Dinosaurier, dem in verschiedenen Phasen die Luft ausgeht, von Fröschen in ihrer andersartigen, zarten Körperlichkeit bis zu Schnecken an einer überreifen Bananenscheibe.

Self-reflections, Melancholy and Blood Oranges No.79, London 2018. © 2018 Juergen Teller

Ästhetisch Schönes, Bedrohliches, Schmutziges, Schleimiges, der menschliche Körper und seine Geschlechtsteile. Das geht bis ins Voyeuristische. Wobei Selbstdarsteller Teller sich immer wieder selbst ironisch auf den Arm nimmt. So wenn er in voller Mannespracht nackt auf einem Sofa liegt, sein Gemächt präsentiert und dabei mit der Hand einen Strauss bunter Luftballons hochhält. Oder wenn er sich im „Räuberzivil“ mit Pelzüberwurf ablichten lässt und die üblichen Retuschewünsche der Moderedaktion neben die jeweiligen Körperteile schreibt: „More hair, skin healthier, remove creases, not good expression/change head, retouch stomach» undsoweiter (deutsch: mehr Haare, gesündere Haut, Falten weg, kein guter Gesuchtsausdruck/Kopf auswechseln, Bauch retuschieren).»

Self portrait for Business of Fashion, London 2015. © 2015 Juergen Teller

Grotesk wird es in einem Video: Während die Schauspielerin Charlotte Rampling an einem historischen Flügel nicht besonders fantasiereich und in ewiger Wiederholung über ein klassisches Thema improvisiert, liegt Teller mit dem Rücken auf dem Flügel, die Beine angezogen, wälzt sich hin und her und präsentiert dabei seinen Hintern plus Teile der Männlichkeit. Naja, solche Fantasien kann man ja mal ausleben. Kunst?

Ikonen – nachgebaut

Szenenwechsel. Die Ausstellung Double Take des Duos Jojakim Cortis und Adrian Sonderegger in der Fotostiftung schräg gegenüber treibt ein ganz besonderes Spiel mit Fotos, die zu Ikonen wurden. Der Begriff Double Take bezeichnet eine Strategie der Gag-Erzeugung, die auf einer zweimaligen Wahrnehmung fusst.

Die Double-Take-Produzenten Jojakim Cortis und Adrian Sonderegger vor ihrem Marlboro Man. Foto: Christine Kaiser

Die beiden Künstler, die an der Zürcher Hochschule der Künste Fotografie studierten, haben 42 berühmte Bilder aus der internationalen Fotogeschichte im Studio als dreidimensionale Modelle nachgebaut – aus Karton, Sand, Holz, Stoff, Watte, Gips und mit Klebstoff. Danach haben sie ihre Modelle im Atelier inmitten der dazu benutzten Werkzeuge fotografiert. Daraus entstanden sind zwei Ebenen: die Erinnerung an die ursprüngliche Foto und jene des dreidimensionalen Nachbaus mit der Arbeitssituation

in der Werkstatt. Marilyn Monroe auf dem U-Bahn-Luftschacht, der Marlboro-Mann, Che Guevara, die „unsinkbare“ Titanic, ein Soldat im spanischen Bürgerkrieg, der Absturz des Zeppelins Hindenburg, die Atombombe über Hiroshima…

Das Resultat ist kurios und verblüffend. Denn die verschiedenen Ebenen erzeugen eine Brechung der erinnerten Bilder und verweisen letztlich auf das Ursprungsereignis hin, den Auslöser für die zur Ikone gewordene Fotografie. Die Betrachter müssen selbst aktiv werden und sich erinnern. Wie war das noch?

Nine/Eleven – wer erinnert sich nicht? Im Studio wurde Tom Kaminskis berühmtes Foto von Cortis und Sonderegger nachgebaut und die Werkstattszenerie fotografiert. © Jojakim Cortis & Adrian Sonderegger

Hier wird an den Ausstellungswänden nichts erklärt. Und nicht alle Bilder sind Otto Normalbetrachter bekannt. Besucherinnen und Besuchern steht eine entsprechende App zum Herunterladen aufs Smartphone zur Verfügung, oder man erwirbt vor dem Rundgang die Begleitpublikation für 35 Franken.

Mehr über die Ausstellungen und die Veranstaltungen erfahren Sie hier:
Juergen Teller, Enjoy Your Life bis 7. Oktober im Fotomuseum Winterthur
Double Take bis 9. September in der Fotostiftung Winterthur

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