Gesellschaft

Endlich angekommen

Amrum – nirgends ist der Sommer schöner als auf dieser vielfältigen Insel in der rauen Nordsee.

Zugegeben, zwei Wochen nichts als Sonne und Schwimmen im warmen Meerwasser, das darf niemand auf Amrum erwarten. Zwei Wochen schlechtes Wetter sind aber ebenso selten, denn gerade an der Nordsee ändert sich das Wetter schnell, und oft ist es direkt am Meer sonniger als im Landesinneren. Gerade dieser Mix macht den Reiz dieser Insel aus. Nordseeferien sind immer mit Bewegung verbunden, ausser wir mieten uns einen Strandkorb, drehen ihn vom Wind weg, verkriechen uns und lesen stundenlang.

Wenn nur nicht diese lange Anreise wäre! Endlich auf dem behäbigen Fährschiff, fühle ich mich weit entfernt von allem Alltagskram. Der Wind, der scheinbar unendliche Horizont und das leise Schaukeln der Fähre versetzen mich in Ferienstimmung. Sobald ich alles Gepäck in meinem Zimmer abgestellt habe, zieht es mich ans Meer. Zuerst an die Westseite der Insel, an die Nordsee. Der besonders bei Ebbe weite Strand, auf Amrum Kniepsand genannt, und das im Sommer oft nur leise rauschende Meer öffnen Herz und Geist. – Ist das der Grund, dass man auf dieser Insel so viele heitere Menschen trifft, die sich gern austauschen über die Schönheiten der Insel? Es ist mir immer wieder aufgefallen, dass man hier ganz leicht ins Gespräch kommt, wo auch immer man sich befindet.

Der geschwätzigste Vogel ist der Austernfischer, dessen flötende Töne man von früh bis spät hört. Austern fischt er übrigens nicht, sondern Kleingetier aller Art im Schlick.

Der Kniepsand ist eine für Amrum charakteristische Landschaft von Strand, der zugleich einen sicheren Küstenschutz bildet. Alteingesessene Amrumer erzählen es gern mit einem ironischen Schmunzeln: Während das Meer vom benachbarten Sylt in jedem Winter Sand wegspült, erhält Amrum immer wieder neuen Sand, der auch unter Wasser zeitweise unsichtbare Dünen bildet. In früheren Jahrhunderten war dies für die Schifffahrt manches Mal ein Problem. Für Sonnenhungrige ist der Kniepsand ein Paradies, ebenso für Strandwandernde und Muschelsuchende.

Zwischen dem Inselkern und dem Kniepsand liegt ein breiter Gürtel Dünenlandschaft, die unter strengem Naturschutz steht, damit der Dünensand weder im Meer verschwindet noch das dahinter liegende Land versandet. Aus diesem Grund werden den Dünen angepasste Gräser und kleine Sträucher angepflanzt. Sobald sich im Windschatten einer Düne eine Senke bildet, sammelt sich dort etwas mehr Feuchtigkeit, so dass sich heimische Pflanzen spontan ansiedeln können. Wer dort wandert, darf nur auf dem weiten Netz an Bohlenwegen laufen. Das allerdings ist ein ganz besonderes Vergnügen. Oft genug ist weit und breit kein Tourist zu sehen, nur der Himmel, der Wind, die Vögel und in den Dünen ein paar Kaninchen und Fasane, die im 19. Jahrhundert ausgesetzt wurden, damit der dänische König jagen konnte. Amrum gehörte nämlich bis 1864 zu Dänemark.

Dünenlandschaft

Wenn wir ungefähr in der Mitte der Insel zur Ostseite gehen wollen, durchqueren wir einen grossen Wald, was für eine Nordseeinsel höchst ungewöhnlich ist. Auch dieser Wald wurde von Menschen geplant und angepflanzt. Zunächst entstand in der Mitte des 19. Jahrhunderts ein Birkenhain; der grössere Teil, vorwiegend Kiefern, wurde nach dem Zweiten Weltkrieg angepflanzt im Zuge grosser Aufforstungen allenthalben im kriegsversehrten Deutschland. – Aber eigentlich gehört solcher Wald nicht auf eine Nordseeinsel, monieren strenge, historisch orientierte Naturschützer vielleicht. Alle anderen freuen sich darüber und geniessen seine Vorzüge.

Der Leuchtturm wurde 1875 in Betrieb genommen. Heute ist er ferngesteuert.

Während der Kniepsand Platz für alle Badefreuden und Strandaktivitäten bietet, ist das Wattenmeer an Amrums Ostseite besonders für Spaziergänge und Vogelbeobachtungen zu empfehlen. Ein Stück weit ist die Küste dort eingedeicht, so dass das Meer bei Flut oder hohem Wellengang nichts vom Land wegschwemmen kann. Was nämlich geschieht, wenn das Land nicht derart geschützt wird, sehen wir an anderen Stellen, wo das zeitweise so sanfte Wattenmeer, die Küstenlinie unterspült, bis beispielsweise der Wanderweg nicht mehr begehbar ist. Eine Wanderung über das Watt – nur bei niedrigem Wasserstand und unter kundiger Führung – ist ein unverzichtbarer Programmpunkt einer Reise nach Amrum. Über den weichen, oft schlammigen Boden zu laufen, bei wechselnden Temperaturen des Wassers und zu erkennen, was für Lebewesen im Meeresboden und darüber zu Hause sind, ist nicht nur für Kindern spannend.

OLYMPUS DIGITAL CAMERA

Fischkutter nach dem Fang – das haben die Möwen gemerkt.

Seeluft macht bekanntlich hungrig. Was isst man auf Amrum? Alles, was Nordseefischer heimbringen, ausgezeichnete frische Nordseekrabben zum Beispiel. Diese Krabben sind viel kleiner als die Crevetten, die wir in der Schweiz kaufen, aber sie schmecken kräftiger und salziger – und sind auf Amrum immer ganz frisch. Oft wird auch Nordseescholle angeboten, die im Restaurant „auf friesische Art“ mit gebratenen Speckstreifen serviert wird, eine ungewöhnliche Kombination, aber überraschend lecker. Auf Amrum werden auch Schafe gehalten, und zwar auf den Salzwiesen, das sind Wiesen, die zeitweise von Meerwasser überspült werden und deshalb salzhaltig sind. Das schmeckt man auch dem eingemachten Schaffleisch an, das in Gläsern angeboten wird: saftig und würzig.

Amrum ist nur ca. 20,5 Quadratkilometer gross, gut 10 km lang und an der breitesten Stelle knapp 3 km breit. Aber es gäbe noch viel über diese Insel zu erzählen, ihre Dörfer, ihre Bewohner, über deren Kampf ums Überleben in früheren Jahrhunderten. Grund genug, trotz langer Fahrt immer wieder dorthin zu fahren. „Endlich Amrum“ – diesen Spruch haben die Amrumer Touristiker nicht von ungefähr geprägt.

OLYMPUS DIGITAL CAMERA

Gibt es auf Amrum mehr Touristen oder mehr Möwen? (alle Fotos: mp)

Weitere Beiträge unserer Sommerserie:

Was für ein schöner Sommer
Waldbeeren und Wunderworte
Von Farben, Düften und Stimmungen