FrontGesellschaftEine Heimat für Kunst und Künstler im Exil

Eine Heimat für Kunst und Künstler im Exil

Am 21. August 1968 machten russische Panzer dem «Prager Frühling» ein Ende. In Pfäffikon erinnern zwei Ausstellungen an die Okkupation. In Pfäffikon? Dort erhielt tschechische Kunst Asyl.

Am letzten Freitagabend wurde in der Galerie Krause und im Museum am Pfäffikersee gemeinsam der Okkupation Prags vor 50 Jahren gedacht. Stellt Alice Krause in ihrer Galerie an der Tumbelenstrasse Werke tschechischer Künstlerinnen und Künstler aus dieser bewegten Zeit aus, zeigt die Antiquarische Gesellschaft Pfäffikon mittels Fotografien des damals blutjungen Fotografen Bohumil Dobrovolsky ein unmittelbares Zeitzeugnis, das den Schrecken, die Wut und die Fassungslosigkeit der Prager in zum Teil unscharfen, unmittelbaren und heute noch aufwühlenden Bildern zeigt.

Eine grosse Fluchtwelle

Als am 21. August vor 50 Jahren in Prag die russischen Panzer auffuhren und alle Träume von einem liberalen Sozialimus ein Ende bereiteten, begann ein Massenexodus der tschechischen Intelligenzia und Kulturschaffenden. Zehntausende flüchteten in den Westen, rund 14000 Personen ersuchten in der Schweiz um Asyl. Darunter war auch Oscar Krause, der bereits als junger Student wegen dissidenter Agitation fünf Jahre Gefängnis ertragen musste.

Zeitdokumente, von Alice Krause auf grossen Schautafeln arrangiert.

Im zürcherischen Pfäffikon fand er nicht nur Arbeit, sondern auch einen Ort, wo er eine Galerie einrichten, und so im Exil lebenden Kunstschaffenden eine Begegnungsmöglichkeit schaffen konnte. Die Kellerräumlichkeiten sind zwar nicht attraktiv gelegen und nach aussen kaum präsent, sie entwickelten sich aber schnell zu einem in ganz Europa bekannten Treffpunkt tschechischen Kunstschaffens. Hier stellten Künstler mit grossen Namen aus. Jan Kristofori zum Beispiel oder Jiri Kolar, beides Künstler, deren Ruf bis nach Amerika reicht, wo sie in grossen Museen ausgestellt wurden.

Vielbeachtete Ausstellungen

Aber auch Werke von Kunstschaffende, die nicht geflüchtet waren, aber wegen Ausstellungsverbot im Untergrund leben und arbeiten mussten, kamen auf verschlungenen Wegen in die Schweiz, nach Pfäffikon zu Oscar Krause. Eine Ausstellung von Werken aus der russischen «Bulldozer-Ausstellung» 1974 machte die kleine Pfäffiker Galerie via Tagesschau schweizweit bekannt, ebenso wie später der Besuch des russischen Regimekritikers und «Gulag»-Schriftstellers Alexander Solschenizyn.

Jan Kristoforis Bilderzyklus «Menschenrechte» befasst sich ganz direkt mit den Vorgängen vor 50 Jahren in der Tschechoslowakei.

Seit sieben Jahren, seit dem Tod Oscar Krauses, führt seine Frau Alice die Galerie. Auch sie musste als junges Mädchen vor der russischen Besatzungsmacht flüchten.

In Deutschland fand ihr Vater, ein Pathologe, aber innert Wochenfrist eine neue Anstellung. Als junge Frau lernte Alice Oscar Krause kennen – seine Galerie ist unter Tschechen bis heute europaweit ein Begriff – und wurde seine Frau.

Hort der Zuflucht

Ein Hort der Zuflucht sei diese kleine Galerie vor der Wende gewesen, sagte Jaromira Kirstein, die im Mai in Kreuzlingen eine Gedenkausstellung zum Ende des Prager Frühling kuratierte, bei der Eröffnung der Ausstellung in der Galerie Krause.

Alice Krause (Mitte rechts) und die Laudatorin Jaromira Kirstein (Mitte links) während der Eröffungs der Ausstellung zu 50 Jahre Ende des Prager Frühlings.

Und auch heute noch dominieren die tschechischen Namen auf der Liste der Ausstellungen, auch wenn Alice Krause immer wieder auch anderen Kunstschaffenden Raum gibt. Aber wer sich an einer Vernissage umhört, stellt unschwer fest, dass die Tschechen auch 50 Jahre nach den für sie so dramatischen Zeiten und Jahre nach der Öffnung der Grenzen, der kleinen Galerie, «ihrer» Galerie, die Treue halten.

Die Ausstellung in der Galerie Krause ist bis zum 16. September jeden Samstag und Sonntag von 14 bis 19 Uhr geöffnet, diejenige im Museum am Pfäffikersee jeweils sonntags ab 14 Uhr.

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