FrontKulturZeitgenössische Musik und Engagement

Zeitgenössische Musik und Engagement

Das Motto der diesjährigen Tage für Neue Musik, dem Zürcher Festival für zeitgenössische Musik, lautet „Bekenntnisse“.

Bekenntnisse können weltanschaulicher, politischer, religiöser oder ästhetischer Art sein, wie die fünf Werke des Eröffnungskonzerts des Zürcher Kammerorchesters gestern abend belegten. Kurator ist Jens Schubbe, der künstlerische Leiter des 25jährigen Collegium Novum, zusammen mit der Tonhalle-Intendantin Ilona Schmiel, deren Institution das 150. Jubiläum feiert.

seniorweb: Herr Schubbe, wie kam es zu dem Motto „Bekenntnisse“?

Jens Schubbe: Wie jedes Jahr fuhr ich auch 2015 zu den Donauenschinger Musiktagen, um zu hören, was in der neuen Musik geschieht. Das Jahr 2015 war besonders merkwürdig. Damals wurden in Deutschland die Grenzen geöffnet, um den Flüchtlingsmassen Einlass zu gewährenIn Donaueschingen war das sehr stark zu spüren, denn die Stadt hat nur 20‘000 Einwohner, und die alten Kasernen wurden als Flüchtlingsunterkünfte genutzt und darin 2500 Menschen untergebracht. Die Leute waren präsent und mit ihnen ein Teil der Verheerung der Gegenwart.

Jens Schubbe, Kurator der Tage für Neue Musik Zürich kurz vor der Eröffnung

Nur in den Konzerten der Musiktage nahm man davon keinerlei Notiz. Es war der Zirkus wie jedes Jahr mit mal mehr oder weniger spannenden Stücken. Die Diskussion kreiste nicht etwa um das, was draußen geschah, sondern ich las imText eines Komponisten, dass ihn die Ästhetik der Krümmung und der Kurve interessiere.

Mich beschlich ein Unbehagen und es verließ mich nicht bis zum Ende des Festivals. Da gabs ein Stück von Mark Andre für Klarinette und Orchester, ein ganz leises, zartes, sehr zerbrechliches Stück, das zwar nicht direkt mit dem was draussen geschah in Verbindung zu bringen war. Aber ich hatte den Eindruck, in den Klängen per se konnte das, was geschah, widerhallen. Das Werk von Mark Andre hob sich in vielerlei Hinsicht von dem ab, was ich bislang am Festival gehört hatte. Das hat auch damit zu tun, dass er aus einem bestimmten Ethos heraus komponiert. Seine religiösen Überzeugungen stehen hinter seinen Werken, jedoch nicht in einem programmatischen Sinne sondern seine Musik spiegelt die Haltung, aus der er schreibt, und damit wären wir beim alten grossen Philosophen der neuen Musik bei Theodor Adorno, der das Material als sedimentierten Geist der Epoche sah.

Peter Révai im Gespräch mit Dieter Ammann und Younghi Pagh-Paan, deren Werke vom Zürcher Kammerorchester aufgeführt wurden

Darum geht es auch bei diesem Festival, also nicht um plakativ nach aussen getragene Programmatik, sondern um Haltungen, um innere Bekenntnisse, um ein Verständnis von einer Musik, das sich in der Musik selbst artikuliert.

Ich habe gelesen, dass die mitwirkenden Institutionen ihre Programme selbst gestalteten. Wo steht da der Kurator?

Schubbe: Natürlich ist es bei einem Festival immer so, dass es einen gibt, der die programmatische Tendenz bestimmt. Dabei bringen sich viele Gruppierungen auch als Mitproduzenten ein. Das macht es auch spannend. Ich habe zum Beispiel mit dem Klangforum Heidelberg eine ganz tolle Zusammenarbeit erlebt. Wir diskutierten gemeinsam mit dem Leiter Walter Nussbaum viele Abende darüber, was Bekenntnisse sein könnten. Er hat nun wirklich ein Programm komponiert, in dessen Zentrum eben nicht ein Stück eines zeitgenössischer Komponisten steht, sondern das Confiteor aus der h-Moll-Messe von Johann Sebastian Bach, also ein Bekenntnis um welches sich Werke der zeitgenössischen Musik gruppieren, aktuelle Kompositionen und ältere, die alle mit dem Thema auf ihre Weise zu tun haben.

Wäre also so ein Abend für Musikhörende mit Schwellenängsten der passende Einstieg in die Neue Musik?

Ja, dieser Konzertabend wäre geeignet. Gerade Mark Andre, der mit zwei Kompositionen vertreten ist während des Festivals, komponiert zwar in einer sehr komplexen Sprache, seine Musik wird jedoch auch von Hörerinnen und Hörern wahrgenommen, die ansonsten mit Neuer Musik nichts zu tun haben.

Ist die aktuelle Neue Musik zugänglicher geworden als ich sie vor Jahren wahrgenommen habe?

In unserem Fall folgen wir dem klassischen Ideal der zeitgenössischen Musik, wir schreiben ja auch die Tage der Neuen Musik. Es hat eine bestimmte Bewandtnis, dass wir uns zu dem Begriff bekennen, der 1919 von Paul Becker geprägt wurde. Nach dem ersten Weltkrieg beschrieb er die aktuelle musikalische Landschaft und porträtierte verschiedene Komponisten. Paul Becker war in seinen Überzeugungen geprägt durch Leo Kestenberg, einen Musikpolitiker im Kultusministerium der jungen Republik in Berlin, der darauf bedacht war, die Hochkultur für die breite Masse zu öffnen. Der Begriff Neue Musik meint also im Ursprung nicht etwas Elitäres, im Gegenteil.

Wie das letzte Konzert übers Grosse Lernen von Cornelius Cardew, bei dem auch viele Laien mitsingen und mitmusizieren?

Genau, das zielt in diese Richtung,…

…aber viele Leute empfinden Neue Musik als elitär?

Elitär war das, was ich 2015 in Donaueschingen erlebte, dieses Cliché der Neuen Musik, die sich um nichts in der Welt wirklich kümmert. Es gibt ein Lied von Brahms mit folgender Textzeile: „Welt fragst du nach mir nicht, was frag ich nach dir“ – das kommt mir manchmal in den Sinn, wenn ich mich in den Zirkeln der zeitgenössischen Musik bewege.

Also ist Engagement oder eben ein Bekenntnis zu etwas vorstellbar?

Es wird nicht immer als plakativen programmatischen Anspruch nach aussen getragen, das ist nicht gemeint, kann aber mitunter gemeint sein. Komponisten wie Luigi Nono oder Klaus Huber oder Jacques Wildberger, die wir im Programm haben, sind ja politische Menschen, die ihre Musik auch in dem Moment wo sie ganz abstrakt komponierten, immer in Bezug auf die Gesellschaft gesehen haben. Caspar Johannes Walter beschreibt seine Musik sehr abstrakt, nimmt jedoch Bezug auf Bernd Alois Zimmermann. Da ist eine Haltung dahinter, die diese Komponisten geprägt hat und die sie dann in ihre Musik einschreiben, ohne dass ein programmatischer Bezug auf einen bestimmten politischen Hintergrund gegeben sein muss.

Darf ich zum Schluss noch ganz simpel fragen, was Ihr Highlight sein wird?

Eine schwierige Frage! Beispielsweise im ersten Konzert war ich auf Jacques Wildberger gespannt. Er wird kaum mehr gespielt, aber es ist wichtig, dass man die Geschichte der Moderne am Leben erhält, und die Interpretation durch das Zürcher Kammerorchester hat tief beeindruckt.

Eröffnungskonzert mit dem Zürcher Kammerorchester

Auf die Heidelberger freue ich mich, weil es ein durchkomponiertes Programm ist. Im Konzert des Tonhalleorchesters freue ich mich auf Stockhausen, zu dem ich ein gespaltenes Verhältnis habe, ich mag die Aussenseiterstücke, weniger die herausragenden Meilensteine. Im Orchesterstück Trans hat er einen Traum eins zu eins in Klänge umgewandelt. Riesig freue ich mich, dass Hans Zender, sofern es gesundheitlich geht, zur Aufführung seines Stücks Issei no kyo mit dem Ensemble Arc-en-Ciel kommt, er ist ein Bekenntnismusiker par Excellence, für den Musik eine ethische Kraft mit einer Aufgabe ist. Ich hörte die Uraufführung 2011, ging zu ihm hin und sagte, das werden wir aufführen. Nun ist es so weit. Auch auf die Nachtkonzerte mit dem Quatuor Diotima und dem Trio Catch bin ich gespannt. Und natürlich hoffe ich auf ein besonderes Erlebnis mit Cardews radikaldemokratischem Stück The Great Learning als letztem der Bekenntnisse und Abschlusskonzert.

Fotos: © E. Caflisch
bis Sonntag, 18. November

Hier geht es zum Programm der Tage für Neue Musik Zürich.
Für die Konzerte gibt es noch Karten.

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