Kolumnen

Auf jedes Wort kommt es an

Von “Wir schaffen das“ bis zu „Somit fusst die ganze Kirche auf einer Täuschung

Manchmal ist es nur ein Wort, das Bedeutung erlangt, manchmal ein kleiner Satz, der gar in die Geschichte eingeht. Als im Sommer 2015 Angela Merkel ein Statement mit dem Satz “Wir schaffen das“ schloss, war ihr sicher nicht bewusst, dass ihre langjährige, ihre bis jetzt 14jährige Kanzlerschaft nie ohne diese Worte beurteilt, nie eine umfassende Analyse ihrer Regierungsarbeit, keine noch so wohlwollende Biografie von ihr je auskommen wird. Der Satz bleibt an ihr haften. Und es ist eigentlich das Wörtchen „das“, welches alles umfasst: über 1 Million Flüchtlinge, es sind Milliarden Euro, die Deutschland jedes Jahr für die Flüchtlinge ausgeben muss, es ist die deutsche Bevölkerung, die die Migranten aufzunehmen, in die Gesellschaft zu integrieren hat. Das Wort führte mit zu massiven Verlusten bei den Bundestags-Wahlen 2017, es spielte eine Rolle bei der schwierigen Regierungsbildung, beim ständigen Zoff mit ihrer Schwesterpartei, der CSU, als nach der Regierungsbildung im Sommer 2018 das Auseinanderbrechen der Koalition mit der SPD, beziehungsweise der CSU nur knapp verhindert werden konnte. Und als nach dem schlechten Abschneiden ihrer Partei bei der Hessen-Wahl im Oktober 2018 ihr nichts anderes übrig blieb, als Parteipräsidentin das Handtuch zu werfen. Wer erinnert sich nicht daran!

Ich lese in einem faszinierenden Bericht „Frohbotschaft statt Drohbotschaft“ in der „Zeit“ den Satz: „Somit fusst die ganze Kirche auf einer Fälschung.“ Ein zusammenfassender Satz, der mich an die Geschichte „Wir schaffen das“ erinnert. Autor ist Franz Alt ,80, ehemaliger Moderator des renommierten deutschen Fernsehmagazins „Report“, katholischer Theologe und Publizist der Bücher „Was Jesus wirklich gesagt hat“ und „Die wichtigsten 100 Worte Jesus“. Alt bezeichnet sich als Jesuaner, nicht als Katholik, nicht als Protestant. Er bezeichnet Jesus als „den wunderbaren Mann aus Nazareth, von dem das Christentum ausging“. Wie kommt er aber zu dieser ultimativen Formulierung, dass die ganze Kirche noch heute auf „einer Fälschung fusst“? Alt widerspricht der These, dass Petrus der Fels sei, auf dem Gott seine Kirche aufbauen wollte. Es sei Gott gewesen, der Jesus, den wunderbaren Mann aus Nazareth, damit gemeint habe. Er soll für die Menschheit schliessen, was und wann er schliessen will, er soll öffnen, was und wann er öffnen will.

Und so stellt sich die bange Frage: Basiert das ganze Brimborium im Vatikan, wenn Papst Franziskus den Segen „Urbi et orbi“ der Stadt und dem Erdkreisrund erteilt, auf einer Täuschung? Für Alt ist klar, dass die Gottesväter der Kirche in all den Jahrhunderten zu 50 Prozent falsche Worte, falsche Sätze verkündeten. Sie hätten es nicht verstanden, auch nicht erfasst, dass Jesus Aramäisch gesprochen habe, die ganze Historie, die Evangelien basierten auf der griechischen Sprache, die Worte Jesus seien aus dem Griechischen in alle Sprachen der Welt übersetzt worden, nie aus der Sprache Jesus. Dabei sei wegen dieser indirekten Übersetzung aus „einem Himmelswort an Jesus ein Wort Jesus an Petrus entstanden“.

War Jesus also der erste Papst oder war es gar Maria Magdalena, die engste Gefährtin Jesus, die von den Gottesvätern so ab den Jahren 300 nach Christus als Prostituierte bezeichnet wurde. Maria Magdalena, die heute von Historikerinnen, von Theologinnen in der ganzen Welt immer stärker ins Zentrum gerückt wird: Als eine vornehme Frau beispielsweise, die aus Magdala stammte, die den Aposteln beistand, sie mit Kleidern und Geld versorgte. Ihr, Maria Magdalena, habe Jesus die Himmelsbotschaft überbracht, wie es im Maria-Evangelium stehe und nicht an Petrus.

„Kirche nein, Jesus Ja“, schreibt Alt. Jesus sei ein Freund der Frauen, ein Freund der Kinder, der Armen, der Schwachen, ein Freund der Suchenden und nicht der Selbstgerechten. „Ich nenne ihn den ersten neuen Mann, weil er Männliches und Weibliches lebte“. Doch die grossen Männerkirchen hätten den Frauenfreund Jesus und damit auch die Frauen klein gemacht. Erst Franziskus scheine nun langsam zu verstehen, was wirklich war. Vor einem Jahr habe er erklärt, dass Jesus der „Fels war und nicht Petrus“. Und Maria Magdalena sei die Apostelin der Apostel gewesen.

Alt hat einen Wunsch: Die Kirchen sollten künftig die Geschichte Jesus, die Worte Jesus aus dem Aramäischen übersetzen, sie sollten die Sprach Jesus lernen und so mehr verstehen. Jeder japanische Germanist würde Goethe selbstverständlich in Deutsch studieren. Und in Deutschland würden immerhin noch 80’000 syrische Christen leben, die diese Sprach noch sprechen.

Wahrlich: Ein einzelnes Wort, ein kurzer Satz kann täuschen, über Jahrhunderte hinweg. Aber für den Weg zur Wahrheit ist es nie zu spät.