Kultur

Aufschrei aus dem Chaos

Die libanesische Regisseurin Nadine Labaki hat mit ihrem Film «Capharnaum – Stadt der Hoffnung» durch die Augen eines Kindes eine provozierende Anklage an die Gesellschaft geschaffen.

Capharnaum ist ein biblisches Fischerdorf am Ufer des See Genezareth, dem einstigen Wirkungsort des biblischen Jesu. Hergeleitet ist das Wort von den Menschenansammlungen vor dessen Haus. Im Film bedeutet das hebräische Wort eine ungeordnete Ansammlung von Menschen und Objekten, ein Chaos. In diesem Sinne diente der Begriff der libanesischen Filmemacherin Nadine Labaki als Inspiration für ihre Geschichte.

In eindrücklichen Bildern erzählt der Spielfilm mit der Authentizität eines Dokumentarfilms von den abenteuerlichen und tragischen Lebensumständen jener, die zwar von einem besseren Leben träumen, doch keine Chance haben, dieses zu erfahren. Mitreissend inszeniert, legt der Film die Mechanismen unglaublicher sozialer Ungerechtigkeit offen und gibt denen eine Stimme, die im Schatten oder im Untergrund leben. «Capharnaum – eine Stadt der Hoffnung» ist mit umfassender Kenntnis der Situation und grosser Empathie realisiert. In Cannes wurde er minutenlang mit stehenden Ovationen gefeiert und gewann den Preis der Festival Jury und der Ökumenischen Jury. Der Libanon schickt ihn ins Oscar-Rennen der besten nicht-englischsprachigen Filme.

Von Nadine Labaki lief in den Schweizer Kinos 2007 der humorvoll poetische Film «Caramel» über die Spiele zwischen Frauen und Männern.

In den Vergnügungspark eingetaucht

Menschlich in einer unmenschlichen Welt

Beirut heute. In einem Gefängnis wird der kleine Zain untersucht. Ein Arzt schaut ihm in den Mund und stellt fest, dass er keine Milchzähne mehr hat, also vermutlich etwa zwölf Jahre alt ist. Eine fünfjährige Haftstrafe hatte er bereits verbüsst, in einem neuen Prozess tritt er auf, um seine Eltern zu verklagen, weil sie ihn in die Welt gesetzt haben und nicht lieben. In Rückblenden erzählt der Film Zains Geschichte: Seine Eltern sind zu arm, um ihn bei der Geburt registrieren zu lassen, also besitzt er keine Papiere und ist seiner Grundrechte beraubt. Doch der Junge ist ein Kämpfer. Geschickt schlängelt er sich durch die Strassen der Stadt. Um seine zahlreichen Geschwister zu ernähren, schleppt er Waren für das Lebensmittelgeschäft ihres unbarmherzigen Vermieters Assaad. Ausgerechnet mit diesem soll seine 11‐jährige Schwester Sahar verheiratet werden. Er setzt er alles daran, um dies zu verhindern. Doch ohne Erfolg. Schliesslich nimmt er Reissaus und versucht, allein zu überleben. In einem Vergnügungspark lernt er die Flüchtlingsfrau Rahil kennen. Diese bietet ihm Obdach, wenn er dafür ihren einjährigen Sohn Yonas hütet. Als sie aber eines Abends nicht mehr heimkehrt – sie ist im Gefängnis gelandet – nimmt sich Zain liebevoll des Kleinen an.

Nach intensiven Recherchen blickt die Filmemacherin Nadine Labaki auf die oft verborgene Welt der Strassenkinder und rückt sie ins Zentrum. Dabei stechen die aussergewöhnlichen schauspielerischen Leistungen der Laiendarsteller hervor, vor allem die von Al Rafeea, der die Hauptperson verkörpert. Entstanden ist mit «Capharnaum – Stadt der Hoffnung» ein humanistisches Dokument, ein provozierendes Meisterwerk, vergleichbar mit Werken des italienischen Neorealismus.

Kinder arbeiten in den Strassen Beiruts

Stadt der Hoffnung? Stadt der Hoffnung wider alle Hoffnung?

Gegen Schluss intensiviert sich die Auseinandersetzung um das Grundmotiv, das Thema des Filmtitels: «Ich will meine Eltern verklagen, weil sie mich in die Welt gesetzt haben», schwört Zain. – «Ich lebe in der Hölle», bekennt er an anderer Stelle. – Wiederholt fordert er: «Ich möchte, dass sie aufhören, Kinder zu kriegen!» – Dann aber lächelt Zain im Schlussbild, das zum Stehbild wird, scheu in die Kamera; er wird für eine ID, die er zum Ausreisen braucht, fotografiert. – Und kurz davor bringt eine Helferin den kleinen Yonas seiner Mutter Rahil zurück.

Ich kann mir kaum ein intensiveres und aufwühlenderes Hin-und-Hergerissen-Werden zwischen Hoffnung und Hoffnungslosigkeit vorstellen, als es Nadine Labaki mit «Capharnaum – Stadt der Hoffnung» inszeniert hat. Ähnlich geht es wohl den meisten Zuschauerinnen und Zuschauer: angesichts der Filmgeschichte, aber auch angesichts der Situation in der Welt, an die immer wieder erinnert wird.

Zain, der Hauptdarsteller, Nadine Labaki, die Regisseurin

Aus einem Interview mit Nadine Labaki 

Warum haben Sie Ihrem Film den Titel «Capharnaum» gegeben?

Der Titel hat sich ergeben, ohne dass mir das wirklich bewusst war. Als ich angefangen hatte, über den Film nachzudenken, hat mein Ehemann Khaled vorgeschlagen, dass ich all die Themen, die ich ansprechen will, all die Obsessionen, die mich zu der Zeit beschäftigt haben, auf eine Tafel in der Mitte unseres Wohnzimmers schreibe. So verfahre ich meist mit den Ideen, die ich entwickeln will. Beim Blick auf diese Tafel einige Zeit später sagte ich zu Khaled: In Wahrheit ergeben all diese Themen ein Capharnaum, ein Chaos.

Sehen Sie Ihren Film als Dokumentarfilm an?

«Capharnaum – Stadt der Hoffnung» ist Fiktion, mit all den Elementen, die ich während meiner Recherchen erlebte und deren Zeugin ich wurde. Nichts entstammt der Fantasie, ist erfunden. Im Gegenteil: Was Sie sehen, ist das Ergebnis meiner Besuche in armen Gegenden, Besserungsanstalten und Jugendgefängnissen, die ich allein aufgesucht habe, versteckt hinter Sonnenbrille und Hut. Ich habe drei Jahre lang für den Film recherchiert, denn ich musste darüber Bescheid wissen, was ich selbst nicht erlebt habe. Die Dreharbeiten fanden in den Armenvierteln statt, zwischen Mauern, die gleiche Tragödien gesehen haben. Mit einem Minimum an Schauspielern, die angehalten waren, einfach sie selbst zu sein. Ihre Erfahrung floss in die Arbeit ein. Deshalb dauerten die Dreharbeiten ganze sechs Monate, und wir hatten am Ende 520 Stunden Filmmaterial.

Was wollen Sie im Idealfall mit dem Film erreichen?

Der ultimative Traum wäre, dass die, die in der Verantwortung stehen, Gesetze und Strukturen schaffen, um schlecht behandelte und vernachlässigte Kinder zu schützen. Um diesen Kindern, die nichts anderes sind als Gottes Wille oder die Frucht eines sexuellen Drangs, eine Art Unantastbarkeit zu geben.

Regie: Nadine Labaki, Produktion: 2018, Länge: 127 min, Verleih: filmcoopi

Ab 10. Januar im Kino. In Zusammenarbeit mit Terre des hommes findet am Sonntag, 13. Januar um 13:00 Uhr, im Kino Kosmos in Zürich eine Spezialvorstellung und anschliessend ein Gespräch mit dem Journalisten und Terre des hommes-Botschafter Xavier Colin statt.