Kultur

Das Phänomen Cecila Bartoli

Seit 30 Jahren singt die weltberühmte Belcantistin Cecila Bartoli immer wieder im Zürcher Opernhaus. Das ist mehr als ein Glücksfall, den es zu würdigen gilt.

Jedes Jahrhundert zählt eine Handvoll Jahrhundertstimmen, zu denen im Belcanto-Genre nach Maria Callas auch Edita Gruberova und Cecilia Bartoli gehören. So wie bei den Heldentenören auf Enrico Caruso Luciano Pavarotti und Placido Domingo folgten. Trotzdem ist das italienische Vollblut, die Koloratur-Mezzosopranistin Bartoli, in mehrfacher Hinsicht eine singuläre Ausnahmeerscheinung.

Ihre Eltern waren beide Opernsänger. Schon früh erkannte ihre Mutter das Talent der Tochter, die bereits mit neun Jahren den Hirtenknaben aus Puccinis „Tosca“ sang. Mit 19 debütierte sie in ihrer Heimatstadt Rom im „Barbiere di Siviglia“ als Rosina. Ihr Auftritt 1988 an einer Hommage für Maria Callas an der Pariser Oper verschaffte ihr den Durchbruch. Karajan wurde auf sie aufmerksam, danach wurde sie von Daniel Barenboim und insbesondere Nikolaus Harnoncourt gefördert. Zürich wurde damit ab 1989 zur Wiege Cecilias im legendären Mozart-Zyklus unter dem kongenialen Gespann Jean-Pierre Ponnelle/Harnoncourt. Die Liebe zu Zürich fand im Schweizer Bass-Bariton Olivier Widmer auch ihren Ehemann, mit dem sie am Zürichsee eine Bleibe geschaffen hat, von der aus sie ihre internationalen Kreise zieht.

Marijana Mijanović, Isabel Rey und Cecilia Bartoli (v.l.) in der magistralen Wiedergabe von Händels „Il trionfo del tempo e del disinganno“, 2003 / Fotos © Opernhaus Zürich

Cecilia Bartolis Archivsuche nach verborgenen Schätzen

Dazu zählt ihre akribische Archivsuche in Italien nach fast verschollenen Quellen, so z.B. nach Partituren, mit denen die Kastraten Farinelli, Seresino und Caffarelli im 16. Jahrhundert Kultstatus gewannen, belegt auf ihrem Album „Sacrificium“. Aber auch Recherchen in Russland führten zum Album „St. Petersburg“, wo Bartoli lange verborgene Schätze wieder entdeckte und zum Klingen brachte. Dabei ist es nicht unerheblich, dass damals in Russland viele italienische Komponisten im 18. Jahrhundert musikalische Pionierarbeit leisteten und den Spürsinn der Künstlerin beflügelten.

Cecilia Bartoli in der umwerfenden Spiegelarie von Händels „Semele“ im Zürcher Opernhaus

Intendantin der Salzburger Pfingsfestspiele

Seit 2012 fungiert die umtriebige Cecilia Bartoli auch als Intendantin der Pfingstfestspiele in Salzburg, wo sie jährlich in einem hochkarätigen Programm alles versammelt, was im Umfeld der Barock-Spezialisten Rang und Namen hat. Vom 7.-10. Juni 2019 gilt ihr Augenmerk dem Andenken an die Kastraten und ihrer Gesangskunst, wobei in Erinnerung gerufen werden soll, dass man damals „im Namen der Kunst Tausende von Knaben verstümmelte, mit dem profitablen Nebeneffekt, dass ihre Lust gedämpft wurde. Genau wie heute missbrauchten Menschen ihre Machtposition unter dem Vorwand, hilflosen Kindern eine berufliche Zukunft zu bieten.“

Im Mittelpunkt werden Händels Oper „Alcina“, ergänzt durch Porporas „Polifemo“, Caldaras „La morte d’Abel“, ein Galakonzert „Farinelli &Friends“ und geistliche Werke von Pergolesi und Palestrina u.a. erklingen.

Zürich und Bartoli – eine musikalische LIebesbeziehung

Dass „La Bartoli“ zu ihrem 30-Jahrjubiläum den Zürcher Opernfreunden die Wiederaufnahme von Händels Opern-Oratorio „Semele“ schenkte, ist kein Zufall. Die Hauptrolle ist ihr auf Leib und Kehlkopf komponiert, die Inszenierung von Robert Carsen von grosser Stimmigkeit und filigraner Ästhetik. Und dass William Christie mit dem Orchestra La Scintilla vortrefflich harmonierte, durfte der Zuhörer gleichsam seiner schmunzelnden Charmeoffensive abgewinnen. Die Wahl von La Scintilla darf man aber auch als Hommage an Nikolaus Harnoncourt betrachten, ohne den es das auf historische Aufführungspraxis spezialisierte Ensemble nicht gäbe. Es gibt meines Wissens weltweit kein einziges Opernhaus, das sich mit diesen authentisch und inspiriert Musizierenden messen könnte. Sogar Salzburg schert sich diesbezüglich einen Deut um Harnoncourts Erbe. Weshalb eigentlich?

 

„Cenerentola“ mit v.l. Roberto Saccà, Elena Mosuc, Liliana Nikiteanu und Cecilia Bartoli, 1994

Nicht genug damit, bescherte der Weltstar dem Internationalen Opernstudio auch noch ein Benefizkonzert, denn die Nachwuchsförderung ist Cecilia Bartoli ein Herzensanliegen. Keine Diva wollte sie sein, nein, sie lud verheissungsvolle junge Stimmen – so Huw Montague Rendall, Dean Murphy, Sinead O’Kelly und Justyna Bluj aus dem Opernstudio – in einen bunten Reigen von Vivaldi, Händel, Mozart, Verdi und – natürlich – Rossinis „Cenerentola“ ein und entzückte das volle Haus auf eine Weise, wie es nur diese begeisternde Künstlerin vermag. Das Tüpfelchen auf dem „i“ war dann noch Javier Camarena, auch er heute ein weltweit gefeierter Tenor, der seine solistische Wiege ebenso in Zürich hatte. Gianluca Capuano versteht sich als versierter Dirigent Alter Musik und begeisterte ebenso. Denken wir nur an die hinreissende Arienzugabe „Lascia la spina“ aus Händels „Trionfo“. Keine Stecknadel hörte man fallen, es war magisch.

Was ist denn eigentlich das Geheimnis ihrer kontinuierlichen Beziehung zum Opernhaus Zürich? Hier ihre Antwort: „Ich hatte damals (unter Christoph Groszer und Alexander Pereira) sofort das Gefühl, in eine grosse Familie aufgenommen zu werden. Obwohl ich selbst in einem Opernhaus aufgewachsen bin, fühlte sich das in Zürich völlig anders an. Die Oper schien und scheint das eigentliche Zuhause der Musiker zu sein. Die Menschen, die hier arbeiten, brennen für dieses Haus, identifizieren sich mit ihm bis zur Selbstaufgabe. Das erscheint mir bis heute immer wieder einzigartig.“ Dem ist nichts beizufügen.

 

Das Schweizer Fernsehen zeigt am Sonntag, 13. Januar, 11.55 (mit Wiederholung um 23.00) ein Porträt der Ausnahmekünstlerin unter dem Titel: „Cecilia Bartoli&Friends – eine Diva im Dienst der Rolle.“