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Anschauungsunterricht

Wenn das britische Unterhaus sein wahres Gesicht zeigt, Schüler demonstrieren oder die Arena moderieren

Vor wenigen Minuten sind die 650 Parlaments-Mitglieder des House of Commons in den schlauchähnlichen Raum des britischen Unterhauses hereingeströmt, dicht an dicht sitzen sie auf den grünen Bänken, viele stehen in grossen Gruppen zusammen. Lange nicht alle haben einen Sitzplatz. Die Premierministerin und ihr Widerpart, der Oppositionsführer, sitzen einander gegenüber, nur durch die beiden Redneraufbauten getrennt. Da schreit einer, knapp durch die Kamera erfassbar, das Abstimmungsresultat in den prall gefüllten Raum des Britischen Unterhaues: „432 Abgeordnete stimmten mit Nein, 202 mit Ja; sie haben damit das Brexit-Abkommen klar abgelehnt».

Jubel bricht auf, die Parlamentarier purzeln beinahe über- und durcheinander. Sofort erhebt sich Theresa May, mit gebeugtem Rücken, mit grosser Besorgnis, mit einem verzweifelten Blick nimmt sie das Resultat zur Kenntnis und macht sofort deutlich, dass sie trotz dieser krachenden Niederlage nicht aufgeben will. Jeremy Corbyn, der Mann vis-à-vis, der Oppositionsführer, schnellt hoch, aufrecht und unerbittlich fordert er den Ausschluss eines No-Deal-Szenarios, was May sofort als eine «unmögliche Bedingung» ablehnt. Nun kommt wieder der Mann ins Bild, der das Parlament beherrscht: John Simon Bercow, Mitglied der Konservativen Partei. Seit 2009 ist er Sprecher des hohen Hauses. Ein Mann, der knallhart durchgreifen, der Parlamentarier beinahe zügellos zurechtweisen kann und damit die Boulevard-Presse zu faszinieren vermag, denn seine bunten Krawatten, mit Blümchen geziert, seien nicht nur kurios, sondern geradezu ein Markenzeichen.

Ohne Brexit wäre uns das britische Parlament nicht immer wieder so hautnah, so direkt vorgeführt worden. Und so wären auch nicht sofort Fragezeichen aufgeblitzt: Wo ist der elegante, der distinguierte Brite geblieben? Kann in diesem prall gefüllten Unterhaus überhaupt gedacht, vernünftig politisiert werden? Wer herrscht nun eigentlich in Grossbritannien, das Parlament oder die Premierministerin, die die Agenda diktiert, oder ist es der Sprecher, der alle dominiert? Exekutive und legislative Kompetenzen vermischen sich offensichtlich im britischen Politikbetrieb. Hat es gar systemische Gründe, dass die Briten zurzeit mit Europa weder ein noch aus wissen? Sie wissen zwar immer, was sie nicht wollen. Für das, was sie aber wollen, finden sie schlicht den Weg nicht.

Weit klarer sehen das die jungen Menschen, die SchülerInnen, die europaweit und immer zahlreicher streiken und auf die Strasse gehen. Sie wissen, was sie wollen: eine Klimapolitik, die sofort greift, die zu wirken im Stande ist. Sie wollen, dass die Politiker nicht nur reden, sondern endlich und tatsächlich handeln. Und den Punkt auf den Buchstaben i setzte die Jugendarena am letzten Freitag im Schweizer Fernsehen. Es war endlich wieder mal eine Arena, die zu schauen sich lohnte. Die drei jungen „ModeratorInnen“ waren perfekt vorbereitet, hatten den Mut, rechtzeitig einzuschreiten, wenn die gestandenen Politiker ihre abgedroschenen Argumente nicht zu beenden vermochten, immer noch ein weiteres Argument nachzuschieben versuchten. Sie stellten kurze, unmissverständliche Fragen. Sie hakten nach, wenn die PolitikerInnen nicht darauf eingingen. Und plötzlich konnte man als Zuschauer feststellen, dass beispielsweise SVP-Nationalrätin Barbara Steinemann ihre stets strenge Partei-Position zu relativieren begann, anzupassen versuchte, um beim Klimawandel nicht als Problemverdrängerin dazustehen. Auch SP-Nationalrat Fabian Molino passte sich an, nutzte zwar den ihm zugestandenen Raum, unterzog sich dem Konzept und verzichtete weitgehend auf das sonst so „geliebte Dreinreden“. Wenn alle im Nachhinein ihr angenehmes, sittsames Verhalten als Respekt den Jungen gegenüber bezeichneten, kam dabei mehr zum Ausdruck: nämlich eine spürbare Verunsicherung. Hatten sie den Ansprüchen der jungen Moderatorinnen auch entsprochen?

Übriges, und so schliesst sich der Kreis: In Grossbritannien stimmten die unter 30- Jährigen in der Mehrheit gegen den Brexit.

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