Kultur

Leben und lieben in Kenya

Die Teenager Kena und Ziki im Spielfilm «Rafiki» von Wanuri Kahiu streiten, lachen, feiern und lieben sich, was hier wie dort Freude, Lust oder Protest, Gewalt oder Hoffnung auslöst.

Kena und Ziki wohnen im selben Quartier der Hauptstadt Nairobi, laufen sich täglich über den Weg und sind wohl schon länger aufeinander aufmerksam geworden. Doch sie bewegen sich in verschiedenen Kreisen und haben vordergründig wenig gemeinsam. Kena ist zurückhaltend, hilft dem Papa im Laden und konzentriert sich darauf, gute Noten zu erhalten, damit es ihr einmal fürs Medizinstudium reicht. In der Freizeit hängt sie mit den Jungs herum, von denen mindestens einer auch ein Auge auf sie geworfen hat: «Aus dir wird mal eine gute Ehefrau. Darum mag ich dich.» Daneben wirkt sie als Vermittlerin zwischen ihren getrennt lebenden Eltern. Ziki hingegen ist wild und extrovertiert, tanzt auf den Strassen und fällt mit ihren langen Haaren, dem schrillen Lippenstift und den bunten Kleidern auf. Der Zufall will es, dass ausgerechnet die Väter der beiden Mädchen bei Wahlen als Kandidaten gegeneinander antreten. Doch das wird nicht das grösste Hindernis ihrer eben erwachten jungen Liebe sein.

Die erste grosse Liebe geht ja meist mit einer grossen Portion naiver Unschuld einher. Nicht so in «Rafiki»: Die beiden Mädchen machen sich schuldig, sobald sie beginnen, ihren Gefühlen nachzugeben. Denn sie leben in einem Land, in dem gleichgeschlechtliche Liebe verboten ist, bei Missachtung des Gesetzes eine Haftstrafe bis zu vierzehn Jahren verordnet werden kann – ein Vermächtnis der britischen Kolonialherrschaft. Und Kenia weiss sich in guter Gesellschaft: Laut Amnesty International ist Homosexualität in insgesamt 38 afrikanischen Ländern verboten.

Zarte Annäherung der jungen Frauen

Was zeichnet «Rafiki» aus?

1980 in Nairobi geboren, gehört Wanuri Kahiu, die Regisseurin von «Rafiki«, zur neuen Generation afrikanischer Geschichtenerzählerinnen. Ihre Filme bekamen internationale Anerkennung und wurden weltweit auf zahlreichen Festivals gezeigt. Bis heute hat sie sechs Filme realisiert. «Rafiki» ist ihr zweiter Spielfilm, der in Cannes in der Section «Un certain regard» lief. Der Film basiert auf der Kurzgeschichte «Jambula Tree» der ugandischen Schriftstellerin Monica Arac de Nyeko und wird untermalt von einem Soundtrack mit wuchtigen Beats aus der aktuellen kenianischen Musikszene.

Nicht jeder Film, der von zwei ausgeflippten Girls handelt, verdient automatisch besondere Aufmerksamkeit. «Rafiki» schon. Und dies aus zwei Gründen. Es scheint mir kulturell und politisch wichtig, dass auch bei Filmen aus Afrika nicht ausschliesslich das arme, ausgebeutete, von Kriegen zerstörte und korrupte Afrika gezeigt wird. Dann ist es die Situation der Liebe homosexueller und lesbischer Menschen, die auch in diesen Ländern mehr und mehr aus dem Untergrund an die Oberfläche kommt, hier aber mit allen Mitteln verboten, diskriminiert und bestraft wird, vor allem in den Ländern mit mehrheitlich muslimischen oder evangelikal christlichen Gläubigen.

Ziki (l) und Kena im Konflikt und den Eltern

Aus einem Interview mit der Regisseurin Wanuri Kahiu

Was war der Ausgangspunkt zu «Rafiki»?

Ich war bereits ein Teenager, als ich zum ersten Mal einen Film über junge verliebte afrikanische Paare sah. Davor hatte ich noch nie sich öffentlich küssende Afrikanerinnen gesehen. Ich erinnere mich noch an die Überraschung und den Nervenkitzel, wie der Film meine Vorstellung von Romantik durcheinandergebracht hat. Bis dahin war Zärtlichkeit den Ausländern vorbehalten, war nichts für uns. Dass es für Afrikaner/-innen plötzlich normal sein sollte, auf der Leinwand Händchen zu halten und sich zu küssen, war eine erstaunliche Vorstellung. Jahre später, als ich «Jambula Tree» von Monica Arac de Nyeko las, wurde ich wieder ähnlich überrascht. Die Romantikerin in mir wollte die zarte Verspieltheit der Mädchen dieser Geschichte zum Leben erwecken, und als Filmemacherin war es mir wichtig, eine schöne afrikanische Liebesgeschichte zu erzählen.

Wofür steht der Titel?

«Rafiki» bedeutet Freund auf Suaheli. Wenn zwei Kenianer/-innen eine gleichgeschlechtliche Beziehung führen, haben sie keine Möglichkeit, ihre Partner, Liebhaber, Ehemänner oder Ehefrauen so vorzustellen, wie sie es sich wünschen, stattdessen nennen sie sie Rafiki.

Wie haben Sie es geschafft, solch intimen Szenen zu gestalten?

Die Erfahrung, die wir vermitteln wollten, ist die unglaublich sanfte, aber auch unbeholfene Neuheit der ersten Liebe und die Bereitschaft, alles zu riskieren und diese Liebe zu wählen. Um das zu erreichen, liessen wir Momente unangenehmer Stille zu, hielten Blicke aus, improvisierten Dialoge sowie Bewegungen zwischen Kena und Ziki.

Die Geschichte ist in Nairobi angesiedelt. Wie haben Sie die Orte ausgewählt?

Wir haben den Film in einem lebendigen, beschwingten Viertel von Nairobi gedreht. Als wir entschieden hatten, in welcher Umgebung wir drehen würden, schrieben wir das Drehbuch neu, um es den Orten anzupassen. Wir wählten eine grosse Wohnsiedlung mit Kirchen, Schulen und Geschäften innerhalb einer Ringmauer, die sich auf der einen Seite zu einem Damm öffnet. Es ist ein Ort, an dem jeder jeden kennt, Privatsphäre ein Luxus ist. Wir wollten auch, dass die Bevölkerung im Film einen Querschnitt der Menschen in Nairobi widerspiegelte, vom Boda boda (Motorradfahrer) über konkurrierende Politiker bis hin zu klatschenden Kioskbesitzerinnen. Die Nachbarschaft in ihrer hellen, lauten, aufdringlichen Art und Weise war die perfekte Gegenwelt zu den ruhigen, intimen, geheimen Räumen, welche die Mädchen für sich zu schaffen versuchten.

Möchten Sie mit Ihrem Film eine Botschaft vermitteln?

Einen Film über zwei junge verliebte Frauen zu drehen, stellt in Ostafrika die Menschenrechtsfrage bezüglich gleichgeschlechtlicher Beziehungen in höchstem Masse infrage. Während den letzten fünf Jahren der Entstehung dieses Films haben wir besorgniserregende Entwicklungen im Anti-LGBT*-Klima gesehen. Lokale Filme und internationale Fernsehsendungen wurden wegen LGBT-Inhalten verboten. Dies hat die Gespräche über die LGBT-Rechte gedämpft und den Rahmen der Meinungsfreiheit eingeschränkt. Meine Hoffnung ist es, dass der Film als eine Ode an die Liebe, deren Verlauf nie reibungslos ist, betrachtet wird und als eine Botschaft der Sympathie und Unterstützung für jene unter uns, die zwischen Liebe und Sicherheit zu wählen haben. Möge dieser Film schreien, wo die Stimmen zum Schweigen gebracht wurden.

* LGBT ist eine aus dem englischen Sprachraum kommende Abkürzung für Lesbian, Gay, Bisexual and Transgender, also Lesben, Schwule, Bisexuelle und Transgender. Wikipedia

Titelbild: Kena (l) und Ziki im Taumel ihrer Gefühle 

Regie: Wanuri Kahiu, Produktion: 2018, Länge: 82 min, Verleih: trigon-film

Ab 31. Januar im Kino