Kultur

Skurriler Totentanz um den Weltuntergang

Györgi Ligetis Oper „Le Grand Macabre“ gilt als wegweisend für das zeitgenössische Musiktheater der letzten 50 Jahre. Musikalisch trifft das zu, szenisch ist es aber Schnee von gestern.

1978 erlebte Stockholm die Uraufführung und in der Spielzeit 1991/92 versuchte sich das Opernhaus Zürich erstmals am Stoff. Und nun also ein Remake, mit dem man überprüfen konnte, ob die Lorbeeren inzwischen vergilbt sind oder die Oper nichts an Bedeutung eingebüsst hat.

Die Todessymbolik ist so alt wie das Theater selbst. Und die allegorische Darstellung des Todes als Sensenmann ist auf den Bühnen seit dem Mittelalter mit seinem „memento mori“ so symbolbehaftet wie das Kreuz und die Sanduhr. Der ewige Gegensatz von Diesseits und Jenseits wird durch die Vanitas, also die Vergänglichkeit, in mahnend-drohender oder tröstend-heilsversprechender Weise als dräuende ewige Gewissheit evoziert. Das Grosse Welttheater von Calderon, das ins 17. Jahrhundert zurückreicht und uns in der Einsiedler Fassung bestens vertraut ist, und Hofmannsthals „Jedermann“ sind zwei der bekanntesten Mysterienspiele, in denen der Tod Rechenschaft über unser Treiben verlangt.

In der Fassung Ligetis nach Michel de Ghelderodes „La Balade du Grand Macabre“ hat aber das letzte Stündlein der Menschheit von Anfang an geschlagen, denn Nekrotzar, der Grosse Makabre, verkündet gleich zu Beginn den Weltuntergang im Breughelland. Ein munteres Völklein, dem ausschweifenden Lebenswandel zugetan, kann Gevatter Tod aber durch üppiges Besäufnis von seiner Prophezeihung so lange abhalten, bis alle in den Chor einstimmen können: „Fürchtet den Tod nicht, gute Leut! Irgendwann kommt er, doch nicht heut! Und wenn er kommt, dann ist’s soweit…Lebt wohl so lang in Heiterkeit!“

Nekrotzar (Leigh Melrose) mit seinen Opfern Astradamors (Jens Larsen) und Piet von Fass (Alexander Kaimbacher) / Fotos © Herwig Pammer

Ligetis Anti-Anti-Oper als groteskes Kasperlitheater

Ligeti versteht seine Oper als Groteske, und die Mittel dazu entleiht er der Nonsens-Parodie, dem Slapstick und dem absurden Theater der Surrealisten und Dadaisten. König Ubu („Ubu roi“) von Alfred Jarry scheint förmlich Pate zu stehen, doch diese Theaterästhetik ist ein Déjà-vu seligen Andenkens, das sich schon in den siebziger und achtziger Jahren totgelaufen hat. Sie steht im krassen Gegensatz zur unglaublich suggestiven und hochkomplexen Musik, die so geistreich und frisch tönt wie am ersten Tag. Und das ist das eigentliche Dilemma dieses Werks, zumal es Tatjana Gürbaca fast ohne Biss inszeniert hat. Es fehlt bei den meisten Darstellern an Ecken und Kanten und verliert sich in ein paar eher biederen Einfällen, die weder träf noch überraschend sind.

In eine mausgraue Schuhschachtel (Bühnenbild Henrik Ahr) senkt sich eine Kreuzung aus Zeppelin und Mesoscaph ins alberne Treiben, dem der halbnackte Nekrotzar den Garaus machen will. Aber wie Chefdramaturg Claus Spahn in seinem lesenswerten Programmtext moniert, ist er eigentlich nur ein Prahlhans, der zwar in den bodenlosen Abgrund eines Narrenhauses blicken lässt, aber von Ligeti als apokalyptischer Albtraum der Lächerlichkeit anheim fällt, was zweifellos auch dem Wahnsinn seiner tragischen Biographie geschuldet ist.

Fürst Gogo (David Hansen) und Astradamors (Jens Larsen) vor dem Zeppelin

Bei allen Vorbehalten, musikalisch ist die Umsetzung von beeindruckender Qualität. Der für den erkrankten Fabio Luisi eingesprungene Spezialist fürs Zeitgenössische, Tito Ceccherini, hält den immensen Orchesterapparat (mit irrlichternem Schlagwerk von Autohupen über Sirenen bis zu Entenquaken) mit phänomenaler Übersicht zusammen. Die eklektischen Einsprengsel aus Opern von Monteverdi bis Strawinsky sind hintersinnig virtuos, da kann die Bühne szenisch einfach nicht mehr mithalten.

Umso bravouröser ist das gesangliche Resultat: allen voran die Venus von Eir Inderhaug mit stimmlich markdurchdringender Geilheit. Mit Piet vom Fass (Alexander Kaimbacher) , eine Art Leporello der Sonderklasse. Mit dem schwadronierenden Astradamors (Jens Larsen) und dem liebesverzückten Paar Amanda und Amando (Alina Adamski und Sinéad O’Kelley aus den Opernstudio). Natürlich auch mit dem Untergangspropheten Nekrotzar (Leigh Melrose), mit Fürst Gogo (David Hansen) und dem Laurel und Hardy-Zweigespann Oliver Widmer und Martin Zysset. Nicht zu vergessen der von Ernst Raffelsberger beherzt einstudierte, schwierige Chorpart. Für einmal also mehr Ohren- als Augenweide, eine geballte Ladung monströser Musik, die man sich nicht entgehen lassen sollte.

 

Weitere Vorstellungen: Februar 7, 10, 13, 16, 21, 24, März 2