Kolumnen

Wenn Schülerinnen und Schüler politisieren...

…geraten Politikerinnen und Politiker in die Defensive.

 

Was die Politikerinnen und Politiker jedes Jahr am 1. August leidenschaftlich und mit Inbrunst fordern, ist eingetreten: Die jungen Menschen mischen sich lautstark ein, machen, wie von ihnen gefordert, Politik und lehren dabei die Parteien das Fürchten. Sie gehen zu Tausenden in der Schweiz, zu Hundertausenden in der ganzen Welt auf die Strasse. Sie kümmern sich um ihre Zukunft, wollen jetzt und nicht in ferner Zukunft lösen, was jetzt und sofort gelöst werden soll: Stopp dem Klimawandel. Sie wollen den „Klima-Notstand“ ausrufen, wollen bis ins Jahr 2030 umgesetzt haben, was die Politik erst 2050 umgesetzt haben will.  Sie wollen den Politikerinnen und Politikern Beine machen, sie zum Handeln bewegen.
In der letzten Arena sitzen die jungen Menschen, die engagierten Aktivisten, aber wie Angeklagte zusammengepfercht auf einer Bank. Vorne an den begehrten Stehpulten, in der ersten Reihe, sind es wichtige Männer aus Politik und Wirtschaft, die gestenreich das Wort führen und alles, aber auch alles zu relativieren versuchen, Sachzwänge vorschieben, nicht verstehen wollen, was für die jungen Menschen auf dem Spiel steht: eine lebenswerte  Zukunft. Es ist die bis jetzt praktizierte Form der Arena: die Wichtigen vorne, die Unwichtigen als „Beigemüse“ hinten auf den Bänken.

 

Doch die jungen Schülerinnen und Schüler ergriffen die Chance, liessen sich nicht abwimmeln. Im Gegenteil: Sie mischten sich in die Voten der Herren vorne ein, unterbrachen sie wortgewandt, argumentierten sachbezogen, kompetent und gestenreich, aber herausfordend. Sie überforderten damit ihre Kontrahenten in der ersten Reihe. SVP-Nationalrat Claudio Zannetti geriet gar ausser sich, als er zweimal mit dem Votum „Sie nehmen uns nicht ernst“ konfrontiert wurde. Entnervt rief er in das grosse Studio: „Panik, Panik. Panikmache…. Angstmacherei“, wendete sich ab und grollte. Zur Sache hatte er wenig beizutragen; seine Partei wird durch diese Frage künftig wohl an Stimmen verlieren. Hans Ulrich Bigler, FDP-Nationalrat, immer etwas sauertöpferisch wirkend, unterschied sich markant von seinen bürgerlichen Kollegen. Zumindest sachkundig, verständnsivoll und vor allem unaufgeregt ging er auf die Argumente der jungen Menschen ein, obwohl auch er meinte, nicht darum herumkommen zu können, immer wieder auf die Realität zu verwiesen, die das schnelle Vorgehen eben gar nicht zulasse. Und der Wirtschaftsvertreter Jean-Philippe Kohl vom Industriedachverband Swissmem meinte es, gönnerhaft von oben herab, gut mit den Schülerinnen und Schülern, als er sich als Berufsberater gebärdete und sie dazu animierte, künftig technische Berufe zu wählen, um so künftig einen Beitrag zum Umweltschutz zu leisten.

 

Selbst der sozialliberale CVP-Politiker Stefan Müller-Altermatt konnte sich aus seiner Umklammerung als Gemeindepräsident nicht lösen und argumentierte mit Sachzwängen, die nicht zu übersehen seien. Älteren Menschen, die in einem eigenen Einfamilienhaus wohnten, könne beispielsweise nicht zugemutet werden, dass sie ihre Ölheizung gegen eine umweltverträglichere Lösung eintauschten; sie hätten schlicht das Geld nicht dafür. Da hatte Regula Rytz, die grüne Parteipräsidentin und einzige Frau im zweiten Teil der Sendung, vorne stehend, ein leichtes Spiel. Sie gratulierte den jungen Aktivistinnen und Aktivisten und verwies auf ihre Partei, die schon immer sagte, was jetzt zu passieren hat: „Klima-Notstand.“

 

Waren es bei der 68iger Revolte, bei den Ereignissen in den 80iger Jahren meistens bärtige Aktivisten, die alternativ nachlässig daherkamen, militant, gar gewalttätig auftraten, sind es jetzt gut angezogene, unaufgeregte, gar höfliche Schüler und Schülerinnen, selbst aus Gymnasien vom Züriberg, die das Zepter führen, die informiert, kompetent ihre Argumente vortragen. Und ihnen folgen immer mehr, auch auf die Strasse, nicht nur Studenten und Erwachsene, nicht nur Eltern, auch Grosseltern, eine starke Wählerschaft. So zogen am letzten Freitag, trotz garstigem Wetter, bunt und generationengemischt über 10`000 Protestierende durch die Zürcher Innenstadt. Rhythmisch stiessen sie ihre Schirme in der Höhe und skandierten: „Klima-Notstand jetzt“.

 

Diese Schülerinnen und Schüler sind für die aktiven Politikerinnen und Politiker eine bis jetzt ungeahnte, neue Herausforderung. Die bis jetzt gestandenen und erfolgsverwöhnten Politikerinnen und Politiker, Experten und Wirtschaftsleute können mit ihren wohlüberlegten Stehsätzen und Argumentationsketten, in Medientrainings angeeignet, nicht mehr landen. Sie müssen lernen zuzuhören, müssen lernen, auf die Argumente der jungen Leute einzugehen, müssen lernen, aus den gängigen Politmustern auszuscheren. Sie haben innovative Lösungsansätze in die Parlamente einzubringen. Sie haben schlicht mehr zu wagen. Denn eines ist sicher: Sie werden künftig weit stärker beobachtet und daran gemessen, was sie in ihren Funktionen wirklich leisten: Für oder gegen die Umwelt. Bereits im Wahljahr 2019 wird das für sie eine besondere Herausforderung. Und später erst?