Kolumnen

Ein Lob dem Vierkantschlüssel

Das waren noch Zeiten, als Kondukteure in den SBB-Wagen mit einem Vierkantschlüssel Türen deblockierten. Und heute? Die Software muss es richten  – mit verheerenden Konsequenzen.

Im Internet ist ein Wagenschlüssel vierkant SBB CFF FFS für Fr. 25.- zu erstehen. Damit haben Generationen von Kondukteuren in Nullkommanichts Zugangstüren geöffnet und geschlossen. Nostalgie hin oder her, heute stehen die Vorortszüge – z.B. im Nadelör Zürich Stadelhofen – in der Warteschlange und verursachen ein Verkehrschaos, bis das Softwareproblem der störrischen Tür bzw. „der Schaden am Zug oder der Bahnanlage“ behoben ist. Kaum ein Zug der SBB fährt noch ohne Kleber, der auf verrammelte Türen hinweist.

Gravierender sind aber jüngste Entwicklungen: 1,9 Milliarden Franken zahlen die SBB für 62 Doppelstockzüge des kanadischen Konzerns Bombardier. Die Investition ist bis jetzt ein einziges Debakel. Die FV-Dosto, eine Abkürzung für Fernverkehrs-Doppelstockzüge, sind zum grossen Sorgenkind geworden. Zwei Drittel aller Störungen betreffen die Türen, die Software der Leittechnik sowie den Antrieb. Die Pannen sorgen für Verspätungen und Ausfälle. „Zudem stimmt die Laufruhe in langsamer Fahrt nicht. Wenn die Züge zum Beispiel mehrere Weichen überqueren, geraten sie ins Wanken. Passagiere im oberen Stockwerk erleben dann eine Schrecksekunde. Es entsteht das Gefühl, der Zug könnte kippen.“

Nun scheint die Software-Problematik auch noch zum Gerichtsfall zu werden, weil sich die SBB weigern, die störanfälligen Züge unter solchen Voraussetzungen in Betrieb zu nehmen. Bombardier hat zwar Techniker entsandt, die sämtliche Fahrten begleiten. Zudem erneuerte der kanadische Bahnbauer die Software und wartete alle Türen. Doch das alles nützte nichts. Die Probleme konnten nicht behoben werden. Die Lieferung war ohnehin um mehr als drei Jahre verspätet und wartet nun auf den Sankt-Nimmerleins-Tag. Bei Betriebsausfällen setzt der Bundesbetrieb in vielen Fällen nun notgedrungen alte Wagenkompositionen ein, die zwar weniger bequem sind und vor sich hin müffeln, aber sie verkehren pünktlich und einwanddfrei –  auch dank dem legendären Vierkantschlüssel.

Doch auch die  VBZ, die Verkehrsbetriebe der Stadt Zürich, haben mit technischen Problemen zu kämpfen und mussten  aus Sicherheitsgründen die gesamte Cobra-Flotte aus dem Verkehr ziehen. Ersatztrams ohne Niederflureinstiege oder eine Reduzierung der Geschwindigkeit von 60 auf 42 km/h sind die Konsequenzen und unregelmässige Fahrzeiten die Folgen.

Der legendäre Wagenschlüssel vierkant der SBB

Katastrophale Zusammenhänge haben die Abstürze zweier Boeing 737 Max 8-Flugzeuge innerhalb von fünf Monaten gezeitigt. Auswertungen von Flugschreiber-Daten weisen auf eindeutige Parallelen hin. Die US-Luftfahrtbehörde soll Boeing unzureichend geprüft haben, wird das Wall Street Journal zitiert. Auch hier scheinen Software-Probleme ursächlicher Natur zu sein. Inzwischen hat dieser Flugzeug-Typ weltweit Startverbot und der Schaden für Boeing ist immens.

Laut NZZ wurden bei den Max-Versionen – analog zum Konkurrenten Airbus mit seinem Modell A320neo – vor allem sparsamere und grössere Triebwerke unter den Tragflächen angebracht. Sie ragen bei Boeing aber weiter als bei anderen Versionen nach vorn und erschweren den Piloten in bestimmten Fluglagen die Kontrolle über die Maschine. Ermittler vermuten, dass eine von Boeing eigens für die neue Flugzeugreihe entwickelte Steuerungssoftware ein wichtiger Auslöser des Absturzes gewesen sein könnte. Sollte die Software auch nach dem jüngsten Unglück im Mittelpunkt stehen, würde der Druck auf den US-Flugzeugbauer Boeing weiter steigen.

Natürlich kann der gute alte Vierkantschlüssel mit der technisch horrenden Entwicklung nicht Schritt halten, aber er führt uns als Metapher die Gefahr unserer Abhängigkeit von Systemen vor Augen, die immer komplexer handzuhaben sind und drohen, ausser Kontrolle zu geraten. Alarmismus ist sicher nicht angezeigt, aber eine etwas kritischere Selbstreflexion darüber, wohin uns ein unkontrollierter Fortschrittsglaube führt, in welcher der Mensch nur noch abhängiger Befehlsempfänger ist, verdeutlicht die jüngsten Entwicklungen auf nachdenkliche Weise.