Ekstase

Das Zentrum Paul Klee, Bern, zeigt Kunst im Zusammenhang mit Rausch, vom «Ausser-Sich Sein».

Worin besteht das Geheimnis von Kunst? Was scheint im Schaffen einer Künstlerin, eines Künstlers im Hintergrund auf? Vermutlich sind solche Fragen im wissenschaftlichen Fach Kunstgeschichte mittlerweile längst gelöst. In der gegenwärtigen Schau im Zentrum Paul Klee geht Kurator Martin Waldmeier der Frage auf konzentrierte Weise nach. Theoretisch dokumentiert sind seine Absicht und sein Konzept in einem Artikel im Magazin Kunsteinsicht, das vom Kunstmuseum Bern und vom Zentrum Paul Klee gemeinsam herausgegeben wird. Praktisch sicht- und miterlebbar ist es in den sechs räumlich gegliederten Themenbereichen der Ausstellung: Hochgefühl/Fall – Augenblick/Ewigkeit – Rausch/Erkenntnis – Euphorie/Taumel – Tanz/Wahn – Individuum/Universum.

Ergänzende und gründliche Informationen enthält auch der umfangreiche Katalog. Er ist, wie die Ausstellung als Ganzes, in Zusammenarbeit mit dem Kunstmuseum Stuttgart entstanden. In Bern jedoch ist das Konzept eher etwas mehr in Richtung von zeitgenössischer Kunst orientiert, was als interessanter Kontrast zur Beschäftigung des Hauses mit Paul Klee und seinen Freunden gelten mag. In Stuttgart wird der Begriff der Ekstase betonter auch auf die Zeit der Antike ausgedehnt als im Berner Zentrum Paul Klee.

Damit ist die Frage «Worin besteht das Geheimnis der Kunst?» und was damit zusammenhängt, allerdings noch nicht beantwortet. Als interessierter Laie und Kunstfreund wird man sich an vorgeschichtliche bildliche Darstellungen in der Art von Höhlenzeichnungen, an ikonengleiche religiöse Bilder von der bibelgeschichtlichen Idylle bis zu den Leiden des Martyriums erinnern. Mit Barock und Klassik öffnet sich die Thematik zur Naturdarstellung – um nur einige Richtungen anzutippen. Wo aber beginnt die Ekstase im künstlerischen Schaffen? Als die ersten verfremdeten Farben, die ersten verbogenen Formen und schliesslich die Abstraktion, der Kubismus, kurz alles, was wir Moderne nennen, auftritt?

Ekstase bedeutet «Ausser-Sich-Sein»

Betrachtet man im Zentrum Paul Klee die Zeichnungen, Gemälde, die ganz wenigen Skulpturen, die Fotografien, Videoinstallationen und Buchillustrationen, kommt man einem Aspekt dieses Geheimnisses auf die Spur. Es gilt auch für Poeten und Musiker, es gilt vorwiegend für die mit Pinsel, Spachtel, Meissel und Kamera schaffenden Zeichner, Druckgrafiker, Maler, Plastiker, Fotografen, Videogestalter, Gestalter von Installationen aller Art: Wer in sich den Anstoss verspürt, etwas Erlebtes zu gestalten, vergisst Zeit und Gegenwart, fühlt sich bewegt von etwas, das ausser ihm selbst lebt. Rausch? Leidenschaft? – Ekstase eben.

Nicht erst mit der neuen gesellschaftlichen Revolution rund um 1968 haben viele Literaten, Musiker und Vertreter der Bildenden Kunst, entweder aus Neugier im Selbstversuch oder süchtig geworden, natürliche und künstliche (LSD!) Drogen verwendet, um sich in die notwendige ekstatische Stimmung zu versetzen. Doch dieser sozusagen künstlich erzeugte Rauschzustand hat vielfach keine überzeugenderen Werke hervorgebracht als der «natürliche». – Auch dieses Phänomen wird in der Ausstellung thematisiert.

So erlebt man diese Ausstellung als Darstellung von ungemein vielseitigem Reichtum an Fakten, ästhetischen Momenten und der immer wieder offenbaren Kombination von Rausch und Erkenntnis.

Andreas Gursky (*1955): May Day IV, 2000. C-Print, Diasec, gerahmt, 152 x 457 cm. © Andreas Gursky, Courtesy Sprüth Magers 2019, ProLitteris, Zürich

Die Massen auf der Strasse, berauscht von irgendeinem sich selbst steigernd verfremdenden Anliegen oder, wie in einem oberitalienischen historischen Brauch «von der Tarantel gestochen», was nur geheilt werden kann durch ekstatisches Tanzen, – immer wieder fängt es beim Individuum an, und wenn viele da sind, überträgt es sich auf alle. Geschildert hat solches schon Elias Canetti in Masse und Macht (1960), seinem grossen philosophischen Werk.

Links: Ferdinand Hodler (1853 – 1918): Entzücktes Weib, 1911 Öl auf Leinwand, 170 x 85,5 cm. Privatsammlung, Bern
Rechts: Otto Dix (1891 – 1969): Bildnis der Tänzerin Anita Berber, 1925. Öl und Tempera auf Sperrholz, 120,4 x 64,9 cm. Sammlung Landesbank Baden-Württemberg im Kunstmuseum Stuttgart. Foto: Frank Kleinbach, © 2019, ProLitteris, Zürich

Nicht von ungefähr ist es vor allem der Tanz, der sich ohne weiteres in einen leidenschaftlichen Rausch steigern kann. Das gilt für den Ausdruckstanz als Solo oder Ballett so gut wie für eine tanzende Gruppe oder gar Menge, ausser sich, leidenschaftlich, euphorisch.

Martin Waldmeier zeigt aber auch die Ekstase in der Erotik, im Augenblick der sexuellen Erfüllung, des Höhepunktes. Dass sogar das Martyrium, der Todesstoss und damit der Höhepunkt des Leidens einer Märtyrerin wie zum Beispiel Theresa von Avila ekstatisch leidenschaftliche Gefühle auslösen kann, hätte man nicht ohne weiteres gedacht.

Marina Abramović (*1946): Freeing the Voice, 1975/1994. Fotografie, 75,6 x 100,3 cm. Kunstmuseum Bern, © 2019, ProLitteris, Zurich

Es sind neben den bewegten, sehr lebendigen Filmen und Installationen einige spannungsvolle Einzelstücke – Bilder, Bücher, Zeichnungen – in den Räumen der Ausstellung zu sehen. Es lohnt sich, genau hinzuschauen, und immer wieder von nahem. Man verlässt das ZPK dann mit Staunen darüber, dass man den Begriff Ekstase wohl noch nie so vielseitig, so bestürzend eindrücklich und so berührend auch verstanden hat. Die Künstler und ihr Geheimnis, beim Erfahren, Sinnieren und Gestalten wohl ein wenig ausser sich zu sein, weckt Bewunderung und vielleicht sogar einen kleinen Anflug von Neid.

Siegfried Enkelmann / Atelier Robertson, Berlin: Sprungstudie (Gret Palucca), 1930. © 2019, ProLitteris, Zürich

Offen bis am 4. August 2019

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