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Alles nur ein Hype?

Die sechzehnjährige schwedische Schülerin Greta Thunberg hat als Klimaschutz-Aktivistin eine solidarische Bewegung ausgelöst, wie man sie kaum für möglich hielt und die uns herausfordert.

Sie ist ein Phänomen: von den einen wie ein Popstar oder eine Heilsverkünderin gefeiert, von anderen als instrumentalisierte  Autistin verunglimpft und ins Pfefferland gewünscht. So richtig bekannt wurde sie bei uns, als sie mit dem Zug ans WEF nach Davos reiste, um die CO2-Belastung einer Flugreise zu vermeiden.

Ihr Aufruf zu kompromissloser Umkehr führte sie alsdann auch nach Brüssel, wo sie vor dem Europäischen Wirtschafts- und Sozialausschuss forderte, dass die EU den CO2-Ausstoss bis 2030 um mindestens 80 Prozent senke.

Am 17. April war Rom an der Reihe, wo sie an der Generalaudienz des Papstes mit dem Plakat „Join the climate strike“ auf ihr Anliegen aufmerksam machte und vom Pontifex Franciscus mit einem Händedruck dazu ermutigt wurde, ihr Anliegen weiter zu vertreten. Gleich danach fuhr sie, wiederum mit dem Zug, nach London, um sich von der Extinction-Rebellion-Bewegung feiern zu lassen und weitere Politiker-Persönlichkeiten zu treffen.

Sie kritisierte erneut eine zu mangelhafte Bereitschaft der Politik zum Handeln gegen den Klimawandel. «Viel zu lange standen die Politiker und die Leute an der Macht im Weg, ohne irgendetwas zu tun, um gegen die Klimakrise und die ökologische Krise zu kämpfen. Aber wir werden sicherstellen, dass sie nicht länger damit davonkommen.“

Auch Papst Franciscus unterstützt die Hartnäckigkeit von Greta Thunberg.

Immer mehr junge Leute beteiligen sich inzwischen auch in der Schweiz an den „Fridays for Future“-Demonstrationen, einer Bewegung, die am 15.3.2019 eine Million Menschen in über 2.000 Städten, in 125 Ländern, auf allen Kontinenten vereinte.

Dabei stirnrunzelnd vor einer medialen Vereinnahmung zu warnen, welche die ernsthafte Klimaschützerin in eine Galionsfigur von willfährigen Protestbewegungen katapultiert, ist nicht abwegig. Es wäre aber auch unfair, der Bewegung ihre Ernsthaftigkeit abzusprechen und die Jugendlichen als blauäugige Phantasten zu apostrophieren. Wer den Begehren allerdings wirtschaftspolitische und gesellschaftliche Fakten gegenüberstellt, muss den Hype in die Niederungen knallharter Erkenntnisse herunterholen. Hier ein paar staubtrockene Zahlen:

 

  • Der Treibhausgasausstoss in der Schweiz hat zwischen 1990 und 2017 um 12 % abgenommen. Das Ziel, diesen bis 2020 um 20 % zu senken, wird möglicherweise nicht erreicht. Zudem verursacht die Schweiz nicht nur im Inland Emissionen, sondern – durch den Import von Gütern – noch höhere im Ausland. Der Klimawandel äussert sich in der Schweiz überdurchschnittlich: Die mittlere Jahrestemperatur ist seit Messbeginn 1864 um 2°C gestiegen, gut doppelt so stark wie im globalen Mittel. Bundesamt für Umwelt BAFU

 

  •  Chinas Aufschwung wird mit Klimaschäden bezahlt: Mit riesigem Abstand auf Platz eins und damit der größte Klimasünder ist die Volksrepublik China. Im Jahr 2015 war das bevölkerungsreichste Land der Erde für 28,03 % des globalen CO2-Ausstoßes verantwortlich.
  • Auf dem zweiten Platz des Rankings der größten Klimasünder liegen die USA mit 15,99%, die bis vor ein paar Jahren noch den Spitzenplatz einnahmen.
  •  Auf dem dritten Platz des unrühmlichen Rankings liegt Indien, das im Jahr 2015 für 5,81 % des Kohlenstoffdioxid-Ausstoßes verantwortlich war.
  • In Europa ist Deutschland mit 2,36% der größte Klimasünder. Quelle: Oekostrom-Aktuell.de 2019

 

  • Statt eine kohärente Energiepolitik zu formulieren, applaudiert man Jugendlichen mit unerfüllbaren Forderungen: Das ist Populismus. Die jugendlichen Klima-Rebellen glauben, dass nur ein völlig anderes Wirtschaftssystem die Erderwärmung bremsen kann. Wenn der Klimaschutz Wohlstand vernichtet, wird er keine Mehrheiten finden.
  • Die Utopie ist das Vorrecht der Jugend. Wer das so konstatiert, ist jedoch nicht weit vom Paternalismus entfernt. Die Demonstranten verdienen, ernst genommen zu werden – auch durch Kritik.
  • Die bürgerlichen Kräfte haben es versäumt, sich für einen marktorientierten Klimaschutz zu engagieren. NZZ-Chefredaktor Eric Gujer

 

  • Es braucht Länder, die nicht auf die Uno warten, sondern die Verantwortung für das, was sie selbst machen, übernehmen und schneller vorangehen.
  • Jeder Flug, den ich mache, verkürzt das Leben eines anderen Menschen. Patrick Hofstetter leitet beim WWF Schweiz die Fachgruppe Klima und Energie.

 

  • Die Vielfliegerei ist zum Lifestyle der modernen Menschen geworden – und für das Klima zur Belastung. Man weiss, wie schädlich das Fliegen ist, und tut es trotzdem. Und jetzt soll die Politik einen Ausweg aus dem Gewissensdilemma offerieren. Helmut Stalder in der NZZ

 

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